Rosenheim – In den Maschinenräumen der Stadtwerke Rosenheim ist es laut. So laut, dass man sein eigenes Wort nicht versteht. Und auch das von Rolf Waller nur schlecht. Der Bereichsleiter des Heizkraftwerks trägt einen weißen Helm auf dem Kopf, während er erklärt, wie eine Großwärmepumpe die Wohnungen der Rosenheimer heizt. Und das mit Flusswasser aus dem Mühlbach, der gerade nur 13 Grad hat.
Die erste von drei Wärmepumpen in der Schönfeldstraße wurde 2022 in Betrieb genommen. Die beiden weiteren Anlagen kamen ein Jahr später hinzu. „Bis dahin hatten wir bereits ein Müllheizkraftwerk in Rosenheim stehen, um die Bürger mit Strom und Wärme zu versorgen“, erklärt Rolf Waller. Die Hälfte der Wärme sei aus der Müllverbrennung gekommen, die andere Hälfte aus der Verbrennung von natürlichem Erdgas. „Es war schon immer die Frage: Was ist unser Beitrag zur Energiewende?“, sagt er.
Erdgasnutzung
schrittweise abbauen
Es sei Aufgabe der Stadtwerke, die 50 Prozent der Erdgasnutzung schrittweise abzubauen. „2019 kam dann das Ausschreibungsmodell mit den innovativen Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, worauf wir uns beworben haben“, erinnert sich Waller. Um den Anteil der erneuerbaren Energien über Wärmepumpen zu gewinnen. In Summe kostete das rund 25 Millionen Euro. „Drei Wärmepumpen plus drei Gasmotoren und zwei Elektrokessel haben wir angeschafft“, zählt Waller auf.
Mithilfe dieser Geräte kann aus kaltem Flusswasser noch Wärme gewonnen werden. „Man glaubt es kaum, aber das ist das Faszinierende“, sagt der Bereichsleiter und schmunzelt. An diesem Vormittag beträgt die Wassertemperatur im Mühlbach 13 Grad. Draußen ist es noch gute drei Grad kälter, ein eisiger Wind weht bei wolkenverhangenem Himmel. „Es ist also kalt genug, dass die Rosenheimer Wärme brauchen“, sagt Waller. Bis zu einer Wassertemperatur von sechs Grad können die Anlagen ganz normal laufen. Ab drei Grad werden sie allerdings abgeschaltet. „Da können wir nichts mehr rausholen. Sonst sind wir schon an der Frostgrenze und da würden auch die Anlagen einfrieren.“
Vom Mühlbach zu den Wärmepumpen in der Schönfeldstraße führen mehrere Leitungen, die sich als metallene Rohre an der Außenwand des Gebäudes nach oben recken. Durch diese fließt das Flusswasser zu den Anlagen. „In einem Wärmetauscher wird die Wärme aus dem Wasser entnommen und über einen Glykol-Kühlwasser-Kreislauf zur Wärmepumpe geführt“, erklärt der Experte. Dort erzeugt das Wasser mithilfe eines Ammoniak-Kreislaufs, der mit Strom von außen angetrieben wird, die Wärme. „Eigentlich eine ganz simple Technik“, meint Waller – auch, wenn es sich nicht so anhört. Dazu gehören einfache Wärmetauscher, viele Pumpen, viel Regelungstechnik und viele Rohrleitungen.
Im Prinzip könne man sich das System wie einen Kühlschrank vorstellen. „In ihn wird auch Strom hineingesteckt, er hängt an der Steckdose. Gleichzeitig wird dem Innenraum die Wärme entzogen, um die Lebensmittel zu kühlen“, erklärt Waller. Die entzogene warme Luft wird auf der Rückseite des Kühlschranks herausgepustet. Im Fall der Wärmepumpen der Stadtwerke ist es umgekehrt. Durch die Pumpen wird dem Wasser zwar auch Wärme entzogen, aber das kalte Wasser fließt wieder raus. Die dabei gewonnene Wärme wird ins Fernwärmenetz eingespeist.
Das Mühlbach-Wasser kommt dadurch kälter wieder in den Flusslauf zurück. „Wir entziehen ihm gerade sechs Grad. Das Wasser fließt also mit sieben Grad wieder rein“, erklärt Waller. Aber diese sechs Grad, die die Stadtwerke nutzen, sind „quasi geschenkt“. Das betont auch Wallers Kollege Sebastian Hochmuth. Er ist bei den Stadtwerken als Projektleiter für die Großwärmepumpen tätig und hat die wichtigen Zahlen parat. „Wir geben eins bis 1,5 Megawatt Strom hinzu. Der Wärme-Output liegt dann bei 4,5 Megawatt“, sagt Hochmuth. Das sei das Innovative an dieser Form der Wärmegewinnung.
Für Rosenheim ist die Gewässerthermie samt Großwärmepumpe wichtig. Das betont Christian Baab, Pressesprecher der Stadt. „Sie ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Bestrebungen, in Rosenheim den Anteil der erneuerbaren Energien weiter zu erhöhen“, sagt er. In Anbetracht der sich verändernden klimatischen Bedingungen dürfe sich auch eine Stadt wie Rosenheim ihrer Verantwortung nicht entziehen.
„Die zentrale Lage der Stadtwerke Rosenheim bietet uns zudem ein hohes Maß an Versorgungssicherheit durch kurze Wege und geringe Leistungsverluste“, sagt der Pressesprecher weiter. Dadurch ergeben sich ihm zufolge auch im Krisenfall schnelle Reaktions- und Versorgungsmöglichkeiten.
Trotz der vielen Vorteile ist klar: Die Stadtwerke greifen mit dem ganzen Prozess in Umwelt und Natur ein. Das Flusswasser wird durch den Prozess schließlich kälter. „Eigentlich ist das aber gut für den Fluss“, sagt Hochmuth. Denn die Gewässer würden ohnehin immer wärmer werden. Durch die Technik der Großwärmepumpe kühle es etwas ab.
„Ich würde sagen, das wirkt sich nahezu überhaupt nicht auf die Lebewesen im Fluss aus“, sagt auch Bereichsleiter Rolf Waller. Es werde nur ein kleiner Teil der Wassermenge aus dem Mühlbach entnommen. „Das vermischt sich innerhalb der ersten Meter“, betont Waller. Dennoch arbeiten die Stadtwerke ihm zufolge eng mit Umweltbehörden zusammen. „Wir nutzen letztlich ein Gewässer, das muss eng abgestimmt sein.“
Um die Wärmepumpen ins Gebäude zu bringen, wurden in der Bauphase extra große Öffnungen ausgespart, wie Rolf Waller erzählt. „Später wurden sie wieder zugemacht.“ Jetzt sind von außen nur noch drei Türen zu sehen. Sie liegen in etwa eineinhalb Metern Höhe. Auch, um die Anlagen vor Hochwasser zu schützen und so auch im Extremfall für warme Wohnungen sorgen zu können.
Die Großwärmepumpe versorgt etwa 10.000 Haushalte mit Wärme. Und für die Bewohner ist das von Vorteil. „Die Wärmepumpen sind keine Emissionsquelle, wir haben keinen Kamin und keinen Verbrennungsprozess“, erklärt der Experte. Dementsprechend entstehen keine Luftschadstoffe. Außerdem handele es sich um „grüne Wärme“, die ein großes Umweltpotenzial nutzt.
Arbeit im
Megawattbereich
Im Gegensatz zu hauseigenen Wärmepumpen ist bei den Stadtwerken alles „ein bisschen größer“, wie Waller sagt. Vielen Bürgern seien Wärmepumpen als kleine, überschaubare Kästen im Keller ein Begriff. „Der große Unterschied zu unserer Technik ist: Wir sind hier im Megawattbereich, wir sind in der Kraftwerkstechnik“, betont er.
Von der Arbeit, die die Pumpen tagtäglich leisten, bekommen die Rosenheimer Bürger allerdings wenig mit. Und das soll auch so sein. „Da wir mitten in der Stadt liegen, müssen wir darauf achten, dass alles leise ist, es nicht riecht, und auch die Vibrationen der Motoren müssen reduziert werden“, betont Waller.
Dass auch in Zukunft die Großwärmepumpe in Rosenheim gute Dienste leisten wird, davon ist Waller überzeugt. „Sie ist sehr zukunftssicher“, betont er. Vor allem, was Rosenheim betreffe. Denn durch die Stromerzeugung im Müllheizkraftwerk und die weitere Erzeugung durch die Wärmepumpe wird die Stadt unabhängiger – von Importen, Drittstaaten und damit auch von Krisen überall auf der Welt.