Rosenheim – Bei ihrem jährlich stattfindenden Empfang, zu dem die Stadtratsfraktion der Freien Wähler/UP unter Leitung von Christine Degenhart ins „Werk 1“ eingeladen hatte, standen zwei Vorträge zu brisanten gesellschaftlich relevanten Themen auf dem Programm. Der Wasserwissenschaftler Professor Dr.-Ing. Wolfgang Günthert sprach über den Umgang mit Wasser bei der Städteplanung, der Architekt Florian Dilg über kostengünstigeres Bauen.
Die Vision der
Schwammstadt
Günthert, der erst vor Kurzem von Umweltminister Thorsten Glauber den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland verliehen bekam, gilt als Experte für den Umgang mit Starkregenereignissen und Überschwemmungen sowie dem Gegenteil, den Trockenperioden.
Er sieht in Europa kein grundsätzliches Problem mit Wasser. Das lebenswichtige Element sei ausreichend vorhanden. Ein Problem sei jedoch, dass zu viel Wasser einfach in Flüssen über die Grenzen abgeleitet werde. Es müsse mehr Wasser im Land gespeichert werden, und dies vor allem im Boden, also als Grundwasser, das künftig die wichtigste Ressource sein wird.
Regenwasser kann laut Günthert auch in Städten ins Grundwasser eingebracht werden. Dies könne durch den Umbau von Städten in sogenannte Schwammstädte erreicht werden. Diese zeichneten sich dadurch aus, dass versiegelte Flächen wieder geöffnet und gegebenenfalls bepflanzt werden. So könne das Regenwasser nicht nur versickern, sondern würde anschließend von den Pflanzen aufgenommen und schließlich verdunsten. Da für die Verdunstung von Wasser viel Energie notwendig ist, würden die Pflanzen die Stadt kühlen und zudem in vielen Fällen Schatten spenden.
Stadtbegrünung sei damit auch Klimaschutz und Menschenschutz, da nicht nur durch Überschwemmungen, sondern auch durch extreme Hitze viele Menschen umkommen. Ein riesiges Potenzial bei der Begrünung von Städten sieht Günthert an den Gebäuden: Fassaden könnten begrünt werden, Dächer könnten als Gründächer ausgebildet werden. So würde das Gebäude nicht nur gekühlt, sondern würde im Humus auf dem Dach Wasser speichern.
Da der Umbau zu Schwammstädten lange dauert, empfiehlt Günthert den Bürgern, sich sofort um den persönlichen Hochwasserschutz zu kümmern. Wer ein Haus hat, sollte prüfen, ob der Keller bei Starkregen gefährdet ist. Wasser könne nicht nur durch Fenster in Lichtschächten oder Türen an Außentreppen eindringen, sondern bei einem Rückstau in der Kanalisation auch durch die Abwasserleitung. Der Einbau einer Rückstauklappe sei eine Lösung, das Hochpumpen des Abwassers über Straßenniveau eine andere. Um sich über seine Lage bei Hochwasser zu informieren, sollte man im Internet nach Gefahrenkarten suchen, die es bereits für viele Gebiete gibt.
Günthert sieht in jedem Fall die Entscheidungsträger, also die Stadt- und Gemeinderäte, in der Verantwortung. Sie müssten die richtigen Entscheidungen treffen und diese müssten auch umgesetzt werden: „Die beste Idee nützt nichts, wenn sie nicht umgesetzt wird.“ Zusammenfassend stellte Günthert fest, dass es viele Probleme im Zusammenhang mit Wasser in Siedlungsgebieten gebe, das Gute dabei sei: „Alle sind lösbar.“
Eine andere Herausforderung beschäftigt Florian Dilg: die durch übersteigerte Normen sinnlos in die Höhe getriebenen Baukosten. Der Architekt und Städteplaner hält nicht alles für notwendig, was man machen kann. Beim Wohnungsbau könne viel gespart werden, wenn man etwa auf Lüftungsanlagen verzichtet. Diese würden nicht nur beim Einbau viel kosten, sondern auch Folgekosten für Energie, Wartung und Reparaturen oder Austausch verursachen. Lüften könne man billiger, indem man das Fenster öffne.
Dilgs Rezept für kostengünstiges Bauen: „Nichts bauen, was man nicht braucht, nur das bauen was man wirklich braucht.“ Denn: „Dinge, die man nicht baut, kosten nichts.“ Man müsse auch die Bewehrung von Beton nicht übertreiben. Auf sogenannte Angsteisen – so die Bezeichnung sicherheitshalber eingebauter, aber statisch überflüssiger Bewehrung – könne man verzichten. Man könne auch mit einfachen Mitteln ein Haus bauen. Dies sei nicht falsch, sondern nur anders.
Herausforderung in der Umsetzung
Er rechne aber nicht damit, dass seine Vorstellungen vom einfachen und kostengünstigen Bauen schnell umgesetzt werden. Ein Problem sei dabei die kognitive Dissonanz bei Entscheidungsträgern. Viele von ihnen würden zwar das Bessere, etwa flächensparendes und damit kostengünstigeres Bauen, wollen, dann aber doch Bebauungspläne aufstellen, die fast nur große Parzellen für Einfamilienhäuser vorsehen. Er sehe es aber schon als Erfolg, „dass über das Thema geredet wird.“