Rosenheim – „Was ist der Historische Verein Rosenheim? Eine andauernde Liebeserklärung an die Stadt und ihr Umland, an ihre Menschen.“ So formulierte es Simon Hausstetter, der Zweite Vorsitzende des Vereins. Er und Karl-Heinz Brauner, Vorsitzender des Vereins, hatten die Aufgabe gestellt bekommen, in Social-Media-tauglicher Kürze – also in 56 Sekunden – zusammenzufassen, was für sie der Kern des Historischen Vereins sei.
Geschichte als Anker
in turbulenten Zeiten
Diese kurze Einlassung Hausstetters bei der Podiumsdiskussion im Rahmen der Feier zum 125-jährigen Jubiläum des Vereins machte vieles deutlich: Es geht vor allem um die Menschen, die heute in und um Rosenheim leben. Für sie arbeitet der Historische Verein.
Verbundenheit mit dem Ort, in dem man lebt, ein Heimatgefühl setzt, wie Oberbürgermeister Abuzar Erdogan in seiner Festansprache formulierte, auch Wissen über dessen Vergangenheit voraus. Denn man kann nur dann jemanden wirklich mögen und ihm nahe sein, wenn man eine Ahnung davon hat, wie er zu dem geworden ist, was er heute darstellt. Ist diese Art von Verbundenheit gegeben, kann sie in einer Zeit, die zunehmend turbulenter und unsicherer zu werden scheint, wenigstens ein klein wenig Halt und Orientierung geben. Dies geschieht schon allein dadurch, dass man weiß, dass die Zeiten eigentlich nur selten ruhig und friedlich waren.
Der Oberbürgermeister nahm auch darauf Bezug: Die Gründung des Historischen Vereins vor 125 Jahren fiel, so betonte er, in eine Phase, die ebenfalls massiv durch Wandel und Veränderung geprägt war. Insofern ist der Historische Verein heute so aktuell und lebendig wie damals, als er gegründet wurde: Auch heute geht es darum, eine feste Basis historischen Bewusstseins zu schaffen, von der aus man auf die Herausforderungen der Zukunft blicken kann.
Aufarbeitung der
eigenen Vergangenheit
Geschichte, so formulierte es Landrat Otto Lederer, kann helfen, „aktuelle Entwicklungen einzuordnen, Fake News zu entlarven und alternative Wahrheiten zu enttarnen.“ Dabei sei, so Abuzar Erdogan, besonders positiv zu erwähnen, dass der Verein auch vor der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit nicht zurückschrecke. Die Festschrift, die der Verein zum 125-jährigen Jubiläum herausgegeben hat und die bei der Geschäftsstelle erworben werden kann, ist deshalb keineswegs ein Eigenlob über errungene Erfolge. Sie ist vielmehr eine durchaus sehr selbstkritische Bestandsaufnahme – ganz im Sinne des berühmten Wortes von Leopold von Ranke: „Man will nur zeigen, wie es eigentlich gewesen.“
Moderne Wege der
Geschichtsvermittlung
Dies setzt aber voraus, dass man die Menschen, die heute in Stadt und Umland leben, auch erreicht. Deshalb setzt der Historische Verein, wie sein Vorsitzender Karl-Heinz Brauner bei der Podiumsdiskussion erläuterte, heute auf eine Vielzahl von „Vermittlungsalternativen“. Dazu zählen nach wie vor die Buchveröffentlichungen. Die Reihe „Das Bayerische Inn-Oberland“, die fast seit Anbeginn ein Aushängeschild des Vereins ist, wird es geben, solange es den Verein gibt, wie Simon Hausstetter betonte.
Daneben setzt man – anders als in früheren Jahrzehnten – auch auf Vorträge und Exkursionen, in denen man Menschen noch direkter ansprechen kann. Um diese Kommunikation nicht als Einbahnstraße zu belassen, hat der Verein auch ein neues Format ins Leben gerufen: die „Stammtische“, bei denen in lockerer Folge und in offener Runde zu den verschiedensten Themen diskutiert werden kann.
Nicht zuletzt spielt der Verein auf der gesamten Klaviatur, die Digitalisierung und neue Medien heute bieten: Die Zeitzeugeninterviews, die auf dem YouTube-Kanal des Vereins veröffentlicht werden, haben mittlerweile fast schon Tradition. Seit einiger Zeit werden sie etwa ergänzt durch die Internetreihe „Rosenheimer Miszellen“, in der kurzfristiger als in der Buch-Reihe interessante Kurzaufsätze und Berichte veröffentlicht werden können.
Im Dialog
mit der Geschichte
Der Historische Verein, so fasste es der Historiker Dr. Felix Steffan bei seinem Festvortrag am Vorabend der eigentlichen Jubiläumsfeier zusammen, sei immer auch ein Spiegel seiner Zeit mit all ihren Licht- und Schattenseiten. Gerade dadurch mache er auch sichtbar, wie Geschichte entstehe. Womit auch seine vornehmste Aufgabe benannt ist: Nicht nur Vergangenes zu bewahren, sondern die Menschen immer wieder neu mit ihrer Geschichte ins Gespräch zu bringen.