Rosenheim – Sigrid Rechenauer erklärt im OVB-Interview, warum selbst Bestnoten keine Garantie mehr sind, um am Karolinen-Gymnasium einen Platz zu bekommen, nach welchen Kriterien Schüler ausgesiebt werden und warum der Beruf oder die Nationalität der Eltern absolut keine Rolle spielen.
Der Ärger bei einigen Eltern ist groß, weil ihr Kind am Karolinen-Gymnasium keinen Platz bekommen hat.
Das kann ich nachvollziehen. Umso wichtiger ist es, die Hintergründe zu verstehen. Unser neues Schulgebäude wurde 2021 eröffnet. Der Neubau war mit bestimmten Auflagen verbunden, die erfüllt werden mussten, damit das Vorhaben förderfähig ist. So sind zwar mehr Fachräume entstanden, die wir natürlich auch brauchen, aber pro Jahrgangsstufe nur noch fünf Klassenzimmer. Mehr Platz haben wir nicht.
Wie viele Fünftklässler gibt es im kommenden Schuljahr am Karolinen-Gymnasium?
Wir sind ans Limit gegangen. Die zulässige Obergrenze pro Klasse liegt bei 33 Schülern. Wir haben heuer drei Klassen mit 33 und zwei Klassen mit 32 Schülern. Man darf nicht vergessen, dass es aus der jetzigen fünften Klasse möglicherweise einen oder zwei Wiederholer gibt oder ein Kind aus einer anderen Stadt in die unmittelbare Nachbarschaft zieht. Hier brauchen wir Reserven.
Insgesamt haben wir also 163 Kinder aufgenommen. Und das, obwohl wir von München die Erlaubnis hätten, weniger Kinder aufzunehmen.
Aber?
Um jedes Kind, das wir ablehnen müssen, tut es mir leid. Aber wir stehen nun einmal mit dem Rücken zur Wand.
Werden eigentlich nur Kinder aus Rosenheim genommen?
Alle Schüler, die nicht aus dem Landkreis Rosenheim kommen, dürfen wir nicht aufnehmen. Wir hatten etwa einige Einschreibungen aus Aßling, die wir natürlich weggeschickt haben. Gleiches gilt für Schüler aus Rott, Halfing, Vogtareuth, Söchtenau oder Rohrdorf.
Wenn allerdings ein Geschwisterkind schon an unserer Schule ist, dann nehmen wir den Schüler auf. Auch wenn er beispielsweise aus Vogtareuth kommt. Wir können es einer Familie nicht zumuten, dass ihre Kinder zwei verschiedene Gymnasien besuchen, wenn sie das nicht wollen.
Kommt das häufig vor?
Bei uns haben sich heuer circa 50 Geschwisterkinder angemeldet. Diese Kinder musste ich mir gar nicht näher anschauen, weil sie bei uns Vorfahrt haben. Da spielt es auch keine Rolle, ob sie von Grundschulen kommen, von denen wir sonst aufgrund der Entfernung eher selten Schüler aufnehmen.
Also schauen Sie und Ihre Kollegen vor allem auf die Entfernung?
Das ist das Hauptkriterium. Aber manchmal ist die Entscheidung eben schwierig. Nehmen wir beispielsweise den Schloßberg. Für die Kinder dort gibt es keine wirkliche Alternative zu Rosenheim, wenn sie aufs Gymnasium wollen. Wenn aus einer vierten Klasse dann schon vier Geschwisterkinder am Karo sind und sich ein weiteres Kind aus dieser Klasse anmeldet, kann ich es nicht abweisen. Ich möchte, dass die Freunde zusammenbleiben. Wir schauen uns also jedes einzelne Kind an und entscheiden dann zum Beispiel auch danach, ob eine andere Schule leicht zu erreichen ist.
Hat es seit dem Neubau denn noch einmal einen zusätzlichen Ansturm gegeben?
Das würde ich nicht unbedingt sagen. Im Vergleich zu früher können wir heute einfach weniger Schüler aufnehmen. Wir hatten vor den Baumaßnahmen – wie gesagt – mehr Klassenzimmer und konnten daher sechs Eingangsklassen bilden, die alle voll waren.
Aber einen zusätzlichen Anreiz schaffen die neuen Räume doch sicherlich.
Natürlich. Wir haben auch ein besonderes pädagogisches Konzept mit unseren Lerninseln. Zudem bieten wir in der Unterstufe MINT-Klassen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) und MuT-Klassen (Medien und Theater) an, die sehr gerne gewählt werden. Früher hatten wir reine MINT- und MuT-Klassen. Das geht mittlerweile gar nicht mehr, weil wir versuchen, so viele Schüler wie möglich aufzunehmen und möglichst viele Wünsche zu erfüllen.
Einige Eltern befürchten, dass ihr Beruf mit der Absage zu tun hatte.
Das stimmt absolut nicht. Unsere Entscheidung hat weder etwas mit den Übertrittsnoten noch mit den Berufen der Eltern oder der Nationalität zu tun. Ich musste Schüler mit einem Notendurchschnitt von 1,0 abweisen. Wie gesagt: Es ist jedes Mal eine Einzelfallentscheidung.
Wie viele Kinder haben eine Absage bekommen?
30 Kinder konnten wir leider nicht aufnehmen. Aber es gab auch Schuljahre, in denen es deutlich mehr waren.
Hört sich nicht nach einer einfachen Entscheidung an.
Ist es auch nicht. Zumal die Eltern, deren Kinder nicht aufgenommen werden können, dafür wenig Verständnis haben. Erst kürzlich hat mir eine Mutter vorgeworfen, dass ich ihr Kind aufgrund seiner Nationalität nicht nehme. Das ist Unsinn. Wir haben an unserer Schule etwa 30 Prozent Schüler mit Migrationshintergrund. Das ist für mich absolut kein Thema. Es gibt einfach mehr Anfragen, als wir Klassenzimmer haben.
Aber wären mehr Klassenzimmer bei der Planung nicht sinnvoll gewesen?
Das war nicht möglich, weil der Platz nicht da war. Neben dem Schulgebäude mussten auch Mensa, offene Ganztagsschule und Pausenhof auf dem Schulgelände untergebracht werden. Und gerade entsteht die neue Dreifachturnhalle. Die wird auch von zahlreichen Rosenheimer Vereinen dringend benötigt.
Was passiert mit den Schülern, die Sie ablehnen mussten?
Jedes Rosenheimer Kind hat einen Platz an einem Rosenheimer Gymnasium bekommen. Wir am Karolinen-Gymnasium haben festgelegt, dass bei der Voranmeldung auch immer eine alternative Schule angegeben werden muss. Wenn dort Plätze frei sind, dann bekommt das Kind vielleicht am Karo keinen Platz, dafür aber an der Alternativschule, wo es sich genauso wohlfühlt und seine schulische Laufbahn erfolgreich fortsetzen kann.
Anna Heise