Rosenheim – Die Soldaten kommen nach Rosenheim. Mit Schwertern, Schilden und Kettenhemden. Direkt an der Mangfall schlagen sie ihr Lager auf. Errichten Zelte und einen Schutzwall. In der Stadt findet am Wochenende um den 20. und 21. Juni das große Römerfest statt. Im Rahmen der Römer-Ausstellung im Lokschuppen lassen sich zahlreiche römische Legionen – Verband von einigen Tausend Soldaten –, Kaiser und Handwerker im Mangfallpark nieder. Einer der Soldaten ist Uwe Herwegh. Der Mann aus Großkarolinenfeld leitet die „Legio IX Hispana“ und ist maßgeblich am Römerfest beteiligt. Im OVB-Gespräch verrät er, was das Lager zu bieten hat, worauf großen Wert gelegt wird und warum erwachsene Männer mit Rüstungen und Helmen herumlaufen.
Beim Römerfest in Rosenheim sind Sie mit Ihrer Legion unterwegs – tragen Sie auch mal Alltagskleidung oder nur noch römische Rüstungen?
Im Moment ist es so, dass ich eigentlich jedes zweite Wochenende römische Kleidung anhabe. Vor allem sonntags. Da finden unsere Museumsfeste am Römermuseum in Seebruck statt. Auch für Veranstaltungen in der Ausstellung im Lokschuppen trage ich das Soldatenoutfit. Ansonsten sieht man mich auch in Alltagsklamotten (lacht).
Wie kommt’s, dass Sie in einer römischen Legion sind – die gibt’s seit Jahrtausenden nicht mehr?
Wir von der „Legio IX Hispana“ sind, wie die Mitglieder der anderen Legionen auch, Reenactors. Das sind historische Darsteller, und dabei ist es wichtig, dass es geschichtlich sehr authentisch ist. Anders als im Fantasy-Bereich. Uns ist wichtig die Authentizität, eine geschichtlich korrekte Darstellung. Darauf legen wir großen Wert. Wir nähern uns dem Ganzen immer an, das heißt so ein bisschen experimentelle Archäologie. Wir orientieren uns an Funden, was auf Mosaiken zu sehen ist, Schriftstücken, was halt alles praktisch in Museen gefunden wurde. Das, was wir darstellen, muss tatsächlich auch belegt sein. Auch unsere Ausrüstung muss genau so sein, wie sie damals war.
Aber warum eine Legion?
Ich bin ja schon länger in der Reenactment-Szene und in anderen Gruppen unterwegs. Zumal ich mich auch sehr für das römische Lagerleben und Militär interessiere. Und irgendwann kam der Wunsch nach etwas Eigenem. In der Folge habe ich ein paar Plakate gedruckt, paar Leute zusammengesucht. Der Turbobooster war dann die Zusammenarbeit mit dem Römermuseum Seebruck, dessen Hauslegion wir sind.
Die „Legio IX Hispana“ gab es tatsächlich, warum fiel die Wahl darauf?
Es war kein Zufall. Mir war wichtig, dass ich eine Legion darstelle, die von Julius Cäsar gegründet worden ist. Und die wurde 58 v. Chr. von Julius Cäsar gegründet. Der zweite Grund ist, dass unser Ankerpunkt, das Römermuseum Seebruck, in Noricum liegt. Alles östlich vom Inn war damals die Provinz Noricum. Und die „Legio IX Hispana“ ist da durchgekommen, das belegt ein Legionsziegel.
Was weiß man noch über diese Legion?
Sie war eine sehr kämpferische Einheit, ein bisschen umstritten. Sie war die einzige Einheit, die unter drei Kaisern gemeutert hat. Die Soldaten haben mit Cäsar im Gallischen Krieg gekämpft. Danach im Bürgerkrieg gegen Pompeius. Die Legion wurde dann kurz aufgelöst, hat dann aber Octavian, also den späteren Augustus, in seinem Krieg unterstützt. Zumal sie in berühmten Schlachten wie in Pharsalos dabei war. Auch bei der Invasion in Großbritannien war sie dabei. 161 n. Chr. soll sie komplett vernichtet worden sein.
Gibt es bei den Reenactors nur Legionen und Soldaten oder auch andere Rollen?
Klar gibt es andere Bereiche. Zum Beispiel den Handwerksbereich mit einem Schmied, der so schmiedet, wie damals. Genauso gibt es Kaiser. Wir haben einen in der Gruppe, der Kaiser Vespasian darstellt. Die Reenactor-Gruppen aus Italien haben sehr viele Kaiser-Darsteller, das ist manchmal ein bisschen inflationär (lacht). Aber die machen das auch sehr gut.
Spielt es eine Rolle, ob jemand Kaiser oder Soldat ist oder welchen Rang man hat?
Für die Darstellung und so wie es die Besucher wahrnehmen, natürlich. Zum Beispiel beim Einlauf, der Pompa, wenn die ganzen Legionen auf die Aufstellungsfläche gehen, ist das schon wichtig. Da gibt es Hierarchien. Erst der Kaiser, die Generäle, der Offiziersstab, der Präfekt, der das Lager leitet. Und dann kommen die Soldaten. Untereinander spielt das keine Rolle, wir sind alle gleich. Ich bin zwar der Leiter der Legion, aber als Darsteller ein einfacher Soldat.
Wie eignet man sich seine Rolle an?
Sehr viel lesen, in Geschichtsbüchern. Da muss man sich schon einiges an Wissen aneignen. Bei uns macht das aber jeder gerne, das sind alles Rom-Fanatiker. Das ist nicht nur ein Hobby, sondern Passion.
Und wie kommen Sie zur Ausrüstung und Kleidung?
Inzwischen kann man sich vieles kaufen. Da gibt es gute Ausrüster, die sich da spezialisiert haben. Von verschiedenen Schwertern bis Bekleidung. Man kann sich auch Helme eigens schmieden lassen, das kostet schon mal um die 500 Euro. Ich kenne auch jemanden, der gerne mal den Präfekten darstellt: Dessen Ausrüstung kostet rund 15.000 Euro. Panzer, Helme, das sind alles Einzelanfertigungen. Viele machen ihre Ausrüstung aber auch selbst. Zum Beispiel die kurzen Lederhosen, die Tuniken oder die Ledertaschen. Oder auch die Kettenhemden. Meine Frau hilft mir da sehr und stellt einige Sachen selbst her.
Am 19. Juni ziehen Sie mit Ihrer Legion in Rosenheim ein – ist schon alles vorbereitet?
Wir sind groß am Vorbereiten. Kurz bevor es losgeht, werden wir unsere zugewiesene Fläche abstecken, die Zelte aufbauen und ein Geschütz abholen. Meistens wird es am Aufbautag nochmal hektisch, vor allem wenn die ganzen anderen Gruppen kommen. Teilweise aus Österreich und Italien.
Bleiben die Legionen auch über Nacht im Lager?
Ja, die meisten von uns übernachten auch im Lager.
Was darf man sich unter dem römischen Lager, das beim Fest im Mangfallpark aufgebaut wird, vorstellen?
Der Aufbau orientiert sich an einem römischen Marschlager. Wenn man reinkommt, befindet sich geradeaus das Praetorium, das Zelt, in dem der Feldherr und sein Stab sind. Da stellen wir die Standarte und den Adler auf. Links und rechts davon ist der militärisch-zivile Bereich, wo wir eben die ganzen Stände haben. Aufgebaut ist es in U-Form, damit die Besucher durchgehen können. Dazu kommen Gladiatoren, eine Reitereinheit oder eine Keltengruppe. Zudem sechs oder sieben Legionen aus Deutschland, Österreich und Italien. Wir erklären auch die ganze Ausrüstung, das Handwerk oder römische Vermessungsgeräte. Es wird auch ein Kampftraining mit Schwertern geben. Und natürlich kann man Fotos machen, wenn man einen römischen Helm aufhat.
Bei Ihrer Leidenschaft – was bedeutet es, dass so ein Römerfest in Rosenheim stattfindet?
Das ist klasse, ein Homerun. Das ist für unsere Gruppe sehr wichtig. Normalerweise müssen wir nach Wien oder noch weiter für solche Feste fahren. Wir haben rund 25 Mitglieder und die freuen sich alle schon.
Gehört das Rosenheimer Lager im Vergleich zu den größeren oder kleineren?
Zum oberen Mittelfeld auf alle Fälle. Von der Größe und der Anzahl der teilnehmenden Gruppen zumindest. In Remagen zum Beispiel waren es bloß zwei oder drei Gruppen – und das ist eine richtige Römerstadt. Was natürlich ganz besonders ist, sind die Lager oder Umzüge in Italien. Entweder in Rom zum Geburtstag der Stadt oder in Pompeji.
An diesen Originalschauplätzen als Reenactor zu sein, das ist die Champions League, da bekomme ich schon Gänsehaut, wenn ich nur daran denke. Aber Rosenheim kann sich definitiv sehen lassen.
Julian Baumeister