Nikotin-Kick aus dem Tütchen

von Redaktion

Laut Experten werden Zigaretten so wenig geraucht wie nie zuvor. Stattdessen werden Alternativen wie tabakfreie Nikotinbeutel und Snus immer beliebter. Mit süßen Geschmacksrichtungen und modernen Designs liegen die Produkte vor allem bei jungen Menschen im Trend.

Rosenheim – „Zigarettenrauchen ist bei Jugendlichen auf dem historischen Tiefstand, gleichermaßen gibt es bei Vapes, E-Zigaretten und Snus eine Gegenbewegung. Diese nehmen zu.“ Das erklärt Christoph Simbeck, Bereichsleiter der Prävention und Jugendberatung der Suchtberatungsstelle neon in Rosenheim. Er fügt auch gleich hinzu, wieso das so ist: „Das kratzt nicht und hat keinen ekelhaften Rauchgeschmack. Das ist angenehm, schmeckt nach Kirsche, Zitrone, Apfel, Birne, oder anderen Geschmacksrichtungen und liegt gerade im Trend.“

An Schulen ein
immer größeres Thema

Mittlerweile haben sich zahlreiche Alternativen zur Zigarette entwickelt. Was alle gemeinsam haben: Geschmackszusätze, die den Nikotingeschmack überdecken, bunte Verpackungen und das Versprechen, mit dem Konsum auch einen Lifestyle zu leben. Sie werden fälschlicherweise als gesündere Alternative verkauft. Gerade Snus und tabakfreie Nikotinbeutel – oder auch „Nic-Bags“ – werden deshalb aber an Schulen zu einem immer größeren Thema. Beide werden als Tütchen unter die Lippe oder in die Backe geschoben, wo das darin enthaltene Nikotin dann durch die Schleimhäute aufgenommen wird.

Wie Christoph Simbeck erklärt, ist Nikiton ein starkes Nervengift und setzt die Botenstoffe Dopamin, Serotonin und Noradrenalin frei. Diese Kombination führt zu mehr Motivation und Wachheit, gleichermaßen aber auch zu einem Gefühl von Wohlbefinden und innerer Ruhe. „Perfekt, um einen langen Schultag oder die nervigen Hausaufgaben zu überstehen“, so Simbeck.

Anders als bei anderen psychoaktiven Substanzen erlebe man mit Nikotin kein starkes „High“ – die besondere Suchtgefahr entstehe viel mehr durch das Nachlassen der Wirkung: Mit sinkendem Nikotinspiegel treten laut Simbeck innere Anspannung, Stress, Unruhe und eine geringere Frustrationstoleranz auf. Viele Betroffene greifen daher erneut zur Zigarette, um diese Entzugssymptome zu lindern und das als entspannend empfundene Gleichgewicht wiederherzustellen.

Bei Snus und Nikotinbeuteln kann die enthaltene Menge an Nikotin jedoch sehr unterschiedlich ausfallen. Oft ist sie viel höher als in Zigaretten oder Vapes. Wie Christoph Simbeck erzählt, berichten viele Jugendliche von Kreislaufzusammenbrüchen beim ersten Konsum: „Über die Mundschleimhaut wird sehr viel Nikotin aufgenommen. Gerade beim ersten Mal ist die Dosis oft so hoch, dass es zu Schwindel, Übelkeit oder Kreislaufproblemen kommen kann. Der Körper gewöhnt sich jedoch schnell daran, und bei den nächsten Anwendungen wird die Wirkung häufig als angenehm entspannend beschrieben.“ Die hohe Nikotindosis erhöht zudem das Risiko, rasch eine Abhängigkeit zu entwickeln.

Offiziell dürfen Snus und Nikotinbeutel in Deutschland nicht verkauft werden. Übers Internet kann man sie dennoch problemlos erwerben. Meist wird man dort nicht einmal nach dem Alter gefragt. Diese Seiten werden häufig aus dem Ausland wie Schweden betrieben, wo Snus auch ursprünglich herkommt.

Mittlerweile gibt es diese Beutel auch mit Koffein statt Nikotin. Und seit Kurzem werden sogar Zahnstocher in verschiedenen Geschmacksrichtungen angeboten, die Nikotin enthalten können. Diese Vielfalt und die Möglichkeit, sich einen solchen Beutel unauffällig unter die Lippe zu schieben, machen den Konsum schwieriger nachzuweisen – gerade während der Schulzeit. Das bestätigen auch die Rosenheimer Schulen.

Die Schulleiterin der Johann-Rieder-Realschule, Sibylle Daxlmeier, berichtet etwa: „Wir wissen natürlich, dass Snusen bei Jugendlichen beliebt ist, aber es wurden im Vergleich zu Vapes bisher nur wenige Beutel gefunden. Der Konsum ist aber wesentlich diskreter, daher bleibt er wahrscheinlich auch meist unentdeckt.“ Der Schulleiter der Grund- und Mittelschule Fürstätt, Kai Hunklinger, berichtet Ähnliches.

Auch Christoph Simbeck hört das in seiner Arbeit in der Suchtprävention regelmäßig. „Genau das ist das Problem: Von außen sieht man oft nicht, ob jemand einfach Kaugummi kaut oder einen Nikotinbeutel im Mund hat. Und bei Zahnstochern ist auch nicht immer klar: Hat der nur Geschmack oder steckt da Nikotin drin? Man kann ja schlecht sagen: Mund auf, ich kontrolliere das jetzt.“ Wichtig seien deshalb Prävention, Aufklärung auf Augenhöhe und ein sicherer Umgang mit Verdachtsfällen. Die beliebten Zigarettenalternativen sind deshalb schon seit einiger Zeit ein fester Bestandteil der Präventionsworkshops, die Simbeck regelmäßig in den Rosenheimer Schulen veranstaltet. Diese führe er mit den Schülern durch, aber auch mit Lehrern und Eltern.

Von den Rosenheimer Schulleitern und von Christoph Simbek wird der Erstkontakt mit Snus und Nikotinbeuteln etwa in der siebten bis achten Klasse vermutet. Dies sei die Zeit, so Simbeck, in der viele auch zum ersten Mal in Kontakt mit Alkohol kämen. Hinzu kommt, dass die Vermarktung der Beutelchen häufig gezielt auf junge Menschen ausgerichtet ist: moderne Designs, süße Geschmacksrichtungen und bunte Verpackungen, die die Beutel fast wie Süßigkeiten aussehen lassen. Über die sozialen Medien würden sie dann meist als ein Lifestyle beworben werden, der zum Nachahmen anregen soll.

Deswegen sei auch das Thema Social Media ein wichtiger Aspekt in der Präventionsarbeit, wie Christoph Simbeck weiter erklärt: „Wenn ich jeden Tag Bilder davon sehe, wie Menschen Spaß haben und kiffen, rauchen oder snusen, hat das eine wesentlich größere Wirkung als eine Person, die dir sagt: Das ist aber gefährlich. Und genau darauf muss man eingehen.“ Bei der Prävention komme es darauf an, die Lebensrealität der Kinder und Jugendlichen zu verstehen und sie dort abzuholen. Es gehe dabei um Fragen nach dem eigenen Selbstbild, dem Wunsch dazuzugehören und die Fähigkeit, sich selbst zu reflektieren – alles Aspekte, die durch die sozialen Medien ebenfalls stark beeinflusst werden.

Fokus auf
Präventionsarbeit

Ob da ein Tag Präventionsarbeit im Jahr reiche? Für Simbeck ist die Antwort klar: „Prävention bringt etwas und ist wichtig. Dabei geht es uns aber um mehr als reine Risikoaufklärung. Die gehört dazu, aber im Mittelpunkt stehen die Kinder selbst: Wie passt man auf sich auf? Was für ein Mensch möchte man sein? Welche Risiken ist man bereit einzugehen?“ Zwar lasse sich nie jedes Kind gleichermaßen erreichen, dennoch seien frühe Kontakte mit Beratungsstellen und Informationen über Risiken von großer Bedeutung.

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