Die Römer feiern ihr Comeback

von Redaktion

Tausende Besucher beim Fest im Mangfallpark

Rosenheim – Die Neunte Legion, man weiß es aus Film, Buch und Fernsehen, wurde ausgelöscht. Niemand kam zurück aus Britannien, das damals noch weiter von Europa entfernt war als heute, die Legion ging dort einfach unter. Jetzt, 2000 Jahre später, taucht sie hier auf, im Mangfallpark in Rosenheim. Nicht in der vollen Stärke von 5.500 Mann, das nicht. Aber da stehen gut zehn, zwölf Legionäre. „Untergegangen? Pffft“, sagt Legionär Christoph Wallner aus dem Landkreis Rosenheim, „das ist lediglich eine Legende aus Hollywood.“

Kelten sind in Rosenheim mal wieder Außenseiter

Der Mangfallpark war am Wochenende so etwas wie ein Militärlager. Soldaten, viele Zivilisten vor Buden und am Ausschank herrscht Betrieb. Auf dem Rasen neben dem gekiesten Platz steht Zelt an Zelt, weiter hinten größere Zelte für die Offiziere. Ganz weit hinten haben die Gladiatoren ihre Zelte aufgeschlagen, daneben einige Kelten, krass in der Minderzahl und somit wie in der echten Geschichte wohl die Außenseiter. Es ist heiß, auch in der Nacht auf den Freitag habe es nicht richtig abgekühlt, sagt Mathias Ziereis, römischer Offizier in der Neunten Legion. „Zum Glück bin ich Heimschläfer.“ Aus verschiedensten Gegenden sind die Römer-Darsteller gekommen, es haben sich auch Frauen darunter gemischt, wie Domina Francesca Sertoria. Ihr Mann und seine Kameraden sind aus Rom angereist, um die Legio I Minerva zu verkörpern.

Domina ist in mehrere Schichten Textil gehüllt, inklusive eines Tuchs, das sie über Kopf und Schultern geworfen hat. „Ziemlich aufwendig“, sagt sie, „ganz anders als in Kinofilmen, wo die Frauen nur ein leichtes Kleid anhaben.“ Ihre Mitstreiter sind aus Rom angereist und genießen in der Szene der Römer-Darsteller Respekt. Ihre Rüstungen, die Kleidung und die Ausrüstung sind besonders hochwertig, sprich: nah am Original, bis hin zur Lederhülle für die rechteckigen Schilde. Heißt auch: Manchmal ganz schön zerschrammelt. „Die Legionäre waren arme Leute“, sagt der Centurio der Ersten Legion. Schmucke Soldaten in poliertem Blech, mit sauberer purpurfarbener Unterkleidung, so wie man sie auf Netflix sehen kann? Da kann er nur grinsen.

Hinter dem Römerfest im Mangfallpark steckt Jennifer Morscheiser, Chefin des Lokschuppen. Sie hat die Römerausstellung dort konzipiert, ihr als provinzialrömischer Archäologin sei klar gewesen, „irgendwann muss ich im Lokschuppen eine Römerausstellung machen“. Sie sprudelt vor Einfällen. Ideen wie eben jenem Römerfest mit Soldaten in Formation und beim Drill, Vorführungen von römischen Pfeilgeschützen, Gladiatorenkämpfen und Lagerleben. Sie ist am späten Nachmittag des ersten Tages verschwitzt, ein wenig müde. Und sehr zufrieden. Gut 4.000 Menschen müssen das Fest allein am ersten Tag besucht haben, heißt es vonseiten des Lokschuppens.

Die Darsteller hängen sich aber auch rein. Es ist verblüffend, welchen Einsatz die Legionäre da zeigen. Einer schreitet als Aquilifer, als Träger des Legionslagers, über den Rasen, im Blech eines Lamellenpanzers, auf dem Kopf einen Helm und darüber einen Wolfskopf mit Fell. Allein bei seinem Anblick fühlen sich die über 30 Grad im Schatten noch mal heißer an als sonst schon. Markus Saxinger marschiert als Cornu-Träger am Morgen bei der Pompa, dem Festzug vom Lokschuppen zum Römerlager. In einem Untergewand aus Leinen, darüber Leder, dann ein Panzer, drüber ein Bärenfell mit Bärenkopf. „Da kochst du im eigenen Saft“, sagt er.

Da halten auch altgediente Legionäre die Disziplin nicht hundertprozentig durch. Einen ertappe ich, wie er sich aus einem Kunststofffass mit Zapfanlage ein Bierchen in den Tonbecher füllt. „Erstaunlich, was die Römer schon alles erfunden hatten“, murmelt er, ein wenig verschämt. Die Moderne und die Antike vermischen sich aber auch in der Vorstellung des Betrachters. Als eine Schreibkraft in Tunika die „tabula cerata“, die Wachstafel aufklappt, denke ich zuerst, der Mann hat ein Tablet in den Händen.

Oben, auf dem Damm, passiert eine Gruppe Rennradler das Lagergelände. „Salve!“, rufen sie hinunter, auch bei ihnen machen die Römer Eindruck. Es interessieren sich Rosenheimer und Touristen, Stadträte und Kinder, Männer und Frauen für die Show. Auch Oberbürgermeister Abuzar Erdogan (SPD) ist gekommen, um die Römer in der Stadt mit einer Ansprache zu begrüßen. Die Gegend um Rosenheim hat, wie er weiß, ein besonders reiches römisches Erbe.

Zwischen Langenpfunzen und Leonhardspfunzen führte eine römische Brücke über den Inn, nicht weit davon wurde römische Töpferware produziert, Kastelle gab es auch – so wie in Bedaium oder Seebruck, wo die Legio IX ihr Hauptquartier hat. Von Augsburg nach Salzburg, von Regensburg Richtung Italien kreuzten sich die Straßen in Rosenheim: Auch die Römer hatten schon ihren Brenner-Nordzulauf. Ihre Brücken hielten aber länger als die von heute.

Historische Feste sind
nicht nur Gaudi

Man durfte römischen Priestern bei der Segnung des Lagers zusehen, erfuhr, woher der Begriff Religion stammt, konnte Handwerkern und Ärzten der Antike bei der Arbeit zusehen. Vor allem die Gladiatoren waren stets umlagert von Publikum. Die Römer interessieren. Kinder finden es toll, mal auf eine Wachstafel zu schreiben oder von Matthias Ziereis, dem Leiter des Römermuseums in Seebruck, gezeigt zu bekommen, wie die Römer ihre Kettenhemden geflochten haben.

Das Interesse an den Römern in Rosenheim war so groß, dass etwas passierte, was in der römischen Geschichte einzigartig dastand – der kampflose Verlust eines Lagers. „Als wir mit der Pompa vom Lokschuppen gestartet sind, da waren die Leute schon aufs Gelände geströmt“, sagt Uwe Herwegh, so etwas wie der Gründervater der Legio IX Hispana. „Die haben sich hier ganz eifrig in den Zelten umgeschaut und unsere Ausrüstung begutachtet, als wir kamen“, erzählt er und lacht.

Die Römerparade ist beileibe nicht nur Show, sie ist auch ein bisschen Forschung und Experiment, sie ist aber vor allem Werbung. Für die Ausstellung im Lokschuppen, klar. Und so etwas wie ein Vorgeschmack. Der Mangfallpark hat sich bewährt. Sicher kann er mehr als nur den Rahmen für das Sommerfestival darstellen. Warum sollten der Premiere nicht noch weitere Auflagen folgen, auch nachdem die Ausstellung mit dem 1. August 2027 Geschichte geworden sein wird? „Es läuft wohl darauf hinaus, dass wir das wiederholen“, sagt Jennifer Morscheiser. Sämtliche Bilder und zusätzliches Videomaterial vom Römer-Wochenende finden Sie unter https://www.ovb-online.de/.

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