„Mögen sie niemals vergessen werden“

Die Identität bleibt. Vertriebene und Geflüchtete gedachten am Heimatkreuz der Opfer der Folgen deutscher Kriegspolitik. Foto Schubert

Die Identität bleibt. Vertriebene und Geflüchtete gedachten am Heimatkreuz der Opfer der Folgen deutscher Kriegspolitik. Foto Schubert

Gedenken am Heimatkreuz erinnert an Flucht und Vertreibung

Von Alfred Schubert

Rosenheim – „Die Heimat wurde ihnen genommen, ihre Identität blieb.“ Mit diesen Worten fasste die stellvertretende Vorsitzende des Bezirks Oberbayern im Bund der Vertriebenen (BdV) Herta Daniel die Geschichte von 15 Millionen Menschen zusammen, die nach dem Endsieg über das Deutsche Reich am 8. Mai 1945 aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur deutschen Volksgruppe als Rache für den von den Nationalsozialisten begonnenen Weltkrieg aus ihrer Heimat vertrieben wurden oder flüchten mussten, um ihr Leben zu retten. 13 Millionen Menschen – zwei Millionen wurden unterwegs ermordet – mussten wieder neu anfangen. Um die Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, sei zuerst in Bayern und Hessen, dann auf Bundesebene der „Nationale Gedenktag für die Opfer von Flucht, Vertreibung, Zwangsumsiedlung und Deportation“ ins Leben gerufen worden, der am 20. Juni begangen wird. Daniel fordert ein Recht auf Heimat für alle Menschen: „Vertreibungen sind Unrecht, wir müssen sie weltweit ächten.“

„Hinter jeder Zahl steht ein Mensch, ein Schicksal“, so Gabriele Leicht in ihrer Ansprache bei der Veranstaltung am Heimatkreuz der Vertriebenen im städtischen Friedhof am Vorabend des Gedenktags, zu der etwa drei Dutzend Menschen – viele von ihnen in ihrer Tracht – gekommen waren. Auch sie habe in der Familie Betroffene, so die Dritte Bürgermeisterin. Den 7.000 Menschen, die nach 1945 ein Viertel der Bevölkerung von Rosenheim ausmachten, gebühre Dank, da sie viel zum Aufbau der Stadt beigetragen hätten. Vertreibung ist für Leicht keine Angelegenheit der Vergangenheit, sie könne sich auch heute wiederholen. Gedenken bedeute für sie nicht nur Zurückschauen. Gedenken sei notwendig, damit Frieden „nicht nur erhofft, sondern auch bewahrt“ werde. In diesem Sinne dürfe Vertreibung nicht in Vergessenheit geraten. „Mögen sie niemals vergessen werden“, so Leicht über die Opfer. Rosenheim stelle sich bewusst mit Veranstaltungen im öffentlichen Raum seiner Verantwortung.

Hannelore Maurer erinnert sich als Nachgeborene daran, was ihre Mutter bei der Vertreibung mit einem Blick zurück gesagt hatte: „Wir kommen ja bald wieder.“ Dies liegt acht Jahrzehnte zurück. 2018 habe sie bei einem Besuch im Altvatergebirge nach einem Feldstein gesucht, wohin sie als Kind den Feldarbeitern ihre Brotzeit gebracht hatte. Erinnerung ist für die Seelsorgerin „mehr als ein Rückblick“, Kultur, Trachten und Geschichte dürften nicht vergessen werden, „damit sich Geschichte nicht wiederholt“. Maurer rief die gut 30 Anwesenden auf: „Denken wir auch an die Vertriebenen von heute.“

Volkmar Kraus, der die Gedenkveranstaltung moderierte, spricht sich ebenfalls für den Erhalt der Kultur und Identität der Menschen aus dem Osten aus. „Wir werden nächstes Jahr wieder da sein“, so der Vorsitzende des Kreisverbands Rosenheim des BdV. Am Heimatkreuz auf dem Rosenheimer Friedhof wurde 50 Jahre nach der Vertreibung der Sudetendeutschen eine Gedenktafel angebracht. Sie trägt die Inschrift „Zum Gedenken an die Opfer der Deportation, Flucht und Vertreibung, in den Kriegen gefallenen, in den Lagern ums Leben gekommenen sowie in und fern der Heimat ruhenden Deutschen. Errichtet im Jahre 1996 von den Deutschen aus allen Vertreibungsgebieten des 20. Jahrhunderts.“

Samstag, 11. Juli 2026
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