Dem Lampenfieber den Kampf ansagen

von Redaktion

Die Angst, vor Publikum zu sprechen, ist weit verbreitet. Auch Sylvia Bärlin kämpfte lange damit, bis sie zu den Rosenheimer „Toastmasters“ ging. Dort lernte die 65-Jährige, wie sie ihre Redeangst überwinden kann. Heute gibt sie Betroffenen selbst Tipps.

Rosenheim – Ein Puls von 150, zittrige Hände, und dann vergisst man vor lauter Aufregung auch noch das Atmen. Sylvia Bärlin aus Großkarolinenfeld kennt dieses Phänomen nur zu gut – Redeangst, nennt sie es.

Lange Zeit schränkte diese Angst sie ein, sowohl im Beruf als auch im Alltag. Doch vor sieben Jahren stieß die heute 65-Jährige auf die Rosenheimer „Toastmasters“. Was sie dort lernte, machte ihr das Leben deutlich leichter, wie sie selbst sagt.

„Ich bin Innenarchitektin und durfte Präsentationen halten, Vorträge halten und Entwürfe vorstellen“, erzählt Bärlin im Gespräch mit dem OVB. Dabei habe sie gemerkt, dass es gar nicht so leicht ist, vor Gruppen zu sprechen, wenn man keine Übung hat. „Ich war so nervös, dass ich am Anfang gerade mal meinen Namen sagen konnte“, erinnert sich die Innenarchitektin. Wenn sie dann mit dem Thema loslegte, habe sie praktisch gar nicht mehr geatmet.

Spontane Reden
zu Sprichwörtern

Inzwischen ist das anders. Das hat die 65-Jährige auch den Rosenheimer „Toastmasters“ zu verdanken, deren Treffen sie regelmäßig besucht. So auch an diesem Dienstagabend. Außer Bärlin sind noch etwa zehn andere Teilnehmer versammelt. Jeder trägt ein Namensschild und hat ein Klemmbrett in der Hand, auf dem Notizen gemacht werden. Über den Laptop sind weitere Mitglieder zugeschaltet. „Los geht es mit spontanen Reden“, erzählt Bärlin.

Dafür hat ein Teilnehmer im Vorhinein mehrere Sprüche ausgewählt. Per Zufall wird nun ein Mitglied der „Toastmasters“ aufgerufen. Er oder sie muss dann aus dem Stegreif zwei bis drei Minuten zu diesem Zitat referieren. „Die Entscheidung ist wichtiger als der Fleiß“, lautet der eine Spruch, „Wohin du auch gehst, gehe mit deinem Herzen“, ein anderer.

Zudem können sich die Teilnehmer freiwillig für vorbereitete Reden melden. „Dafür habe ich etwa sechs Minuten Zeit und das Thema kann ich frei wählen“, erklärt Bärlin. Wenn sie möchte, kann sie über Pflanzen sprechen, über ihre Familie oder über ihr Hobby, das Fotografieren. „Es ist nur wichtig, dass die Rede die Menschen erreicht und gut aufgebaut ist“, betont die Innenarchitektin. Power-Point-Präsentationen und Notizzettel sind hier allerdings fehl am Platz. „Man steht vorn, spricht und gestikuliert“, sagt Bärlin. Mal könne man ein Flipchart nehmen, mal irgendwelche Objekte. Mehr aber auch nicht.

Ganz zittrig
und mit hohem Puls

Sie erinnert sich noch gut daran, als sie einmal zehn Monate lang keine Rede mehr vorbereitet hatte. Als es mal wieder so weit war, sei sie ganz zittrig gewesen. „Heute kann ich trotz des hohen Pulses eine Rede halten und werde dann mit der Zeit ruhig“, betont die Großkarolinenfelderin. Sie habe durch die „Toastmasters“ gelernt, präsent zu sein und gut mit Wörtern umzugehen. „Meinen Berufsalltag hat das stark beeinflusst, weil ich einfach besser präsentieren konnte“, betont Bärlin.

Aber auch im Alltag hat sie das viele Üben bei den „Toastmasters“ weitergebracht. „Egal, mit wem ich kommuniziere: Ich benutze keine Füllwörter mehr, ich fokussiere mich auf das, was ich sagen will“, so Bärlin. Ihre Tochter kann sie seitdem beim Vorbereiten von Referaten und Präsentationen besser unterstützen. Auf Familienfeiern hält Bärlin inzwischen selbst die Reden, statt anderen die Bühne zu überlassen.

Die Rosenheimer „Toastmasters“ wurden bereits im Februar 2016 gegründet, feiern also dieses Jahr ihr zehnjähriges Bestehen. „Daher werden wir mit den Clubmitgliedern, Ehemaligen und Freunden ein Sommerfest veranstalten“, sagt der aktuelle Präsident Claus Berthold. Derzeit hat der Club zwölf Mitglieder, wie Berthold erzählt. „Und wir sind sehr offen für Gäste und neue Mitglieder“, betont er.

Mitmachen kann jeder ab 18 Jahren. Sonst gebe es keine Einschränkungen bei Alter, Geschlecht, Religion oder Weltanschauung. „Es geht darum, die eigenen Redepotenziale auszuschöpfen und zu entdecken“, sagt der Präsident. Er selbst ist seit 2022 dabei und hat gerade die Position als Vice President Education inne. „Die Rollen wechseln jährlich und gehören zum Ausbildungsprinzip der ,Toastmasters‘“, erklärt Berthold.

„Es kostet
immer Überwindung“

An diesem Abend ist es Claus Berthold, der jedem Mitglied, das das Podium betritt, die Hand schüttelt. Das ist ihm wichtig. Genau wie der Applaus, den es nach jeder Rede gibt. „Es kostet schließlich immer ein klein wenig Überwindung, nach vorn zu kommen“, sagt der Präsident.

Das weiß Sylvia Bärlin nur zu gut. Obwohl sie schon so viele Jahre dabei ist, sagt sie: „Es ist immer Luft nach oben.“ Deshalb will sie in vielerlei Hinsicht noch besser werden. „Ich möchte meine Ängste noch mehr ablegen und neuen Mitgliedern helfen“, betont die 65-Jährige. Denn es sei schön, das Wissen weiterzugeben, das sie sich über die Jahre angeeignet hat.

Tipps gegen Redeangst

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