Zeit für Elisabeth – Begegnung mit einem Schicksal

von Redaktion

Bloße Jahreszahlen bewegen heute kaum noch einen Jugendlichen. Dass Erinnerungsarbeit in Rosenheim aber alles andere als eine Pflichtveranstaltung sein muss, bewiesen die Schülerinnen der Mädchenrealschule. Ihr Abend für Elisabeth Block ging unter die Haut.

Rosenheim – Kann der Mensch aus seiner Geschichte lernen? Nicht wenige werden da skeptisch sein. Und die Gründe, die sie für ihren Zweifel anführen können, sind ebenso banal wie zwingend zugleich. Ein Beispiel: Für alle, die über 60 sind, ist der letzte Krieg noch ein Teil auch ihres Lebens, obwohl sie lange nach seinem Ende geboren wurden.

Aber Kriegsversehrte, Männer mit nur einem Arm, nur einem Bein, waren in ihrer Jugend nicht selten auf den Straßen zu sehen. Und auch zu Hause war der Krieg immer noch in einer gewissen Form präsent – sei es durch Gespräche, die Eltern und Großeltern und deren Freunde immer wieder einmal miteinander führten. Oder auch durch ein bleiernes, aber gerade dadurch vielsagendes Schweigen.

Wachsam sein –
wovor, warum?

Für alle Jüngeren hingegen und vor allem für die, die heute wirklich jung sind, ist der Krieg von damals unendlich weit weg. So weit weg, dass er eigentlich keine Realität mehr ist, so weit weg, dass er eher etwas von einer mit Horror angefüllten Sage hat: Man hört davon mit Staunen und Verwunderung, mit, je nach Empathielage, mehr oder weniger großem Entsetzen – mit dem eigenen Leben, mit dem Hier und Jetzt hat er aber definitiv nichts mehr zu tun.

Wenn der Krieg, wenn die Zeit des Nationalsozialismus aber nur mehr Teil einer Erzählung sind, eigentlich viel mehr Fiktion als gewesene Realität, dann sind sie auch nichts mehr, das einem selbst begegnen könnte und das eigene Leben – so wie das der Vorfahren – komplett durcheinander werfen könnte. Wachsam sein – wovor? Und warum?

Demgegenüber standen jetzt knapp 50 Schülerinnen der Städtischen Rosenheimer Mädchenrealschule. Der Abend, den sie ausrichteten, hatte das Motto „Zeit für Elisabeth“: Jene Elisabeth Block, die einst Schülerin der Schule war, bevor sie diese verlassen musste, weil sie Jüdin war, und dann schließlich mit ihren Eltern und Geschwistern in einem Konzentrationslager ermordet wurde. Und das Besondere an diesem Abend war, dass da für keinen einzigen Moment der Gedanke aufkam, dass sich junge Leute hier zu einem Erinnern versammeln, weil es sich für sie als Schülerinnen der Elisabeth-Block-Realschule einfach so gehört – sozusagen erwartungserfüllend, aber ohne größere innere Beteiligung.

Stattdessen war zu spüren, dass den jungen Frauen das Schicksal von Elisabeth Block tatsächlich tief ans Herz ging. Und nicht nur das Schicksal von Elisabeth, sondern auch das von vier anderen Opfern des Nationalsozialismus, deren Leidensweg sie darstellten: Johann Vogl, Samuel Obernbreit und das Ehepaar Fortunato und Fernanda Zanobini.

Für Empathie braucht es
mehr als bloße Fakten

Seit vielen Jahren sind es vor allem zwei Lehrkräfte, die diese Erinnerungsabende ausrichten: die Religionslehrerin Monika Gilch und die Musiklehrerin Kerstin Pöppel. Für sie ist klar: Empathie und daraus folgend Richtlinien für eigenes zukünftiges Handeln können durch bloße Fakten, durch die Erläuterung der großen Zusammenhänge kaum erwirkt werden.

Dazu braucht es die Begegnung mit einem ganz konkreten Schicksal, mit einem Menschen, der so lebendig wird, dass man erkennt: Er oder sie könnte jemand aus meinem ganz unmittelbaren Umfeld sein. Denn erst dann wird – zumindest in Ansätzen und zumindest ein klein wenig – nachfühlbar, was die Opfer durchleiden mussten.

Erkennbar auch, wie überraschend schnell in einer „normalen“ Gesellschaft Hass und gegenseitiger Terror die Oberhand gewinnen können. Und es wird die Gewissheit wach: Das darf nicht noch einmal passieren. Dieser Blick von den Opfern aus zieht sich wie ein roter Faden durch alle Erinnerungsveranstaltungen der Schule.

„Es geht“, so sagt etwa Monika Gilch, „auch gar nicht in erster Linie darum, die Vergangenheit und die damals handelnden Personen zu verurteilen. Das wäre auch zu einfach.“ Es gehe darum, sich zu überlegen, wie man sich selbst verhalten muss, welche Forderungen an einen selbst gestellt werden, wenn man Ähnliches für die Zukunft verhindern will.

Das Ziel, das die Schule verfolgt, geht aber noch weiter: Schulleiterin Magdalena Singer sagt, dass die jungen Frauen in diesem Alter zwischen 14 und 16 in einer Phase seien, in der sie sich auf der Suche nach der eigenen Person befänden. Wer bin ich? Wer will ich sein? Und dass in diesem Alter noch große Offenheit für Werte wie Fairness, Toleranz und ein Miteinander vorhanden sei.

Den Wunsch nach einer
gerechten Welt verfestigen

Diese Offenheit, so meint auch Kerstin Pöppel, müsse man ausnutzen. Denn in dieser Lebensphase sei es möglich, den Wunsch der jungen Menschen nach einer gerechteren Welt ohne Ausgrenzung und Missachtung zu verfestigen – unter Umständen so sehr, dass er zu Grundlage und Richtschnur für vieles im weiteren Leben werde.

Auch die Stadt weiß, was sie der Erinnerungsarbeit ihrer Städtischen Mädchenrealschule zu verdanken hat, wie an dem Abend Zweiter Bürgermeister Daniel Artmann betonte: „Die Vergangenheit, auch die Geschichte des Nationalsozialismus, ist kein fernes Kapitel, sondern Teil unserer Stadt unserer Gemeinschaft, unserer Identität.“ Die Benennung des Elisabeth-Block-Platzes in Rosenheim sei dafür ein sichtbares Zeichen. Aber es sei die Schule, ihre Schülerinnen und ihre Lehrkräfte, die aus einem Ort der Benennung einen echten Ort der Erinnerung machten. „Und es ist die Erinnerung, aus der am Ende Verantwortung werden kann.“

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