Die Aussegnungshalle war bis auf den letzten Platz besetzt: Einige Trauergäste kannten die Verstorbenen, andere kamen einfach so, um ihre Anteilnahme zu zeigen.
Rosenheim – „Hinter jedem Namen stand ein Mensch und sein Leben“, sagt Hannelore Maurer. Die Gemeindereferentin steht vor dem Sozialgrab am Rosenheimer Friedhof. Sie trägt einen schwarzen Chormantel. Neben Maurer steht Pfarrerin Rosemarie Rother. Die beiden haben gerade zehn Menschen beigesetzt. Zweimal im Jahr findet in Rosenheim eine Sozialbestattung statt. Dabei werden Menschen beerdigt, die zu Lebzeiten keine Vorsorge hatten oder bei denen es keine Angehörigen gibt, die die Bestattungskosten übernehmen.
„Wir wissen nicht,
was sie bewegt hat“
Die Sonne brennt schon am Vormittag auf den Friedhof herab. Schatten gibt es hier kaum. In der Aussegnungshalle stehen zehn Urnen auf einem mit Samt verkleideten Handkarren. Jede Urne ist aus hellem Holz. In Form und Höhe ein wenig anders. Aufgrund kleinster Makel wie Astlöcher sind sie nicht verkäuflich und wurden daher von der Holzverarbeitungsfirma Eder gespendet. Auf jeder Urne liegt jeweils ein kleines Blumengesteck. Eine weiße Rose und kleine bunte Blumen.
In den Reihen sitzen die ersten Gäste. Einige haben die Verstorbenen gekannt. Andere sind gekommen, damit jemand da ist. Viele unterhalten sich leise mit ihren Sitznachbarn. Im hohen Raum hallt es. Immer mehr Menschen kommen durch die Tür, stehen bald auch hinter den Stuhlreihen. Einige halten kleine Sträuße in den Händen. Schwarze Kleidung trägt kaum jemand.
Als die evangelische Pfarrerin Rosemarie Rother und Gemeindereferentin Hannelore Maurer einziehen, erklingt die Orgel. Die beiden Frauen sprengen Weihwasser auf die Urnen und begrüßen die Anwesenden zur ökumenischen Trauerfeier. „Wir nehmen heute Abschied von zehn Menschen, die in den vergangenen Monaten verstorben sind“, sagt Rother. Mit ruhiger Stimme liest sie ihre Namen vor. Gabriela. Bernd. Ralf. Thomas. Andre. Gudrun. Dieter. Helmut. Monika. Emma. „Wir wissen nicht, was sie bewegt hat. Was sie erlebt haben“, sagt sie.
Eine Frau in der ersten Reihe hat die Augen mit einer Sonnenbrille versteckt. Immer wieder wischt sie sich die Tränen aus dem Gesicht. Ihr Begleiter hält ihre Hand. Das Lied „Meine Hoffnung und meine Freude“ wird angestimmt, bevor die beiden Friedhofsmitarbeiter sich vor den Urnen verbeugen und damit den Zug zum Sozialgrab beginnen.
Dort ist bereits ein Loch ausgehoben. Eine Frau legt ihre Blume nieder und verschwindet dann wieder unter den etwa 40 Gästen. „Beim Abschied stehen wir an der Grenze des Lebens, aber nicht an der Grenze zur Liebe“, sagt Hannelore Maurer.
Ohne großes Aufsehen,
aber mit Anteilnahme
Sie tritt an das Grab und segnet die Verstorbenen. Dann steigt einer der beiden Mitarbeiter der Friedhofsverwaltung in das kniehohe Grab.
Sein Kollege überreicht ihm eine Urne nach der anderen. Dazu singt einer der Gäste, Herbert Gruber, eine umgetextete Version des Lieds „Hallelujah“.
Als alle zehn Urnen in der Erde sind, tritt Rosemarie Rother ans Grab. Sie nimmt eine Schaufel voller Erde und gibt sie über die Urnen. „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub.“ Zusammen beten alle Anwesenden das Vaterunser, bevor Sopranistin Karin Wagenstaller zu singen beginnt. Am Ende darf jeder seine mitgebrachten Blumen ablegen und Erde ins Grab werfen.
Nach etwa 45 Minuten ist die Beisetzung zu Ende. Gruber und Wagenstaller stehen beisammen, tauschen sich aus. Beide kannten die Verstorbenen nicht. Sie hatten von den Sozialbestattungen gelesen. Sie kamen, um einen würdigen Abschied zu ermöglichen. So wie einige der Besucher.
Andere kannten die Verstorbenen persönlich. Eine Besucherin hatte sich um eine Seniorin gekümmert. In Kürze hätte sie ihren 103. Geburtstag gefeiert. Sie war eine der ältesten Rosenheimerinnen. Für die Trauerfeier gestaltete die Besucherin ein eigenes Sterbebild mit Foto und Namen der Seniorin. Darauf erinnerte sie auch an deren Lebensweg als Pfarrersköchin und Haushälterin.
Nun fand sie ihre letzte Ruhestätte – ohne großes Aufsehen. Aber nicht ohne Menschen, die sich an sie erinnerten.