Rosenheim – Das rote Kleid hängt bis heute bei ihr zu Hause. Fast 40 Jahre ist es her, dass sie es zur Eröffnung ihres kleinen Modeladens getragen hat. „Das hat mir damals mein Freund gekauft“, erzählt Karin Mühlbauer und lächelt. Dass aus den ersten 16 Quadratmetern in einem Häuschen in der Samerstraße einmal eine Rosenheimer Institution werden würde, hätte sie damals wohl selbst nicht gedacht. „40 Jahre – ich kann das selbst noch gar nicht glauben“, sagt die 63-Jährige rückblickend. „Das ist schon Wahnsinn.“
Als Karin Mühlbauer 1986 mit gerade einmal 23 Jahren den Schritt in die Selbstständigkeit wagte, war das Risiko überschaubar. Die Miete betrug 330 Mark. Halbtags arbeitete sie als Arzthelferin weiter, war dadurch krankenversichert. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Pit beschloss sie: „Wir probieren es einfach mal.“
Kleidung der
Mutter umgenäht
Die Leidenschaft für Mode begleitete sie da schon lange. Schon als junge Frau nähte sie Kleidungsstücke ihrer Mutter um. Stöberte auf Flohmärkten nach besonderen Schätzen. Kombinierte alte mit modischen Teilen. „Ich wollte nicht alles von der Stange, sondern etwas Individuelles“, sagt Mühlbauer. Gleichzeitig reizte sie ein Gedanke: „Ich wollte mein eigener Boss sein.“
Inspiration fand sie damals in einem kleinen Geschäft im Esbaumviertel. Dort gab es amerikanische Second-Hand-Mode, Schuhe, Schmuck. Für die Auszubildende waren die ausgefallenen Kleidungsstücke meist unerschwinglich. „Ich bin immer nur mit großen Augen vorbeigegangen.“ Ein Paar spitze Schuhe leistete sie sich trotzdem. Als das Geschäft zumachte, kaufte sie einen Teil des Sortiments. Der Grundstein für ihren Laden „Yesterday“ war gelegt.
Anfangs fuhren Mühlbauer und ihr Lebensgefährte regelmäßig nach München. Auf einem großen Flohmarkt in der Dachauer Straße verkauften Leute Theaterkleider. Später gab ihnen ein Kunde einen Tipp: Amsterdamer Flohmärkte. Dort fanden sie genau das, wonach ihre Kundschaft sucht: Anoraks, Lederjacken, alte Levi’s-501-Jeans oder andere Vintage-Schätze aus den 50er- bis 70er-Jahren. Alle sechs Wochen machten sich die beiden mit dem Auto auf den Weg in die Niederlande. „Wir sind mit den Einnahmen hingefahren, haben alles wieder investiert und sind mit dem Auto voller Ware zurückgekommen.“
Auch queere Szene
kauft bei Mühlbauer
Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Teilweise warteten Kunden schon vor dem Laden auf die Rückkehr aus Amsterdam. Viele Teile verkaufte Mühlbauer direkt aus dem Auto. „Das war eine gute Zeit“, erinnert sie sich. Ob Plateauschuhe, Schlaghosen oder knallige Outfits für die Love-Parade-Zeit – in Rosenheim gehörten Karin Mühlbauer und ihr Laden häufig zu den Ersten, die neue Modetrends anboten.
Auch die noch heute legendären Stiefel der Marke „Doc Martens“ fanden über Amsterdam ihren Weg ins „Yesterday“. Als Mühlbauer die Schuhe zum ersten Mal sah, musste sie lachen, erzählt sie. „Das waren richtige Clownsschuhe mit Stahlkappen.“ Später lernte sie einen Großhändler kennen. Eine Anekdote ist ihr bis heute im Gedächtnis geblieben: Direkt neben dessen Lager befand sich die Praxis eines Arztes namens Dr. Martens. „Da bin ich zuerst in die Praxis und habe nach den Schuhen gefragt“, erzählt sie.
Als Second-Hand-Ware später immer schwieriger zu beschaffen war und gleichzeitig große Modeketten den Markt veränderten, richtete sich Mühlbauer neu aus. Sie spezialisierte sich auf alternative Mode. Punk, Rock und Gothic – Kleidung, die es anderswo in Rosenheim nicht gab. Bis heute gehören außerdem Vintage-Kleider im Stil der 1950er- und 1960er-Jahre zum Sortiment, die unter anderem bei Boogie-Tänzerinnen beliebt sind.
Mindestens genauso wichtig wie die Kleidung sind für Karin Mühlbauer ihre Kunden. Als sie den Laden eröffnet hat, sei sie selbst noch schüchtern gewesen, erzählt sie. Doch mit den Jahren hätten gerade die Begegnungen ihren Laden geprägt. „Ich brauche die Menschen, Gespräche – das macht mir Spaß.“ Stammkunden schätzen ihre ehrliche Beratung. Sie sagt offen, wenn ein Kleidungsstück nicht gut sitzt. Wenn ein anderer Schnitt besser passt.
In ihrem Laden heißt die 63-Jährige jeden willkommen. Auch viele Menschen aus der queeren Szene kaufen bei ihr Outfits. „Es soll jeder das ausleben, was er gerne möchte“, sagt Mühlbauer. Manche Kunden seien dabei ganz offen, andere zurückhaltend. Verurteilt werde im „Yesterday“ niemand.
Neue Wege in
den sozialen Medien
Doch bei 40 Jahren verlaufen auch nicht alle Jahre sorgenfrei. 2005 starb ihr Lebensgefährte Pit, mit dem sie den Laden fast zwei Jahrzehnte aufgebaut und geführt hat. Sie dachte ans Aufhören. Entschied sich aber bewusst dagegen. „Es ist einfach mein Ding“, sagt sie. „Es erfüllt mich.“ Auch ihre Kundschaft half ihr damals durch die schwere Zeit. Ein Jahr später musste sie erneut neu anfangen. Nach der Kündigung ihrer Räumlichkeiten zog Mühlbauer mit dem Geschäft neben die Stadtbibliothek am Salzstadel. Sie notierte sich damals die Adressen ihrer Stammkunden. Schrieb ihnen, wo sie demnächst zu finden ist. Und die Herzlichkeit kam zurück. Karin Mühlbauer ist heute dankbar für die treue Stammkundschaft.
Besonders freut sie sich über neue Gesichter. „Gerade im vergangenen halben Jahr kommt schon die zweite Generation.“ Manche Mütter erzählen ihr, welche Kleider sie selbst in den 1990er-Jahren im „Yesterday“ gekauft haben. Bis heute hängen diese Teile im Schrank – weil sie an eine schöne Zeit erinnern. „Das berührt mich schon sehr“, gibt Karin Mühlbauer zu.
Dass der Laden nach vier Jahrzehnten nun auch in den sozialen Medien Aufmerksamkeit bekommt, verdankt Mühlbauer ihrer früheren Aushilfe Conni Lechner. Die Schülerin „fand den Stil gut“, erinnert sich Lechner heute. New Wave, Gothic Wave, Grunge. Die noch junge Band Nirvana. Bald wurde sie Mühlbauers Aushilfe. Sprang im Verkauf ein, als Mühlbauer und ihr Partner Pit für sieben Wochen mit dem Rucksack durch Indonesien reisten. „Wir hatten danach einen Großteil der Sachen verkauft“, erinnert sich Conni Lechner.
Wiedersehen mit vielen
Weggefährten
Trotz Jahren ohne Kontakt begegneten sich beide vor einigen Jahren zufällig wieder. Heute unterstützt Lechner Mühlbauer bei der Öffentlichkeitsarbeit. Hilft aus, wenn die Inhaberin krank oder im Urlaub ist. Die gemeinsamen Videos in den sozialen Medien erzielen inzwischen mehrere Tausend Aufrufe. „Mich selbst so zu präsentieren, das war erst nicht so mein Ding“, gibt Mühlbauer zu. Doch die vielen Tausend Klicks motivieren sie.
Am heutigen Freitag feiert das „Yesterday“ sein 40-jähriges Bestehen. Ab 10 Uhr gibt es – bei gutem Wetter – vor dem Geschäft am Salzstadel einen kleinen Flohmarkt. Außerdem erhalten Kunden bis 11. Juli 20 Prozent Rabatt auf das gesamte Sortiment.
Karin Mühlbauer freut sich auf ein Wiedersehen mit vielen Wegbegleitern. Die eine oder andere Geschichte aus vier Jahrzehnten „Yesterday“, die wieder lebendig wird. Erinnerungen an besondere Outfits. Den ersten Einkauf im kleinen Laden in der Samerstraße. Für die Zukunft wünscht sich die 63-Jährige: „Wenn der Laden weiterleben würde, würde mich das schon freuen.“