Rosenheim/Landkreis – „Rosenheimer Zeitsprünge“ heißt die regelmäßig erscheinende Serie der OVB- Heimatzeitungen, von OVB online und der 24er-Portale, in der wir tolle Bilder aus den letzten Jahrzehnten zeigen, die sich mit einem Vorher/Nachher-Schieberegler in die Gegenwart verwandeln und mit einem Klick auch vergrößern lassen.
Wer über die Innbrücke zum Schloßberg geht, sollte sich einen kurzen Blick flussabwärts gönnen. Dort, wo heute Spaziergänger und Radfahrer unterwegs sind, herrschte vor über 300 Jahren Betrieb: Flöße, Salzschiffe, Pferdefuhrwerke, Lagerplätze, Schifferhäuser und Gasthöfe bestimmten das Bild. Das war gewissermaßen der historische Hafen von Rosenheim.
Seit dem Mittelalter
gab es hier Innbrücken
Die heutige Straßenbrücke zwischen Rosenheim und Schloßberg steht an einer Stelle, an der bereits seit dem Mittelalter Innbrücken existierten. Schon die Römer hatten weiter flussaufwärts bei Pfaffenhofen einen Innübergang gebaut. Später verlief hier die wichtige Salzstraße nach Reichenhall. Bis ins 19. Jahrhundert bestanden die Innbrücken meist aus Holz, aber weil Hochwasser, Eisgang und Kriege die Brücke immer wieder zerstörten, wurde 1865/66 die erste eiserne Innbrücke in Rosenheim gebaut. Sie war für damalige Verhältnisse modern und verwendete das sogenannte Pauli-Bogensystem des bayerischen Ingenieurs Friedrich August von Pauli.
Schon knapp 50 Jahre später (1910) war die Brücke für den zunehmenden Verkehr zu schwach. Besonders die ersten Lastkraftwagen bereiteten Probleme. So beschwerte sich Brauereibesitzer Johann Auer im Dezember 1910, dass er mit seinem neuen Lastkraftwagen, den er zum Transport seiner Bierfässer angeschafft hatte, die Innbrücke nur mit einem Ladegewicht von 16 Zentnern befahren durfte. Der für 1912 vorgesehene Abbruch der alten Brücke verschob sich allerdings um ein Jahr. Aus Sparsamkeitsgründen wurden die alten, im guten baulichen Zustand befindlichen Pfeiler und Widerlager beibehalten. Während der Zeit des Abbruchs wurde eine hölzerne Notbrücke aufgestellt. Aus den Abbruchteilen der alten Brücke errichteten Mitglieder des Männerturnvereins von 1885 den Turnersteg als Zugang zu ihrem Sommerturnplatz im heutigen Stadtteil Oberwöhr. Ein Teil der alten Innbrücke lebt also gewissermaßen bis heute weiter.
Die neue Innbrücke war wie ihr Vorläufer von der Obersten Baubehörde als Bogenbrücke in Eisenkonstruktion geplant. Nach Protest der „Freien Bürgervereinigung Rosenheim“ und des Stadtbaumeisters Ferdinand Schlögl, die Bedenken wegen des Landschaftsbildes anstellten, wurde die Brücke schlichter mit Eisenträgerteilen gebaut.
In den 1970ern: untragbare
Verkehrssituation
Das Stadtarchiv Rosenheim berichtet: Die Brücke wurde im Juli 1914 fertiggestellt, wobei – wie schon bei der alten Brücke – die Wasserleitungsrohre für die Rosenheimer Trinkwasserversorgung in dem innaufwärts gelegenen erhöhten Fußweg verlegt wurden. Wegen der bevorstehenden Mobilmachung zum Ersten Weltkrieg fand keine feierliche Einweihung der neuen Innbrücke statt.
Erhöhtes Verkehrsaufkommen führte in den 1970er-Jahren dazu, dass für die Autofahrer eine zweite Innbrücke in Rosenheim gebaut wurde. Die Verkehrsverhältnisse für Rosenheim waren untragbar. 1970 betrug die Belastung der über die Rosenheimer Innbrücke führenden Staatsstraße 2095 nach Traunstein 19.610 Fahrzeuge pro Tag, was eine aus dem Rahmen fallende Spitzenleistung darstellte. Der Landesdurchschnitt aller Staatsstraßen wurde gerade einmal mit 1.723 Fahrzeugen täglich beziffert.
Deshalb wurde der Bau einer Südumgehung notwendig. Kernstück dieser Strecke bildete eine zweite Straßenbrücke über den Inn. Mit dem Bau wurde 1975 begonnen. Die offizielle Einweihung fand am 24. August 1977 statt. Erst zwei Jahre später (August 1979) wurde die Rosenheimer Südostumgehung dem Verkehr übergeben.
Rund 500 Meter weiter südlich führt die Eisenbahnbrücke über den Inn. Sie wurde für die Bahnstrecke München–Salzburg gebaut. Baubeginn war 1858, die Fertigstellung Anfang 1860, eröffnet wurde die Strecke nach Salzburg im August 1860. Die Brücke war damit sogar einige Jahre älter als die erste eiserne Straßenbrücke.
Die Eisenbahnbrücke ist ein massiver Steinbogenbau, etwa 210 Meter lang, mit sieben gemauerten Bögen. Die Eisenbahnbrücke wurde nicht komplett neu gebaut wie die Straßenbrücke. Sie wurde über die Jahrzehnte modernisiert und an den Eisenbahnbetrieb angepasst, die Grundstruktur des Bauwerks aus dem Jahr 1860 ist aber erhalten geblieben.
Der historische Inn:
breit und unberechenbar
Der Inn war für Rosenheim jahrhundertelang zugleich Lebensader und ständige Bedrohung. Die heutigen massiven Brücken vermitteln kaum noch einen Eindruck davon, wie gefährlich der Fluss früher sein konnte. Vor der Regulierung des Inns fror der Fluss in strengen Wintern teilweise komplett zu. Wenn im Frühjahr Tauwetter einsetzte, brachen riesige Eisplatten auf und wurden flussabwärts geschoben. Verkeilten sich die Schollen an Brückenpfeilern, entstand ein natürlicher Staudamm.
Die Folgen waren oft dramatischer als bei einem normalen Hochwasser: Uferbereiche wurden innerhalb kurzer Zeit überflutet. Der Druck von Wasser und Eis konnte Holzbrücken zerstören. Ganze Uferbefestigungen wurden weggerissen.
Der historische Inn war breiter, unberechenbarer und im Winter teilweise eine riesige Eislandschaft. Für die Rosenheimer des 18. und frühen 19. Jahrhunderts war die Frage nicht, ob die nächste Überschwemmung kommt, sondern nur wann.
Im Februar 1929 herrschten Temperaturen bis minus 32 Grad. Der Inn fror auf einer Länge von rund 70 Kilometern zu. Die geschlossene Eisdecke reichte von Mühldorf bis oberhalb der Innbrücke bei Nußdorf. Zeitweise wuchs der Eisstau stündlich um etwa 500 Meter. Viele Rosenheimer gingen trotz behördlichen Verbots sogar auf dem zugefrorenen Inn spazieren. Erst das Tauwetter Ende Februar löste die Situation wieder auf.
Verheerendes
Hochwasser von 1899
Verheerend war das Hochwasser von 1899. In Rosenheim kamen sieben Menschen ums Leben. Der Bereich rund um die heutige Innbrücke war früher einer der kritischsten Punkte. Dort trafen die wichtige Handelsstraße nach Tirol, die Brücke sowie die Schiffer- und Flößersiedlungen am Innufer aufeinander. Genau hier liegt der Kern der Rosenheimer Stadtgeschichte. Ohne Salz, Schiffer und Flößer wäre Rosenheim wohl nie zu einer bedeutenden Stadt geworden.
Der entscheidende Standortvorteil war der Innübergang. Der Inn war eine wichtige Wasserstraße. Bereits im Mittelalter entwickelte sich die Siedlung an der Innbrücke zu einem Verkehrsknotenpunkt. Güter aus Tirol wurden auf dem Inn nach Norden transportiert. Besonders wichtig war dabei das Salz aus dem Raum Hall in Tirol. Salz war damals ein strategischer Rohstoff – unverzichtbar zur Konservierung von Fleisch, Fisch und Lebensmitteln. Man nannte es nicht umsonst das „Weiße Gold“. Die Lage am Fluss machte Rosenheim zu einem der bedeutendsten Märkte Bayerns. Die Rosenheimer Schiffmeister wurden dadurch wohlhabend. Die eigentlichen Anlegeplätze befanden sich am Innufer unmittelbar bei der Brücke. Am östlichen Brückenkopf unterhalb des Schloßbergs entstand schon früh die Siedlung Hofleiten. Das war die Schiffer- und Flößervorstadt von Rosenheim. Dort wohnten viele Menschen, die direkt vom Fluss lebten.
Ein besonders bekanntes Gebäude war das Nagelschmidhaus auf der rechten Seite an der Auffahrt zum Schloßberg. Das Haus stand jahrhundertelang an der Einfahrt zur Brücke und war eines der markantesten Gebäude der Schiffer- und Flößersiedlung. 1910 wurde es abgerissen, weil es beim geplanten Neubau der Innbrücke als Verkehrshindernis galt.
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts kam die Eisenbahn. Die Bahnstrecke München–Salzburg wurde 1860 eröffnet und führte direkt über Rosenheim. Plötzlich konnten Waren schneller und unabhängig von Hochwasser oder Eis transportiert werden. Damit verlor die Innschifffahrt ihre wirtschaftliche Bedeutung. Die große Zeit der Schiffmeister und Flößer endete.