Rosenheim – Seit drei Jahrzehnten ist die Stadtbibliothek aus Rosenheim nicht mehr wegzudenken – und feiert aktuell ihr 30-jähriges Bestehen mit Rekord-Ausleihzahlen. Doch der enorme, anhaltende Ansturm bringt das Erfolgsmodell an seine Grenzen. Im OVB-Exklusivinterview spricht Bibliotheksleiterin Susanne Delp über mögliche Alternativen, ihre Anfänge in Rosenheim und was die vergangenen 30 Jahre so besonders gemacht hat.
Wie sind Sie zur Rosenheimer Stadtbibliothek gekommen?
Ich war lange Zeit stellvertretende Bibliotheksleiterin in einer Zweigstelle in München. Nach etlichen Jahren in der Landeshauptstadt habe ich mich nach einer neuen Herausforderung umgeschaut und bin über die Ausschreibung in Rosenheim gestolpert. Gesucht wurde eine Bibliotheksleitung für den dreigeschossigen Neubau, der geplant war. Ich habe mich beworben und habe die Zusage bekommen. Am 1. Juni 1992 habe ich dann in Rosenheim angefangen. Damals war die Bibliothek noch am Ludwigsplatz.
In welchem Zustand war damals die Bibliothek?
Der bauliche Zustand war alles andere als gut. Aber schon damals waren die Schaufenster liebevoll dekoriert. Ein alter Schuppen war es trotzdem (lacht). Mich hat das damals aber nicht weiter gestört, da ich ja wusste, dass es nur temporär ist. Ich habe mich innerlich schon auf den Neubau gefreut.
Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag?
Es war damals kein Büro für mich vorgesehen. Ich bin an meinem ersten Arbeitstag zur Bibliothek gegangen, habe an der Tür geläutet und wurde von einer Mitarbeiterin darauf aufmerksam gemacht, dass die Bibliothek montags geschlossen hat, bevor sie mir die Tür vor der Nase zugemacht hat. Ich habe dann erneut geläutet und mich als neue Chefin vorgestellt.
Hört sich nach einem etwas turbulenten Start an.
Das war es. Aber mein Fokus lag nach wie vor auf dem Neubau am Salzstadel mit eigenem Veranstaltungssaal, Tiefgarage und drei Stockwerken samt attraktiver Platzgestaltung. Bis mir dann später mitgeteilt wurde, dass die Pläne leider vom Tisch sind.
Und dann?
Die Kirche hat uns dann mitgeteilt, dass sie einen Teil der Räume am Ludwigsplatz selbst braucht. Bis dato hatten wir in diesem Bereich unsere Kinderbibliothek und die Büroräume. Wir sind also aus- und in die Bayerstraße eingezogen. Dort, im ersten Stock, wo jetzt die Stadtwerke ihren Sitz haben, hatten wir dann unsere Büros. Wir mussten dann täglich zwischen Bayerstraße und Ludwigsplatz pendeln. Bücher, Karteikarten und andere wichtige Dokumente haben wir mit dem Fahrrad oder dem Auto transportiert.
Relativ schnell musste die Stadtbibliothek die Räumlichkeiten am Ludwigsplatz dann komplett verlassen.
Genau. Gemeinsam mit der Stadt haben wir verschiedene Orte geprüft, darunter das Fröschl-Haus, das Ballhaus und eine Container-Lösung am Riedergarten. Schließlich entschied sich die Stadt für den Ausbau der damals leer stehenden Flächen des Flötzinger-Stammhauses. Seit 1996 haben wir nun mit der Erweiterung in das Erdgeschoss 2009 eine mit 1.465 Quadratmetern zwar deutlich kleinere, aber sehr schöne Bibliothek.
Wie waren die ersten Wochen in dem neuen Gebäude?
Delp: Ein Traum. Wir haben unsere Öffnungszeiten direkt angepasst und waren von da an auch samstags für unsere Kunden da. Außerdem gab es erstmals Veranstaltungen bei uns im Haus. In den Jahren zuvor mussten wir immer in den Lokschuppen oder die Volkshochschule ausweichen. Von Anfang an hatten wir einen wahnsinnigen Zulauf, wir hatten extrem hohe Ausleihzahlen. Seit dem Umzug ist es meiner Meinung nach steil nach oben gegangen.
30 Jahre später ist die Stadtbibliothek aus Rosenheim nicht mehr wegzudenken.
Wir sind auf einem sehr hohen Niveau. Am Anfang unserer Arbeit hat sich sehr viel um Bestand und Ausleihe gedreht. Dann sind die Veranstaltungen dazugekommen, mittlerweile ist die Leseförderung für Kinder und Jugendliche ein besonderer Schwerpunkt. Seit 2020 sind wir mit der Bespielung des Salzstadels eine Bibliothek für drinnen und draußen. Wir sind keine Mainstream-Bibliothek und genau das schätzen unsere Kunden auch.
Wie werden die Bücher bei Ihnen ausgewählt?
Wir wählen jedes einzelne Buch selbst aus. Jeder meiner Mitarbeitenden hat ein eigenes Lektorat, das er eigenverantwortlich betreut. Wir erfüllen aber auch viele Anschaffungswünsche unserer Kunden. Gleichzeitig schauen wir jedes Jahr, welche Bücher nicht mehr ausgeliehen werden. Sei es, weil sie veraltet, aus der Zeit gefallen oder optisch in einem schlechten Zustand sind.
Bei welchem Buch war die Nachfrage am größten?
Das ist eine knifflige Frage. Die größte Nachfragewelle haben Ende der 90er Jahre die „Harry-Potter-Bücher“ ausgelöst.
Mit Blick auf die vergangenen 30 Jahre: Was macht Sie besonders stolz?
Auf mein Team, die vielen Ehrenamtlichen, die uns unterstützen, und das gute Betriebsklima bei uns in der Bibliothek. Dank der Ehrenamtlichen haben wir es geschafft, unser Aufgabenspektrum deutlich zu erweitern. Unsere gemeinsame Begeisterung für das, was die Stadtbibliothek ausmacht, und unsere vielen wunderbaren Leserinnen tragen unsere Arbeit.
Räumlich wird es aber langsam eng, oder nicht?
Ja, wir könnten noch viel mehr machen, wenn wir den Platz hätten. Wir haben weder einen Sozial- noch einen Besprechungsraum. Die Fläche, die uns zur Verfügung steht, haben wir komplett ausgereizt. Die Stadtbibliothek benötigt mehr Platz für Lern- und Arbeitsräume und für die vielen Klassenführungen. Wir kennen ja auch die Prognosen der Stadtentwicklung. Die Stadt wächst, 2035 wird mit einer Einwohnerzahl von 75.000 Menschen gerechnet.
Haben Bibliotheken denn eine Zukunft?
Bibliotheken sind und bleiben ein Erfolgsmodell. Sie sind niederschwellig und für jeden zugänglich. Nirgendwo ist das Geld besser angelegt.
Das 30. Jubiläum wird schon seit einigen Monaten gefeiert. Gab es Geschenke?
Unser Förderverein hat uns ein ganz besonderes Geschenk gemacht, „die Lese-Lotte“. Dabei handelt es sich um ein kleines dreirädriges Elektrogefährt mit Ladefläche. Die Studierenden der Technischen Hochschule haben den Innenausbau für uns entwickelt. Damit geht unsere erste mobile Bibliothek an den Start. Dabei haben wir diverse Bücher, Gegenstände aus unserer Bibliothek der Dinge, Picknickdecken und Klapphocker. Wir können Spielplätze besuchen, Stadtteilfeste, aber auch den Happinger See oder ein Seniorenheim.
Anna Heise