Integrationspreis für Hoodo Ibrahim

von Redaktion

Die Rosenheimerin Hoodo Ibrahim hat den Integrationspreis erhalten. Im Jahr 2014 flüchtete die heute 31-Jährige aus Somalia nach Deutschland. Inzwischen arbeitet sie als Pflegefachkraft und engagiert sich ehrenamtlich für andere Geflüchtete.

Rosenheim – Somalia im Jahr 2014. Schon lange herrschten hier Krieg und Unsicherheit. Mittendrin: die damals 20-jährige Hoodo Ibrahim und ihre Familie. Geboren ist Ibrahim in der somalischen Hauptstadt Mogadischu, doch ihre Familie flüchtete von dort und zog viel im Land umher. Der Krieg, so sagt Ibrahim, trifft junge Menschen wie sie besonders hart.

Und irgendwann war die Unsicherheit im Land so groß, dass sie Somalia gemeinsam mit ihrem Bruder endgültig verließ. Europäischen Boden betrat sie das erste Mal in Italien. „Doch wir mussten noch weiter“, erinnert sich die heute 31-Jährige. Wohin, das habe ihr niemand sagen können. Klar war nur, dass sie innerhalb von sieben Tagen das Land verlassen musste.

Ibrahim stieg in den nächsten Zug, den nächsten Bus, und landete erst in Gießen, dann in München und schließlich in Rosenheim. „Es war am Anfang nicht einfach“, sagt die junge Frau im Gespräch mit dem OVB.

Ein fremdes Land, fremde Menschen, eine neue Sprache, die sie zuvor noch nie gehört hatte. Es dauerte einige Zeit, doch inzwischen ist Ibrahim angekommen. „Ich habe meinen Platz in der Gesellschaft gefunden“, betont sie. Einen bedeutungsvollen Platz. Denn Ibrahim arbeitet nicht nur in der Pflege, sondern engagiert sich auch ehrenamtlich im Bereich Integration. Die Rosenheimerin hat dieses Jahr dafür sogar den Integrationspreis der Münchner Akademiker Plattform (MAP) erhalten.

Arbeit im
Waisenhaus

Eine soziale Ader hatte die gebürtige Somalierin schon immer, wie sie sagt. „Ich habe in meiner Heimat in einem Waisenhaus gearbeitet und bei ‚Ärzte ohne Grenzen‘ geholfen.“ Deshalb sei für sie klar gewesen, dass sie weiterhin mit Menschen arbeiten möchte. Bis sie sich diesen Wunsch erfüllen konnte, war es allerdings ein steiniger Weg.

Als Ibrahim über die Grenze nach Deutschland kam, war sie gerade zwanzig Jahre alt geworden und zudem schwanger. „Da ich nicht mehr minderjährig war, hatte ich kein Recht auf einen Deutschkurs“, erzählt sie.

Ein schwerer Schlag für die junge Frau, der Bildung so wichtig ist. „Ich komme aus einer Familie, in der es normalerweise sehr traditionell läuft“, sagt sie. Die Jungs müssen zur Schule und etwas leisten, die Frauen bleiben zu Hause. Gegen diese Werte wehrte sich Ibrahim, wie sie selbst sagt.

Ibrahim will eine
Schule besuchen

Da sie in ihrer Heimat keinen Zugang zu Bildung hatte, will sie die Chance in Deutschland nutzen und unbedingt die Sprache lernen. Anfangs lebt Ibrahim noch in einer Asylunterkunft. Einmal die Woche kommt ein Mitarbeiter vom Landratsamt vorbei, fragt, wo er unterstützen kann. „Sobald er hereinkam, habe ich jedes Mal gesagt: Ich will eine Schule besuchen“, erinnert sich Ibrahim und lacht. Leider gab es immer wieder schlechte Nachrichten. Der Mitarbeiter machte ihr klar, dass das schwierig wird, weil sie schon 20 war und mittlerweile auch ein Kind hatte.

Trotzdem wollte er helfen. Gemeinsam schrieben die beiden mehrere Berufsschulen an. Ibrahim lernte selbstständig, wie sie sich auf Deutsch vorstellen kann. „Tatsächlich hat mich der Schulleiter der Berufsschule in Bad Aibling zum Gespräch eingeladen“, erzählt die Somalierin.

Beim Treffen erzählte Ibrahim von sich und machte klar, dass sie unbedingt etwas lernen möchte. „Bis heute vergesse ich nicht, wie er mich angeschaut und dann gesagt hat: ‚Wissen Sie was, Frau Ibrahim, ich habe eigentlich nicht vor, Sie aufzunehmen, weil unsere Klassen schon überfüllt sind. Aber weil sie eine solche Motivation zeigen, werde ich einen Stuhl für sie in die Klasse stellen, und dann kommen sie zur Schule‘.“

Dass sie ein drei Monate altes Kind hat, verschwieg sie ihm anfangs. Doch nach ein paar Wochen machte sie reinen Tisch. Von da an durfte sie ihren Sohn in den Unterricht mitnehmen, bis sie eine Tagesmutter fand.

Ibrahim lernte viel, machte Praktika im Kindergarten und im Pflegeheim. „Danach wusste ich, dass ich in der Pflege tätig sein will“, erzählt die heute 31-Jährige. Besonders gut gefiel ihr die Arbeit im Pflegeheim. Mit den älteren Menschen konnte sie sich gut unterhalten. „Sie sind auch in der Kriegszeit aufgewachsen, haben einen Krieg mitgemacht, genau wie ich“, betont Ibrahim. Sie machte erst eine einjährige Ausbildung im Bereich Pflege, schließlich eine dreijährige, und ist nun examinierte Pflegefachkraft.

Der Weg dahin hat ihr gezeigt, dass es mit der Integration von Geflüchteten nicht immer ganz so leicht ist. „Ein paar Jahre, nachdem ich in Deutschland angekommen bin, habe ich gemerkt: Die Gesellschaft wird immer gespaltener“, sagt Ibrahim. Auch sie habe Rassismus und Ausgrenzung erfahren. So wie ihr geht es vielen anderen Menschen.

Wenig Hilfe für
Geflüchtete

Doch im Gegensatz zu ihnen spricht Ibrahim schon die deutsche Sprache und lebt mit ihrem inzwischen elfjährigen Sohn in Rosenheim. Sie ist angekommen. Das will sie nutzen und anderen Geflüchteten helfen. „Aus dem Ehrenamt haben sich in der Zwischenzeit viele Leute zurückgezogen“, sagt sie.

Viele Menschen, die auf Hilfe angewiesen seien, bekämen sie nun nicht mehr. Die 31-Jährige ergriff die Initiative. Anfangs begleitete sie geflüchtete Eltern im Bereich Kita und Grundschule und nahm an Schulungen über antirassistische Bildungsarbeit teil.

Sie beschäftigt sich mit Ausgrenzung, Benachteiligung und der Stärkung von Frauen. „Ich wollte Frauen mit Migrationshintergrund zusammenbringen, damit sie sich untereinander austauschen können“, erklärt die gelernte Pflegerin. Dann versucht sie, die Frauen mehr in die Gesellschaft zu integrieren. Außerdem engagiert sich Ibrahim erst bei der Grünen Jugend, später beim Ortsverband der Partei, inzwischen als Teil des Vorstands. Für den Verein „Zeugen der Flucht“ gründet sie eine Ortsgruppe in Rosenheim.

Integrationspreis für
Rosenheimerin

Mit dieser Arbeit kann man nicht die Welt retten, das sagt Ibrahim selbst. Doch die Umgebung kann sie durch ihr ehrenamtliches Engagement sehr wohl beeinflussen. Für dieses Engagement hat sie dieses Jahr den Integrationspreis der MAP erhalten. „Als ich das erfahren habe, hatte ich erst einmal gemischte Gefühle“, erzählt sie.

Im ersten Moment habe sie gedacht, jemand anders hätte den Preis vielleicht eher verdient. „Aber im Endeffekt war ich dankbar, dass meine Arbeit wertgeschätzt wird“, betont sie. Dadurch sei sie nun noch motivierter.

„Menschen wie Hoodo Ibrahim sind für Rosenheim von unschätzbarem Wert“, betont Cornelia Lentner. Sie ist Vorstandssprecherin bei den Grünen Rosenheim Stadt und kennt Ibrahim deshalb gut. Seit fast drei Jahren arbeiten die beiden im Vorstand zusammen.

„Ganze Stadtgesellschaft
profitiert davon“

„Wir reden immer noch viel zu oft über Menschen mit Fluchtgeschichte statt mit ihnen“, sagt Lentner. In Rosenheim leben ihr zufolge viele Menschen mit Migrationshintergrund. Dennoch sehe man wenige von ihnen in der Politik oder in Vereinen.

Anders bei Hoodo Ibrahim. „Wenn jemand wie Hoodo sich trotz aller Schwierigkeiten gesellschaftlich so einbringt, profitiert die ganze Stadtgesellschaft davon“, so Lentner.

Die Sprecherin schätzt vor allem Ibrahims Optimismus und die Hartnäckigkeit, mit der sie ihre Ziele verfolgt. „Es sind sicherlich unter anderem diese beiden Eigenschaften, die sie als alleinerziehende Mutter dahin gebracht haben, wo sie heute steht“, betont Lentner. Das findet sie „ungeheuer beeindruckend“.

Ein Leben in
Sicherheit

„Ich versuche, Menschen zusammenzubringen und zusammenzuhalten“, sagt Hoodo Ibrahim. Hass könne man nie verhindern, genauso wenig wie Migration. „Menschen migrieren, seit es sie gibt“, betont die 31-Jährige. Das weiß sie selbst nur zu gut, seit sie 2014 ihre Heimat verlassen hat. Den Rest ihrer Familie, die Eltern, Geschwister, musste sie damals zurücklassen. Sie leben heute im Norden Somalias, dem einzigen Teil des Landes, der als vergleichsweise sicher gilt. All die Jahre hatte sie ihre Familie nicht gesehen, bis sie sie im Jahr 2024 wieder besuchen konnte. Doch das nimmt sie in Kauf. Dafür, dass sie und ihr Sohn heute in Rosenheim ein Leben in Sicherheit führen können.

Migra-Café und „Zeugen der Flucht“

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