Rosenheim steuert auf Pflegekollaps zu

von Redaktion

Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt. Zahlreiche Menschen werden in den kommenden Jahren auf Unterstützung angewiesen sein. Doch während der Bedarf steigt, kämpft das System mit Zeitdruck, Personalmangel und Bürokratie. Auch in Rosenheim steht man vor zahlreichen Problemen. Aber es gibt auch eine Lösung.

Rosenheim – Christian Salberg brennt für das Thema. Das merkt man an der Art, wie er darüber spricht. Er hat eine Präsentation vorbereitet, Zahlen zusammengesucht und die wichtigsten Informationen auf mehreren DIN-A4-Blättern zusammengefasst. „Wir stehen vor zahlreichen Herausforderungen“, sagt der Leiter des Dezernats IV, das sich mit den Themen Schule, Sport, Jugend und Soziales beschäftigt. Die Herausforderungen sieht er vor allem, wenn er auf die Pflegesituation schaut.

13.000 Senioren leben
aktuell in der Stadt

Um zu verstehen, was Salberg damit meint, muss man einen Blick auf die demografische Entwicklung werfen. Derzeit leben in der Stadt Rosenheim rund 13.000 Menschen, die über 65 Jahre alt sind. Bis 2035 wird ihre Zahl auf rund 15.100 ansteigen.

Mit zunehmendem Alter wächst auch das Risiko, pflegebedürftig zu werden. Einige Senioren können ambulant versorgt werden, andere brauchen ein Pflegeheim. „Es gibt eine auffällige Korrelation zwischen dem Erreichen des 75. Lebensjahres und der Wahrscheinlichkeit, pflegebedürftig zu werden“, sagt Salberg.

Die Anzahl der Hochbetagten – also derjenigen zwischen 85 und 99 Jahren – steigt Salberg zufolge in den nächsten zehn Jahren um 225 Personen. Das entspricht einem Anstieg um elf Prozent. Bis zum Jahr 2034 werden für das Stadtgebiet zudem über 3.100 pflegebedürftige Personen prognostiziert.

„Bis 2035 rechnen wir zudem mit rund 500 zusätzlichen Menschen, die auf eine vollstationäre Pflege in einem Heim angewiesen sind“, unterstreicht Salberg. Eine ähnliche Entwicklung weise der Landkreis auf. Die Krux: 53 Prozent der Pflegeplätze in der Stadt sind von Senioren aus dem Landkreis belegt. „Wir bräuchten also tatsächlich rund 1.000 zusätzliche stationäre Pflegeplätze. Das kommt einer Verdopplung gleich“, sagt Salberg.

Ein Heimplatz kostet im
Schnitt 3.500 Euro

Aber auch wenn es genügend Pflegeplätze geben würde, wäre ein Großteil der Senioren nicht in der Lage, sich diese Kosten zu leisten. Denn derzeit liegt der Eigenanteil für einen Pflegeheimplatz bei durchschnittlich 3.500 Euro. Die Prognosen zeigen auch, dass ab dem Jahr 2028 die Anzahl der in der Pflege tätigen Personen abnimmt. Als Folge des Eintritts der Babyboomer in den Ruhestand. Diese Lücke werde man nicht füllen können. Nicht durch Zuwanderung und auch nicht dann, wenn der Beruf attraktiver gemacht wird.

„Es ist eine alarmierende Entwicklung“, sagt Salberg. Rosenheim ist damit nicht allein. In ganz Deutschland warnen Experten bereits seit Jahren vor einem Pflegekollaps. „Wir können diese Entwicklung in Rosenheim nicht aufhalten, aber wir können die Folgen abmildern“, sagt Salberg.

Die Idee: Es soll dafür gesorgt werden, dass die Senioren so lange wie möglich in ihrem gewohnten Lebensumfeld bleiben können. Mit diesem Ziel im Hinterkopf ist das Projekt der sozialraumorientierten Hilfe im Alter entstanden, das die Stadt gemeinsam mit zahlreichen Trägern umsetzen will.

Das Projekt orientiert sich am Modell der Rosenheimer sozialraumorientierten Jugendhilfe, bei dem die Stadt in drei Sozialräume gegliedert ist. Während in diesem Rahmen eigene Fachkräfte die Belange von Kindern und Jugendlichen betreuen, übernehmen seit Oktober 2025 speziell eingesetzte Sozialraumlotsen die Unterstützung der Senioren und greifen dabei gezielt auf die vorhandenen und gewachsenen Unterstützungsstrukturen in den jeweiligen Sozialräumen zurück.

Der Rahmen dazu wurde bereits im Februar geschaffen. Damals wurde ein Grundlagenvertrag unterzeichnet – mit dem Diakonischen Werk Rosenheim, dem Caritasverband der Erzdiözese München und Freising, dem Caritas-Zentrum Rosenheim sowie dem Verein „Startklar Soziale Arbeit“. Unterstützung gibt es zudem vom Seniorenbeirat, dem Verein Pro-Senioren, der Sozialen Stadt, der Kontaktstelle Bürgerschaftliches Engagement, der Nachbarschaftshilfe, dem BRK-Kreisverband und den städtischen Sozialraumlotsinnen.

Für die Umsetzung des Projekts gab es vom Landesamt für Pflege eine Anschubfinanzierung in Höhe von 1,2 Millionen Euro, die Stadt beteiligte sich mit knapp 500.000 Euro. „In den kommenden drei Jahren investieren wir also über 1,6 Millionen Euro in die Betreuung und Versorgung unserer älteren Menschen“, sagt Salberg.

Orientierung geben
und Menschen vernetzen

In den drei Sozialräumen sind derzeit sechs Sozialraumlotsen unterwegs. „Die Lotsen sind keine Pflegekräfte und auch keine klassische Beratungsstelle“, erklärt der Sozialdezernent. Ihre Aufgabe sei es, frühzeitig zu unterstützen, Orientierung zu geben und die Menschen miteinander zu vernetzen. Sie kommen mit den Senioren ins Gespräch, fragen, wo sie Unterstützung gebrauchen könnten – und wie sie sich ihren Lebensabend vorstellen. Mal werden finanzielle Sorgen geklärt, mal Veranstaltungen in den Bürgerhäusern oder seniorengerechte Freizeitangebote vorgestellt.

Die Lotsen vermitteln Kontakte zu ehrenamtlichen Besuchsdiensten, Einkaufsdiensten oder dem Dolmetschernetzwerk. Sie stellen Kontakte zu Personen her, die sich mit Anträgen oder Patientenverfügungen auskennen oder Wohnberatungen durchführen. Sie unterstützen bei der Internetnutzung oder vermitteln Fahrdienste.

So lange wie möglich im
gewohnten Umfeld bleiben

„Wir wollen dafür sorgen, dass ältere Menschen länger selbstständig zu Hause leben können“, erklärt der Sozialdezernent. Ziel ist es außerdem, Angehörige zu entlasten und professionelle Hilfsangebote erst dann einzusetzen, wenn sie benötigt werden. Gleichzeitig soll der Bedarf an ambulanter Pflege so gering wie möglich gehalten werden, der Pflegegrad stabil gehalten und der Umzug in stationäre Pflegeeinrichtungen so lange wie möglich vermieden werden.

Evaluiert wird das Projekt von der Technischen Hochschule Rosenheim. „Wir schauen, wie das Angebot genutzt wird, und bekommen Hinweise darauf, ob die Pflegebedürftigkeit durch den Einsatz der Lotsinnen verzögert werden kann“, erklärt Salberg.

Er hofft, dass es durch das Projekt nicht nur gelingt, dass ältere Menschen so lange wie möglich in ihrem gewohnten Umfeld bleiben können. Auch soll das „nachbarschaftliche Engagement“ aktiviert werden. Die Idee ist, dass sich Nachbarn wieder um Nachbarn kümmern. „Es soll eine sorgende Gemeinschaft rund um unsere Senioren entstehen“, sagt Salberg.

Ziel: Finanzielle
Einsparungen

Mit der Evaluierung soll es zudem gelingen, aufzuzeigen, dass das Projekt auch mit finanziellen Einsparungen verbunden ist – für Krankenkassen, Pflegekassen und den Bezirk Oberbayern. „Je mehr Kommunen unserem Beispiel folgen, desto größer ist die Entlastung für das Pflegesystem“, sagt Salberg.

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