Rosenheim – Auf die erste Interviewfrage, wer er sei, antwortet Karl-Heinz Lehner: „Das weiß ich bis heute noch nicht.“ Er lächelt spitzbübisch. Der 66-Jährige bezeichnet sich als Suchenden auf einer Expedition. Viele Jahre fand ein Teil dieser Expedition an der TH Rosenheim als Hochschulseelsorger statt. Dabei begleitete er junge Menschen auf ihrem Weg durchs Studium. Gab Vorlesungen. Unterstützte Dozierende. Ende Oktober endet diese Suche an der Hochschule. Die Expedition zu sich selbst – die geht wohl weiter.
Der Weg nach Rosenheim
und an die Hochschule
Begonnen hat seine Expedition im Süden Münchens, wo er aufwuchs. Schon in der Schule habe er die Gabe gehabt, Zusammenhänge schnell zu verstehen. Lehrer zu durchschauen. Ein guter Schüler war er nicht, erinnert sich Lehner. Aber er schaute genau hin. Wollte Dinge verstehen. „Ich hatte immer die Fähigkeit, Dinge pointiert auf den Punkt zu bringen.“ Er spielte mit dem Gedanken, Kabarettist zu werden. Bis heute ist er ein großer Freund vom Kabarett, Bruno Jonas etwa oder Sigi Zimmerschied. Doch er beschließt, mit seiner Auffassungsgabe Menschen zu helfen, statt sie „aufzuspießen“, wie er sagt. In den 1980er-Jahren studierte er Theologie in Eichstätt und an der LMU München. Schließt als Diplom-Theologe ab. Nach Stationen in Garching und am Starnberger See kommt er nach Rosenheim. Hier sieht er sich in der Pastoralgemeinschaft – also in der Seelsorge am Menschen – unterwegs. Weniger in der Religionsgemeinschaft.
Wenig später wurde er Hochschulseelsorger. Bis heute sei noch keine Minute langweilig gewesen, sagt er. Die Studierenden hätten ihn frisch gehalten. „Wenn ich an der Hochschule bin, bin ich jung, geistig angeregt, neugierig, interessiert“, erzählt er. Und so reichte sein Wirkungskreis schnell über die klassische Hochschulseelsorge hinaus. Lehner moderierte Konflikte und Veränderungsprozesse, beriet Fakultäten bei Entwicklungsprojekten und hielt Vorlesungen. Er engagierte sich in der Beschwerdekommission gegen sexuelle Diskriminierung und baute Beratungsnetzwerke auf. Aber auch Meditation, sein Podcast „Lehners schräge Lebenshilfe“ oder die Leitung des Schüler- und Studentenzentrums Rosenheim gehören dazu.
Und so stellt er den Menschen auch stets ins Zentrum seines Handelns. Die kirchliche Art nehme er häufig so wahr, dass sich Menschen für sie interessieren sollen. „Mein Verständnis ist umgekehrt. Ich interessiere mich für euch“, sagt Lehner. Er möchte verstehen, was die Menschen bewegt. Welchen Mehrwert er ihnen bieten kann, wenn sie zu ihm kommen.
Tausende Studierende haben das Beratungsangebot über die Jahre angenommen und das Gespräch mit ihm gesucht, überschlägt Karl-Heinz Lehner. Die Themen reichten „von A wie Angst bis Z wie Zukunft“. Dauerbrenner seien Studienfinanzierung und Wohnen. In den vergangenen Jahren rückten auch psychische Belastungen und die Sorge um den Berufseinstieg in den Mittelpunkt. Gleichzeitig erlebte Lehner an der TH auch junge Menschen voller Ideen und Tatendrang. Beeindruckend zeigt er sich vor allem von den vielen jungen Frauen, die sich mit ihrer Forschung an einer sicheren Zukunft beteiligen.
Darin sieht Karl-Heinz Lehner nicht nur eine Chance, sondern eine Notwendigkeit: „Wir können uns auch aus dieser Sichtweise das Patriarchat nicht mehr leisten.“ Denn dieses habe die Menschheit an den Abgrund des Seins geführt, beschreibt er. „Frauen erlebe ich oft als intelligenter, belastbarer, fähiger“, zählt der Hochschulseelsorger auf. Dennoch müssten sie sich bis heute permanent an eine patriarchale Welt anpassen. Mit Mentoring-Programmen und Vorlesungen wie „Gender, Macht und Kommunikation“ macht er diese Machtstrukturen sichtbar. Benennt sie. Bricht sie auf. Auch innerhalb der Kirche scheute er sich nicht, deutliche Worte zu finden. „Die katholische Kirche wird gerne als das Fort Knox des Patriarchats bezeichnet“, sagte er. Besonders die „Wir und die anderen“-Mentalität käme aktuell wieder zurück. An jahrhundertealten Strukturen werde festgehalten. „Jetzt bröckelt die Macht“, beobachtet der 66-Jährige.
Besonders getroffen haben ihn die Missbrauchsskandale, erzählt er. „Das ist für mich eine Zerreißprobe“, die er bis heute nicht komplett verarbeiten konnte. Seine starke Stimme ist brüchig. Dennoch blieb er in seinem Beruf als Pastoralreferent und Hochschulseelsorger – auch der Familie wegen.
Heute verarbeitet er dieses Kapitel so, „dass ich hier anders agiere. Auf Augenhöhe, versöhnend und wertschätzend“, erklärt Karl-Heinz Lehner. Menschen eine Brücke anzubieten, um Lebensfreude, Sinn und Heilung zu ermöglichen. „Das hat mir geholfen“, sagt er rückblickend.
Vorfreude auf ein
selbstbestimmtes Leben
Auch Christian Eichinger, Lehners Nachfolger, beschreibt ihn als Brückenbauer. Lehners Selbstverständnis ist immer gewesen, sich für die Menschen zu interessieren und sie zu begleiten, sagt er. Intuitiv erkenne sein Kollege, was andere noch gar nicht benennen konnten. „Die Messlatte liegt hoch, die Fußstapfen sind groß“, sagt Eichinger über seine baldige Aufgabe.
In den folgenden Wochen verabschiedet sich Karl-Heinz Lehner von seinen Kolleginnen und Kollegen an der Hochschule, bevor es mit Frau, Hund und einem gepackten Kofferraum für einige Wochen ans Meer geht. Ab November ist er im Ruhestand. Freut sich auf ein selbstbestimmtes Leben. Alles Weitere werde sich ergeben, ist sich Lehner sicher.
Der Präsident der TH Rosenheim, Prof. Heinrich Köster, dankte Lehner mit folgenden Worten: „Mit Karl-Heinz Lehner verabschiedet sich eine Persönlichkeit in den Ruhestand, die das Leben an der Technischen Hochschule Rosenheim über viele Jahre auf besondere Weise bereichert hat. Als Seelsorger war er für Studierende und Beschäftigte gleichermaßen ein verlässlicher Ansprechpartner mit großem Einfühlungsvermögen und einem respektvollen Blick auf die unterschiedlichen Lebenssituationen der Menschen.
Für seinen langjährigen Einsatz danken wir ihm herzlich und wünschen ihm für den neuen Lebensabschnitt Gesundheit und viele erfüllende Momente.“