Rosenheim – Die Diagnose steht oft fest, doch ein zweites, schleichendes Problem wird häufig übersehen: Etwa jeder fünfte Patient bringt – zusätzlich zu seinen eigentlichen Beschwerden – eine Mangelernährung mit ins Krankenhaus. „Besonders viele Fälle sehen wir bei älteren Patienten über 70 Jahre, bei Tumorpatienten und bei Patienten mit einer COPD, also einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung“, erklärt Dr. Inge Hugenberg, Oberärztin der Medizinischen Klinik II und ärztliche Leitung der Ernährungsmedizin im Romed-Klinikum Rosenheim.
Was zunächst harmlos klingen mag, zieht laut Hugenberg gravierende Folgen nach sich. Das Spektrum reicht von verzögerter Wundheilung und Komplikationen nach Eingriffen bis hin zu längeren Aufenthalten und einer erhöhten Sterblichkeit. Die Warnsignale sind vielfältig: Appetitlosigkeit, Übelkeit oder Schluckbeschwerden zählen ebenso dazu wie Muskelschwund, Schwäche oder Anzeichen von Dehydration. Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) erhöht Mangelernährung die Sterblichkeit um das Dreifache. Das Kernproblem: Im Klinikalltag konzentriert sich die Aufmerksamkeit oft zuerst auf das Hauptproblem. Die Mangelernährung muss von Ärzten oder Pflegern aktiv erkannt werden – eine Hürde im stressigen Betrieb. Das bestätigt Professor Dr. Stefan von Delius, Chefarzt der Medizinischen Klinik II: „Die Wahrnehmung der Mangelernährung über ein flächendeckendes Screening ist in unserer schnelllebigen Zeit mit Sicherheit ein Problem. Hier müssen alle – Ärzte, Pfleger und auch wir vom Team Ernährungsmedizin – zusammenhelfen, um die Mangelernährung frühzeitig erkennen und eine Therapie einleiten zu können.“ Doch genau dieses Problem geht die Romed-Klinik Rosenheim nun gemeinsam mit der AOK Bayern an. Bis März 2028 werden erwachsene Versicherte der Krankenkasse systematisch auf Mangelernährung untersucht. Beim Screening zählt nicht nur der Body-Mass-Index. Das Personal fragt gezielt ab, ob Patienten in der Vorwoche deutlich weniger gegessen oder in den vergangenen drei Monaten ungewollt Gewicht verloren haben. Doch für diese Genauigkeit braucht es Kapazitäten: „Auch dafür braucht es ausreichend Zeit und Personal“, betont von Delius.
Sobald eine der Screening-Fragen mit „Ja“ beantwortet wird, schaltet das Klinikum die Abteilung Ernährungsmedizin ein. Ein Expertenteam aus Ärzten, Oecotrophologinnen (Ernährungsberaterinnen) und Diätassistentinnen übernimmt dann die Regie. Sie werten Laborbefunde aus, erheben Anamnesen und messen die Körperzusammensetzung mittels Handkrafttests und bioelektrischer Impedanzanalysen, erklärt Hugenberg. Doch wie kommt die richtige Energie zum Patienten? Brigitta Robeis, Leitung der Ernährungsmedizin, steuert diesen Prozess. Das Team kann die Zubereitung der Speisen individuell anpassen: „Zum Beispiel hochkalorisch, eiweißreich oder eine Mahlzeitenverteilung auf sechs kleine Mahlzeiten. Dies beinhaltet dann einen zusätzlichen Joghurt zu jeder Mahlzeit oder eine extra mit Eiweißpulver angereicherte Suppe“, erklärt Robeis.
Bleibt der Erfolg durch klassische Mahlzeiten aus, stehen weitere medizinische Wege offen. Je nach Gewicht und Laborwerten wird nachjustiert – im Ernstfall, so Robeis, sei auch eine Ernährung über einen intravenösen Zugang möglich.
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