Rosenheim – Ein offenes Fenster. Ein Schritt vor die Tür. Und sofort hört man das Gezwitscher. Die Rosenheimer Innenstadt ist Lebensraum zahlreicher Vogelarten. Im hektischen Alltag gehen die Stimmen oft unter. Wer den Blick jedoch einmal nach oben richtet, entdeckt eine überraschend vielfältige Tierwelt.
Doris und Thomas Juretzky kennen die Vögel in der Stadt wie kaum jemand sonst. Seit 2012 engagiert sich das Ehepaar beim Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV). „Aber ich war schon als Kind vogelbegeistert“, sagt der Rosenheimer Thomas Juretzky. Einmal im Jahr führen die beiden Interessierte beim sogenannten „Urban Birding“ durch die Stadt. „Eigentlich kommt Urban Birding aus London“, erklärt Juretzky. Dort rief ein Vogelbeobachter die ersten Touren ins Leben, um Menschen die Vogelwelt vor ihrer Haustüre näherzubringen.
Ein Nest aus
1.500 Lehmkügelchen
Eine Besonderheit in Rosenheim, auf die die Juretzkys stolz sind: In der Innenstadt gibt es – was es sonst kaum mehr in größeren Städten gibt – eine Rauchschwalbenpopulation. „Wir haben mit Inn, Mangfall und den vielen Arkaden aber auch die idealen Voraussetzungen.“ Als Verantwortliche für das Schwalbenprojekt kontrollieren Doris und Thomas Juretzky jede Woche die zwölf bekannten Nester in der Innenstadt. Mehrere befinden sich in der Arkade zwischen Dinzler und Deutscher Bank am Max-Josefs-Platz. Einige sind künstliche Nisthilfen, andere haben die Schwalbenpaare selbst gebaut. Aus bis zu 1.500 kleinen Lehmkügelchen, die sie mit Speichel verkleben. „Was für ein Aufwand für einen 20 Gramm schweren Vogel“, schwärmt Juretzky.
Thomas Juretzky geht durch das Holztor zum Innenhof der Fischbraterei Bierbichler. „Hier versteckt sich eines meiner Highlights“, sagt er. Er zeigt auf mehrere Schwalbennester, die sich direkt unter der Decke befinden. Zwei davon sind gerade besetzt. Auf der Lichterkette sitzen etwa vier Wochen alte Jungvögel. „Das Alter erkennt man am kurzen Schwanzspieß“, erklärt Juretzky und zeigt auf die Tiere. Mit den Wochen wächst das markante Merkmal immer weiter.
Doch die Tage der Schwalben beim Bierbichler sind gezählt: „Spätestens in vier Wochen machen sie sich auf den Weg.“ Dann fliegen sie zum Überwintern mehrere tausend Kilometer nach Afrika, südlich der Sahara. Im nächsten Frühjahr kehren sie zurück – allerdings schafft nur etwa jede dritte Schwalbe den weiten Zug.
Gerade deshalb liegen Doris und Thomas Juretzky die Rauchschwalben besonders am Herzen. Gleichzeitig sind sie für den Menschen nützliche Nachbarn. Sie jagen Insekten direkt aus der Luft, darunter auch viele Mücken. „Sie sind also nicht unbeteiligt daran, wie angenehm es abends für uns Menschen in der Stadt ist“, sagt Thomas Juretzky.
Doch nicht jeder freut sich über die gefiederten Gäste. Kot unter den Nestern sorgt immer wieder für Ärger, verdreckte Pflaster und Möbel. Obwohl Rauchschwalben und ihre Nester streng geschützt sind, verschwinden laut Juretzky immer wieder Nester unerlaubt.
„Wir betreiben Artenschutz,
keinen Individuenschutz“
Auch vermeintlich hilfsbedürftige Jungvögel beschäftigen das Ehepaar regelmäßig. „Wenn Schwalben am Blumenkasten sitzen – bitte in Ruhe lassen“, meint Doris Juretzky. Meist seien sie bereits flügge und würden weiterhin von ihren Eltern versorgt. Verletzte Tiere sollten dagegen zu einem Tierarzt gebracht werden. Sie können wenig für die Tiere tun. „Wir betreiben Artenschutz, keinen Individuenschutz. Das tut uns im Herzen weh, aber das ist einfach Natur“, erklärt Doris Juretzky. Mindestens genauso wichtig sei es, bestehende Lebensräume zu erhalten und neue Nistmöglichkeiten zu schaffen. Dass immer wieder begeisterte Hauseigentümer Nisthilfen anbringen oder Einflugöffnungen schaffen, freut die beiden Ehrenamtlichen.
Nicht nur Schwalben fühlen sich in Rosenheim wohl. Über dem Ludwigsplatz ziehen Mauersegler ihre Kreise. „Für mich ist er einer der faszinierendsten Vögel“, so Juretzky. Bereits Ende Juni brechen sie nach Afrika auf und verbringen die folgenden Monate ununterbrochen in der Luft. Auch der Mauersegler ernährt sich von Insekten. Er schläft sogar in der Luft, weiß Juretzky. Anfang Mai kommen Männlein und Weiblein wieder zurück nach Rosenheim. Und obwohl sie die vergangenen neun Monate womöglich in unterschiedlichen Teilen Afrikas verbracht haben, beziehen sie gemeinsam das gleiche Nest, das sie im Sommer zuvor verlassen haben.
Hoch oben im Turm der Nikolauskirche hat sich seit etwa zehn Jahren der Turmfalke angesiedelt. In diesem Sommer sind vier Junge geschlüpft. Vor einigen Jahren hatte sich für kurze Zeit auch ein Wanderfalke eingenistet. Der Greifvogel sorgt für eine „natürliche Dezimierung der Tauben“, weiß Thomas Juretzky. Doch der Wanderfalke verabschiedete sich bald wieder aus der Innenstadt. Seither haben die Tauben keinen natürlichen Feind mehr.
Weniger Nistplätze
durch Sanierungen
Nach rund zwei Stunden endet der Spaziergang durch Rosenheims Vogelwelt. Für Doris und Thomas Juretzky steht fest: Wer genauer hinsieht, entdeckt die Stadt mit anderen Augen und Ohren. Besonders Architekten wünschen sie sich bei ihren Führungen. Denn ob Schwalben, Mauersegler und andere Brüter auch künftig einen Platz in der Stadt finden, werde schon bei der Planung neuer Häuser entschieden. Gerade durch energetische Sanierungen verschwinden Nistmöglichkeiten.
„Mein Wunsch wäre, alle Gebäude mit mehr als fünf Stockwerken mit Nisthilfen auszustatten“, sagt Thomas Juretzky. Dann könnten sich auch künftige Generationen noch am Gesang der Stadtvögel erfreuen.