Rosenheim – Für die meisten Menschen ist Ruhe eine Selbstverständlichkeit. Für 16 Lehrerinnen, eine Psychologin, die Organisatorin sowie die zwei Busfahrer aus frontnahen Regionen der Ukraine, die für eine Woche zu Gast in Rosenheim waren, war sie ein Geschenk. Unterricht unter Luftalarm, Nächte mit Raketenwarnungen und -einschlägen und die ständige Sorge um Familie und Freunde gehören inzwischen zu ihrem Alltag. Mitunter stehen die Schulgebäude gar nicht mehr und die Schülerinnen und Schüler werden, geflüchtet innerhalb der Ukraine, online unterrichtet.
Auf Einladung des AKRISE (Respect – Integrity – Security – Empathy) am Sebastian-Finsterwalder-Gymnasium nahmen die Pädagoginnen am Projekt „Auszeit vom Krieg“ teil. Ziel war es, Lehrerinnen aus den Regionen Slovjansk, Opischnja und Mykolajiw für einige Tage Sicherheit, Erholung und neue Kraft zu schenken – aber auch den fachlichen und kulturellen Austausch zwischen Bayern und der Ukraine zu fördern.
Möglich wurde das Projekt durch Gastfamilien aus Rosenheim und Umgebung, die die Lehrerinnen herzlich bei sich aufnahmen, sowie die Anmietung eines Apartments. Aus Fremden wurden innerhalb weniger Tage Gesprächspartnerinnen, Freundinnen und oft fast Familienmitglieder. Trotz sprachlicher Unterschiede entstanden intensive Begegnungen, bei denen Übersetzungs-Apps häufig die letzte Sprachbarriere überwanden.
Neben der Erholung stand auch der berufliche Austausch im Mittelpunkt. Die Gäste besuchten neben dem Sebastian-Finsterwalder-Gymnasium auch die Johann-Rieder-Realschule sowie die Philipp-Neri-Schule und tauschten sich mit bayerischen Lehrkräften über Unterricht, Digitalisierung, Schulentwicklung und den Umgang mit den besonderen Herausforderungen aus, die der Krieg für das ukrainische Bildungssystem mit sich bringt. Als Rückmeldung für die Rosenheimer Lehrkräfte hieß es unter anderem, dass die Gäste es schön fanden, wie Lehrkräfte hier den Schülerinnen und Schülern im Unterricht auf Augenhöhe begegnen. Ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm führte die Gruppe unter anderem nach München mit einem Besuch des Bayerischen Landtags, auf die Frauen- und Herreninsel, zum Schloss Neuschwanstein, nach Linderhof und Ettal, auf die Kampenwand sowie zu Lohbergers Weißwurst und zum Schweinsbraten zum Stockhammer. Auch eine Führung durch Rosenheim und die traditionsreiche Flötzinger Brauerei gehörten zum Programm.
Stadtrat Jonah Werner nahm sich unter anderem für die Gruppe in München und bei der Stadtführung Zeit und zeigte sich nach den Treffen beeindruckt, mit welcher Energie die Lehrerinnen ihrem Beruf auch weiter nachgehen wollen.
Ein besonderer Höhepunkt war der ukrainische Abend am Sebastian-Finsterwalder-Gymnasium. Bei Borschtsch, traditionellen Gerichten, Musik sowie Workshops zur Motanka-Puppe und zur Keramikkunst aus Opischnja kamen Gäste, Gastfamilien, Schülerinnen und Schüler sowie weitere Interessierte miteinander ins Gespräch. Der Abend machte deutlich, wie Kultur Brücken schlagen kann – gerade in schwierigen Zeiten.
Für die Lehrkräfte Elke Burkhart und Martin Franke war die Woche weit mehr als die Organisation eines Besuchsprogramms. Viele Programmpunkte wurden begleitet, es wurde geholfen bei der Betreuung der Gäste und unmittelbar erlebt, welche Wirkung persönliches Engagement entfalten kann. Gleichzeitig bekamen viele Personen Einblicke in einen Alltag, der von Krieg geprägt ist – und in den beeindruckenden Mut der Lehrerinnen, ihren Schülerinnen und Schülern trotz allem Hoffnung zu vermitteln. Auch die ukrainische Partnerorganisation betont, dass das Projekt weit über den Aufenthalt in Deutschland hinaus wirkt. Die Lehrerinnen kehren nicht nur mit neuen Kontakten und fachlichen Impulsen in ihre Heimat zurück.
Sie nehmen neue Ideen für ihre Schulen und Gemeinden mit und geben Kraft, Zuversicht und Erfahrungen an Kinder und Jugendliche weiter. Jede Teilnehmerin sei zugleich Botschafterin ihres Landes. Jede Begegnung helfe dabei, der Welt die Ukraine als ein Land voller Würde, Menschlichkeit und Hoffnung zu zeigen.
Damit wird die „Auszeit vom Krieg“ zu weit mehr als einer Erholungsreise. Sie ist eine Investition in die Zukunft – in starke Schulen, lebendige Gemeinden und in Menschen, die trotz des Krieges jeden Tag Verantwortung für die nächste Generation übernehmen. Dass ein Schülerarbeitskreis mit den zwei Lehrkräften so ein Projekt stemmen kann, sei absolut außergewöhnlich, und man sei dafür sehr dankbar, sagte Victoria Neliub von „Volunteering and Help Center“.
Das Projekt wurde ausschließlich durch das Engagement Ehrenamtlicher, Gastfamilien sowie vieler Spenderinnen und Spender, auch und besonders aus der lokalen Gastronomie und Touristik, ermöglicht. Ihnen gilt der ausdrückliche Dank der Organisatoren.
„Wir wünschten, dass dieser Krieg endlich vorbei ist, aber daran können wir nichts ändern“, sagt das Team von RISE. „Zumindest konnten wir 16 Lehrerinnen für eine Woche zeigen, dass sie nicht allein sind. Und vielleicht ist genau das der Anfang von etwas Größerem – denn jede gestärkte Lehrerin gibt Hoffnung an Hunderte Kinder weiter.“
Mit Lebkuchenherzen und Simsseer Bier sowie tausend Erinnerungen ist die Gruppe mittlerweile auch schon wieder im Osten der Ukraine angekommen.