Treter zur Tracht – Stilbruch oder Trend?

von Redaktion

In den Sommermonaten findet in der Region eine Festwoche nach der anderen statt. Auffällig in den Bierzelten ist dabei die Wahl des Schuhwerks zu Dirndl und Lederhosen. Immer häufiger werden gemütliche Sandalen oder Turnschuhe den traditionellen Haferlschuhen vorgezogen. Experten diskutieren, ob dies ein neuer Trend oder ein Stilbruch ist.

Rosenheim/Kolbermoor – Walter Weinzierl ist Ehrenvorstand des Bayerischen Trachtenverbands und seit 1973 Mitglied im Trachtenverein „D‘Mangfalltaler“ Kolbermoor. Auf die Frage nach dem Schuhwerk zur Tracht vertritt er eine ganz klare Meinung: „Jemand, der eine Festtracht trägt, weiß, was er anzuziehen hat. Das ist von Kopf bis Fuß genau festgelegt und unterscheidet sich enorm von der Bierzelt-Tracht, die eher lässig, ungezwungen und locker daherkommt.“

Dirndl aus
Fernost am Bahnhof

Viele wollen sich zwar in einem bayerischen Gwand präsentieren, wissen aber nicht so recht, was genau sie anziehen sollen, fährt Weinzierl fort: „Ein Blick aufs Rosenheimer Herbstfest oder die Münchner Wiesn offenbart: Schön ist etwas anderes und gefallen tut‘s uns auch nicht. Aber wir werden solche Modesünden nie ganz aus den Leuten rausbringen. Nicht, solange es am Hauptbahnhof in München möglich ist, sich am Automaten ein komplettes Trachtenoutfit für 99 Euro rauszulassen.“

„Freilich, die jungen Leute dürfen anziehen, was sie möchten, und so manch einer macht sich damit vielleicht zum Deppen. Dazu gehört auch ein ausgewaschenes T-Shirt, das zur Lederhosen kombiniert wird“, findet der Kolbermoorer Trachtler deutliche Worte.

Trotz Auswüchsen mit Fernost-Dirndln oder Rupfensackleiberl besitze Brauchtumspflege grundsätzlich einen hohen Stellenwert. Viele Besucher von Volksfesten oder anderen Traditionsveranstaltungen legen Wert auf bodenständige Bekleidung.

„Umso wichtiger ist es uns Trachtlern, in Zukunft ‚das Echte‘ zu bewahren, dieses Wissen an die nächste Generation weiterzugeben und darauf zu schauen, dass die Tracht passt. Und wenn‘s spontan furtgehen, dann eben in Gottes Namen auch mal mit Turnschuhen, Birkenstocks oder Latschen.“

Ins selbe Horn bläst Maßschuhmacher und Schuhkreateur Jonathan Rösch aus Rosenheim. Doch er weiß auch, dass dies wohl den allgemeinen Schuhtrend der breiten Masse darstelle: „In München treten die Fußballer des FC Bayern mit Maßanzügen und niegelnagelneuen, weißen Turnschuhen ihrer Sponsoren auf, auf Hochzeiten zeigt sich der Bräutigam in ähnlichem Stil oder trägt abgelaufene Absätze zum piekfeinen Anzug. Influencer runden das Bild des lockeren Modestils in den sozialen Medien ab. Das sieht prinzipiell alles gut aus, passt aber vom Stil her überhaupt nicht zusammen.“

Seiner Ansicht nach verwandle sich die moderne Kleidungskultur in gemütlich und oversized: „Krawatten zu Hemden sind Mangelware in den Büros, ausgewaschene Jogginghosen fluten die Straßen und es ist vollkommen egal, welche Schuhe getragen werden, Hauptsache es ist bequem. Für mich als Schuhmacher ist das ganz furchtbar.“

Dass keiner bei hochsommerlichen Temperaturen wie bei der jüngsten Hitzewelle im Juni, in massiven Lederschuhen mit Kniestrümpfen sowie hohen Absatzschuhen auf ein Bierfest gehen möchte, könne Rösch aber nachvollziehen. „Wenn man sich im Gesamten traditionell kleidet, gehen natürlich auch mal Sandalen.“

Haferlschuhe
gehören dazu

Allerdings würden passende und vor allem gut sitzende Schuhe ohnehin vielfach vernachlässigt: „Viele ruinieren sich die Füße durch abgelaufene Absätze. Nicht selten werden Fehlstellungen an den Füßen durch falsches Schuhwerk verursacht. Ich kann nur jedem empfehlen, das richtige Modell zu wählen – mit einem gesunden Fußbett.“

Für Paul Unterseher vom gleichnamigen Trachtengeschäft am Rosenheimer Ludwigsplatz ist die Frage der Schuhauswahl zu Dirndl und Lederhosen anlassbezogen: „Natürlich fallen gemütliche Birkenstocks immer wieder auf. Zu einem sauberen Auftreten in Tracht aber gehören schon Haferlschuhe und Strümpfe bei den Herren sowie trachtige Pumps bei den Damen. Bei uns im Laden werden zu 95 Prozent passende Trachtenschuhe nachgefragt. Ich denke jedoch, bei spontanen Festen oder privaten Feiern im Sommer darf es gerne auch ein bisserl legerer zugehen.“

Mittlerweile steche man ja eher aus der Menge heraus, wenn man ohne Tracht auftaucht. In seinen Augen stelle das eine positive Entwicklung dar, wenn die Leute Dirndl und Lederhosen gerne und regelmäßig aus dem Schrank holen.