Rosenheim – Ingrid Kröff ist 88 Jahre alt, was man ihr nicht ansieht und vor allem nicht anhört. Wenn sie ihre Erinnerungen erzählt, sprudelt es nur so aus ihr heraus. Besonders im Gedächtnis geblieben sind ihr „Dresden brennt“, ein Satz, den ihre Mutter sagte, als in der Nacht ein heller Schein über dem Horizont stand, und der 26. Juli 1946.
An diesem Tag wurden sie, ihre Familie und Freunde aus Losdorf in der Nähe von Tetschen-Bodenbach vertrieben. (Losdorf heißt heute Ludvíkovice und ist ein tschechisches Dorf, vier Kilometer nordöstlich von Decin.) Nach einer Irrfahrt durch den Westen, wo sie immer wegen Überfüllung der Aufnahmelager abgewiesen wurden, kamen sie nach Rostock in die „sowjetisch besetzte Zone“ (SBZ).
Im Januar 1948 gelang es der Familie, „schwarz über die Grenze nach Bayern“ zu kommen. Über die Auffanglager in Dachau und Rosenheim kamen sie nach Marienberg. 1956 baute sich die Familie ihr Haus im Musikerviertel in der nördlichen Erlenau, einer Neubausiedlung, deren Magistrale den bezeichnenden Namen „Neue Heimat“ trägt.
Durch ihren Vater und ihren Bruder hatte sie Kontakt zur Sudetendeutschen Landsmannschaft, der sie 1961 beitrat und in der sie mehrere Ämter übernahm. Sie engagierte sich in den Heimattreffen der Losdorfer in Bad Schandau, von denen aus Busausflüge in die nur elf Kilometer entfernte Heimat gemacht wurden.
Die Besuche dort reichten Ingrid Kröff nicht. Nachdem sie die Handelsschule besucht hatte und im Büro eines Rosenheimer Unternehmens und bei dessen Messeauftritten gearbeitet hatte, nutzte sie ihre organisatorischen Fähigkeiten auch für die Heimat.
Besonders wichtig ist ihr der Erhalt der Denkmäler in Tetschen-Bodenbach. Zusammen mit ihrem Bruder und Geschichtsinteressierten vor Ort wie dem Archivar des Schlosses, Petr Joza, setzte sie sich für die Renovierung des Denkmals ein, das an den österreichischen Abgeordneten Hans Kudlich (1823–1917) erinnert. Er war ein österreichischer Politiker und Arzt, der als der „Bauernbefreier“ bekannt wurde.
Besonders wichtig war ihr der Wiederaufbau einer Kapelle, die abgerissen worden war, weil sie dem Straßenbau im Weg stand. Der ebenfalls aus Losdorf stammende Architekt Dr. Diethard Schröter war bei diesem Vorhaben treibende Kraft, Kröff sammelte Spenden und übernahm Verwaltungsarbeit.
Sudetendeutsche lassen Friedensglocke klingen
2013 war es so weit: Die neue Kapelle und die eigens für sie gegossene Glocke konnten festlich geweiht werden. „Möge diese Glocke immer nur im Frieden ertönen. Heimatfreunde Losdorf 2013“, so die Inschrift.
Wichtig ist für Kröff, dass die Geschichte nicht untergeht. In diesem Sinne wurde von den Heimatfreunden und den Bürgern in Decin ein Denkmal am Friedhof errichtet, das die Aufschrift trägt: „Na vecnou památku – Der ewigen Erinnerung.“
Das Engagement für die Sudetendeutsche Landsmannschaft „zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben“, stellt Kröff rückblickend auf die Zeit fest, die sie „mit Leib und Seele dabei“ ist. Aber auch in der neuen Heimat engagiert sich die rüstige Rentnerin, die noch den Dialekt der Heimat spricht, für die Erinnerung an die Geschichte. So schmückt sie an Allerheiligen das Denkmal auf dem Friedhof von Pfaffenhofen, das 1958 „den Toten der Heimat“ errichtet wurde. Sie beschränkt sich in ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit aber nicht auf ihre Heimat im Sudetenland. Sie war auch Schriftführerin in der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung und im Siedlerverein Erlenau-Nord.
Einen Wunsch hätte sich Kröff heuer gerne erfüllt. Sie wollte auf den Tag genau 80 Jahre, nachdem sie aus ihrer Heimat vertrieben wurde, diese wieder besuchen. Sie buchte eine viertägige Busreise in die Region. Doch der vorgesehene Schiffsausflug auf der Elbe mit Besuch von Decin musste abgesagt werden. Der Fluss hatte wegen der Trockenheit am Oberlauf in Böhmen so wenig Wasser, dass er nicht schiffbar war.