Mal wieder richtig erden – im Kleingarten

von Redaktion

Die Parzellen des Rosenheimer Kleingartenvereins haben sich zu einem beliebten Rückzugsort entwickelt. Seit der Corona-Pandemie wuchs der Wunsch nach einem eigenen Schrebergarten stark an. Da es jedoch nur wenige freie Flächen gab, mussten viele Anwärter lange auf eine eigene Parzelle warten.

Rosenheim – An einem Johannisbeerstrauch hängen rote Beeren in großen Trauben, am Boden wächst Brokkoli und im Hintergrund ragen Wohnblocks in die Höhe. Der Sommer ist auch im Areal des Stadtverbands Rosenheim der Kleingärtner in der Erlenaustraße angekommen. Sehr zur Freude von Rainer Schulze, Vorsitzender des Verbands. Er sagt: „Der Sommer ist die schönste Zeit des Jahres im Kleingarten.“ Im Gemüsebeet herrscht Hochsaison, alles ist gepflanzt und wächst. „Bei der zwischenzeitlichen Trockenheit kommt man mit dem Gießen gar nicht mehr nach“, sagt Schulze. Der Rosenheimer ist schon seit 33 Jahren Mitglied und hat seit 30 Jahren seinen eigenen Garten. Genau wie vor ihm sein Vater – und nach ihm sein Sohn. „Wir sind eine richtige Schulze-Dynastie“, sagt der 64-Jährige und schmunzelt.

Kleingärtnerverband
nach dem Krieg gegründet

Den Kleingartenverein gibt es allerdings schon länger. Und gegründet wurde er einst nicht nur für die reine Freude am eigenen Garten. „Er ist 1947 kurz nach dem Krieg ins Leben gerufen worden“, erzählt der Vorsitzende. In dieser Zeit habe es nur wenig Nahrungsmittel gegeben. Hier konnten die Bürger selbst Gemüse und vor allem Kartoffeln anbauen. Auch heute machen viele Vereinsmitglieder und Gartenbesitzer genau das.

Doch der Kleingarten ist mehr als nur ein großes Beet. Das betont auch Stephan Hartl, Zweiter Vorsitzender des Vereins. „Du hast hier was zum Kruscheln, zum Entspannen nach der Arbeit, und kannst dir die Finger dreckig machen“, sagt der 59-Jährige. Er wohnt fast ums Eck und braucht nur wenige Minuten hierher. „In meinem Garten kann ich mich im wahrsten Sinne des Wortes mal wieder richtig erden“, betont Hartl.

Viele Kleingartenpächter kommen vor allem am Wochenende in die Erlenaustraße. So auch die 72-jährige Martina Munding. Sie ist seit acht Jahren Mitglied beim Kleingartenverein. In ihrem Garten steht ein Planschbecken für die kleine Enkelin. Im Schatten unter einem Blätterdach haben sie und ihr Mann Stühle und einen Tisch aufgestellt. „Hier sitzen wir am Wochenende oft mit der Familie und trinken gemeinsam Kaffee“, erzählt sie.

Das Areal sei ein Erholungspunkt für die ganze Familie. „Wir hatten eigentlich immer einen Garten. Die Kinder sind damit aufgewachsen“, erinnert sich Munding. Dann allerdings zog die Familie um und es gab keinen Garten mehr. Für die Kinder sei das traurig gewesen. Eines Tages meldete sich Munding dann im Verein an. Etwa eineinhalb Jahre wartete sie, bis schließlich eine Parzelle für sie frei wurde.

So wie ihr geht es auch anderen Rosenheimern, die gerne ihren eigenen Kleingarten hätten. „Seit Corona ist die Zahl der Interessierten ständig gewachsen“, sagt Rainer Schulze – und dementsprechend wurde auch die Warteliste immer länger. Denn der Kleingartenverein hat insgesamt nur 92 Parzellen. „Mal hören Leute aus gesundheitlichen Gründen auf, mal zieht jemand weg“, erzählt er. Aber auch dann können immer nur ein oder zwei Anwärter einen frei gewordenen Kleingarten pachten. Aktuell stünden deshalb etwa zehn Leute auf der Warteliste. „Das klingt nicht viel, aber für uns ist es viel, weil wir nur eine geringe Fluktuation pro Jahr haben“, betont Schulze.

Nicht nur bei der älteren Generation ist der Wunsch nach einem Kleingarten groß. „Wir haben natürlich viele ältere, aber auch jüngere Menschen, die in den vergangenen Jahren nachgekommen sind“, sagt Schulze. Oftmals welche mit kleinen Kindern, die dann auch Leben in die Gartengemeinschaft bringen.

Laut Schulze liegen Kleingärten im Trend. „Aktuell besinnen sich viele auf gesundes Gemüse“, sagt er. Das könne man im eigenen Kleingarten selbst anbauen, was vielen Menschen Freude mache. „Das sieht man dann auch in den Gärten“, betont Schulze. Die einen sind sehr sachlich bepflanzt, andere mit Detail, liebevoll und „allem möglichen Schnickschnack“.

Viele der Kleingärtner sind nicht nur regelmäßig in ihrer Parzelle, sondern auch am Vereinsheim direkt am Eingang in der Erlenau-straße anzutreffen. „Es ist immer ein gewisses Vereinsleben da – man trinkt sein Wasser, Limo oder Bier und ratscht miteinander“, so der 64-Jährige.

So eine Parzelle ist im Normalfall zwischen 100 und 130 Quadratmeter groß. „Das ist schon viel Arbeit. Man braucht gar nicht mehr Platz“, betont Schulze. Und auch in einem vergleichsweise kleinen Garten kann allerhand angebaut werden. „Man muss beim Pflanzen nur immer überlegen, ob man auch alles isst“, sagt der Zweite Vorsitzende Stephan Hartl. Zudem komme es auf die Lage des Gartens an. Wie viele Flächen hat man? Ist es sonnig oder eher schattig?

Bei Rainer Schulze dürfen Tomaten, Gurken, Kohlrabi und Radieschen nicht fehlen, genauso wenig wie Salate und Bohnen. Im Gegensatz zu ihm ist Stephan Hartl ein wenig experimentierfreudiger. Er hat zusätzlich Erbsen im Garten, „das ist für mich das Naschgemüse“, und er variiert bei den Sorten. „Manchmal gibt es aber auch einen Rückschlag, Pflanzen gehen kaputt und man fängt mitten in der Saison wieder von vorn an. Das passiert jedem“, so Hartl.

Die bunte Oase
ist gut für das Stadtklima

Zwischen den Häuserblocks wirken die Kleingärten in der Erlenaustraße im Sommer fast ein wenig wie eine Oase. Die Fläche ist auch für das Klima in Rosenheim wichtig, wie eine Sprecherin der Stadt auf OVB-Anfrage erzählt. „Große Grünflächen im Stadtgebiet machen die Umgebung lebenswerter und sorgen gleichzeitig für ein angenehmeres Stadtklima“, betont sie. Denn sie wirken wie „natürliche Klimaanlagen, indem sie Frischluft entstehen lassen und an heißen Tagen für Abkühlung sorgen“, so die Sprecherin. Die Zusammenarbeit mit dem Kleingarten laufe sehr gut. Eigentümerin beziehungsweise Verpächterin der Flächen in der Erlenaustraße seien neben der Stadt Rosenheim auch zwei von der Stadt verwaltete Stiftungen.

Und diese Fläche darf jeder Rosenheimer besuchen. „Die Anlage ist öffentlich“, betont Stephan Hartl. Jeder dürfe sich durch das Areal bewegen, solange er die Wege nicht verlasse. „Nur die privaten Grundstücke darf man nicht betreten“, so der 59-Jährige. Deshalb halten sich den beiden Hobbygärtnern zufolge auch viele Menschen hier auf. „Zum Beispiel die Älteren aus dem Heim nebenan“, sagt Rainer Schulze. Teils sind das sogar Menschen, die früher eine Parzelle im Kleingartenverein hatten – bunt bepflanzt und ganz individuell.

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