Demenz-WG: Die schönste Art, alt zu werden

von Redaktion

Acht Zimmer, ein gemeinsamer Wohnbereich und ein Alltag fast wie zu Hause: Eine Demenz-WG in Rosenheim zeigt, wie gemeinschaftliches Wohnen trotz der Erkrankung funktionieren kann. Die Senioren leben dort selbstbestimmt zusammen, wobei die Angehörigen eine Schlüsselrolle spielen und ein ambulanter Pflegedienst die Betreuung unterstützt.

Rosenheim – Vom Flur gehen acht Zimmer ab, auf jeder Tür steht der Name des Bewohners. Aus buntem Bastelpapier ausgeschnitten. Teilweise verziert mit Glitzer. Im großen Wohn- und Essbereich stehen Sofas, Bücherregale und Zimmerpflanzen. Der Kaffeetisch ist gedeckt. Dass hier keine Studierenden wohnen, sondern Menschen mit Demenz verraten höchstens die Handläufe an den Wänden.

Seit 2014 gibt es in Rosenheim zwei Demenz-Wohngemeinschaften. „Ganz schnell, innerhalb von zwei Monaten, waren die zwei Wohngemeinschaften voll“, erinnert sich Paul Rothenfußer. Er ist Vorsitzender und Geschäftsführer der Jacob-und-Marie-Rothenfußer-Gedächtnisstiftung. Sie ist die Eigentümerin des Gebäudes, in dem die beiden WGs untergebracht sind. Bis heute ist das Konzept gefragt – und für viele Angehörige eine Alternative zum klassischen Pflegeheim.

Ein Leben in Gemeinschaft
trotz Krankheit

Mit an Bord ist auch der Verein Nachbarschaftshilfe Rosenheim. „Wir sind der ambulante Pflegedienst hier“, erklärt Veronika Leidel, Geschäftsführerin der Nachbarschaftshilfe. Als dritte Partei kümmern sich die Bewohner selbst um das Leben in der WG. Aufgrund ihrer Krankheit haben sie Betreuer, meist ihre Angehörigen. In einem Gremium entscheiden sie über neue Anschaffungen oder darüber, wer einziehen darf. Ausgeschlossen sind etwa Alkoholiker, sonst gibt es nicht viele Ausschlusskriterien, sagt Rothenfußer. Verhaltensauffälligkeiten werden immer individuell betrachtet. „Demenz ist eine Krankheit, die im Normalfall Verhaltensveränderungen mit sich bringt“, so Rothenfußer. „Die Gemeinschaft hält das bis zu einem gewissen Grad aus.“ Ansonsten entscheiden die Bewohner und Angehörigen nach Sympathie und Selbstständigkeit, erklärt Leidel. „Passt der in die Gruppe? Wie das bei einer Wohngemeinschaft so läuft“, beschreibt sie die Auswahl.

Ziel ist eine lebendige Gemeinschaft, in der miteinander statt nebeneinander gelebt wird. Die Angehörigen spielen eine wichtige Rolle. Sie bringen Kuchen vorbei, feiern mit den Senioren Weihnachten oder lesen vor. „Das macht einfach ganz viel, wenn da Aktivität da ist und sich die Angehörigen beteiligen“, sagt Leidel. Wer einmal eingezogen ist, darf bis zum Lebensende bleiben. „Jeder hat Aufenthalts- und Bleiberecht bis zum Tod. Das gehört bei dem Gesamtkonzept dazu“, erklärt Rothenfußer.

Mitbestimmung
statt Heimalltag

Eine strenge Routine gibt es nicht. Stattdessen wird „der Tag so gelebt, wie man daheim auch leben würde“, beschreibt Leidel den Alltag. Manche Bewohner stehen schon früh auf und frühstücken, andere schlafen länger. Mittags wird gemeinsam gekocht. Wer möchte, geht mit einer Betreuungskraft einkaufen. Andere lesen den Mitbewohnern die Zeitung vor, garteln an den Hochbeeten im Garten oder genießen die Gemeinschaft auf der Terrasse. „Es ist total schön, wenn miteinander gegessen wird“, sagt Leidel. Gleichzeitig gilt: Jeder soll möglichst selbstbestimmt leben. Bleibt das eigene Zimmer einmal unaufgeräumt, dann ist das eben so.

Tagsüber greifen den Bewohnern zwei Pflegekräfte unter die Arme. und helfen zum Beispiel bei der Körperpflege. Nachts ist eine Pflegekraft für beide WGs zuständig. Zusätzlich hilft vormittags eine Hauswirtschafterin, etwa beim Kochen. Einbezogen werden die Bewohner, soweit sie können und wollen, bei den Aufgaben in ihrem Zuhause. Bei Bedarf kommen externe Dienstleister vorbei. Dann werden den Bewohnern die Haare frisiert, die Füße gepflegt oder sie bekommen Physiotherapie. Und auch auf individuelle Anliegen wird bestmöglich eingegangen und voneinander profitiert. So spricht ein Bewohner, der viele Jahre in den USA gelebt hat, bis heute gerne Englisch – und lehrt einer Pflegekraft die Sprache.

In solchen Aspekten unterscheidet sich die Demenz-WG von stationären Pflegeheimen. Es gibt mehr Individualität. Mehr Zeit für Betreuung. Viele Mitarbeitende arbeiten seit der Eröffnung dort. Sie kennen die Bewohner, ihre Gewohnheiten und ihre Biografien – selbst dann, wenn diese ihre Pflegekräfte aufgrund der Erkrankung längst nicht mehr erkennen. Für Leidel ist genau das einer der größten Vorteile der Wohnform.

Neu ist die Idee einer Demenz-WG zur Zeit der Eröffnung nicht. Sie entstand Mitte der 1990er-Jahre in München nach dem Vorbild Berliner Demenz-WGs. Die Rothenfußer-Stiftung unterstützte damals den Aufbau der ersten WG in Bayern. Bis heute hält Paul Rothenfußer dieses Modell für zukunftsweisend. Gerade während der Corona-Pandemie habe sich gezeigt, wie viel Freiraum die Wohngemeinschaften bieten. Besuche seien oft unkomplizierter möglich gewesen als in stationären Einrichtungen. Mittlerweile ziehen Menschen sogar bewusst aus dem Pflegeheim aus und in eine Demenz-WG.

Ganz ohne Herausforderungen funktioniert das Modell allerdings nicht. Die Kosten liegen etwas über denen eines klassischen Pflegeheims. Das liegt unter anderem daran, dass der Zuschuss für Pflegesachleistungen bei der ambulanten Pflege entfällt. Und dazu gehören die WGs. „Allein das ist ein Unterschied, der deutlich spürbar ist“, erklärt Rothenfußer.

Schwierige
Wohnungssuche

Hinzu kommt der bauliche Anspruch an eine Demenz-WG: große Gemeinschaftsräume, geräumige Bäder, Barrierefreiheit und im Idealfall ein Garten oder ein breiter Balkon. Solchen Wohnraum im Bestand zu finden, ist für die Stiftung schwierig, weiß Paul Rothenfußer aus Erfahrung. „Es wäre wünschenswert, wenn es da mehr gäbe.“

Leidel sieht diese Wohnform dennoch als ein Modell mit Zukunft. „Aktivität und Ansprache wirken sich immer positiv aus“, weiß die Geschäftsführerin der Nachbarschaftshilfe. „Ich glaube persönlich schon, dass das eigentlich die schönste Art ist, alt zu werden.“

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