Rosenheim – „Mein Kopf ist eigentlich nie still“, erklärt eine 30-Jährige aus Rosenheim, die gerne anonym bleiben möchte. Was sie heute so klar beschreiben kann, hielt sie lange für völlig normal. Mehrere Gedanken gleichzeitig, Ohrwürmer, neue Ideen, ständiges Grübeln. „Ich dachte vor meiner Diagnose immer, dass es bei allen im Kopf so ist – bloß, dass ich die Einzige wäre, die davon irgendwie überwältigt ist.“
Mit dieser Erfahrung ist sie nicht allein. Immer mehr Erwachsene beschäftigen sich mit ADHS, der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Viele erhalten ihre Diagnose erst im Erwachsenenalter oder sogar als Senioren, weiß Dr. Klaus Wunderlich. Der Psychotherapeut führt seit acht Jahren ein ADHS-Zentrum für Erwachsene in Rosenheim. Und die Nachfrage ist groß. Für die Diagnostik gibt es Wartelisten von ein bis zwei Jahren.
ADHS: Seit
200 Jahren bekannt
ADHS als „Modediagnose“ abzustempeln, treffe nicht zu, so Wunderlich. Denn die neurologische Störung sei keineswegs neu. Bereits vor rund 200 Jahren seien typische Verhaltensweisen beschrieben worden – etwa vom Psychiater Heinrich Hoffmann in dessen Kinderbuch „Struwwelpeter“. Darin sehe man auch klar die beiden verschiedenen Typen, erklärt Klaus Wunderlich. Der Hans-Guck-in-die-Luft als der unaufmerksame Typ und der Zappelphilipp mit dem starken Bewegungsdrang, sagt er.
Dieser Bewegungsdrang ist häufig auch ein Anzeichen für ADHS bei Kindern. Mit dem Alter verändert sich jedoch das Bild. Viele Betroffene erleben eine starke innere Unruhe. „Viel Grübeln, Anspannung und Getriebenheit“, beschreibt Wunderlich.
Genau das kennt auch eine 41-Jährige aus dem Landkreis Rosenheim. Auch sie möchte ihren Namen nicht öffentlich nennen. „Tausend Gedanken schießen durch den Kopf“, so erklärt sie ihre ADHS. „Telefonate sind das Schlimmste, weil man immer einige Gedanken weiter ist und dann das Stottern beginnt“, erzählt sie. Lange wusste sie nicht, warum ihr vieles schwerer- fällt als anderen. In der Grundschule kam sie zwar gut mit, doch besonders monotone, für sie langweilige Aufgaben wurden zur Qual. Sie zweifelte an sich selbst. Immer wieder wurde ihr gesagt, sie habe doch so viel Potenzial. Müsse sich bloß mehr anstrengen. Etwas aus sich machen. „Ich dachte, ich bin behindert und keiner sagt es mir.“
Solche Selbstzweifel kennt Wunderlich aus der Praxis. Viele seiner Patienten scheiterten an scheinbar einfachen Aufgaben wie dem Haushalt. „Wenn Dinge einfach nicht klappen und man keine Erklärung hat, denkt man: Ich bin einfach nicht gut genug“, sagt der Psychotherapeut. Oft sei allein die Diagnose deshalb schon ein wichtiger Schritt. Sie kann ein „wahnsinniger Entlastungsfaktor“ sein.
Auch für die 30-Jährige fühlte es sich an, als würden plötzlich fehlende Puzzleteile zusammenpassen. Als ihre Hausärztin nach ADHS-Fällen in der Familie fragte, erzählte die junge Frau von ihrem bereits mit ADHS diagnostizierten Bruder. Da sie selbst recht ordentlich ist, dachte sie, sie könne kein ADHS haben. Heute weiß die 30-Jährige, „dass das eher eine Art Überkompensation ist, weil es in meinem Kopf schon sehr laut ist.”
Genau wegen dieses Trugschlusses werde ADHS bei Mädchen und Frauen oft übersehen. Denn die für ADHS typischerweise bekannte Hyperaktivität wird häufiger bei Männern beobachtet. Bei Frauen zeige sich die Störung häufig eher durch eine innere Unruhe oder emotionale Sensibilität, erklärt Wunderlich. Rückblickend erkennt die 30-Jährige, dass sich diese Anzeichen auch während ihrer Schulzeit schon zeigten. Auch sie zweifelte an sich: „Ich habe oft gedacht, dass ich einfach nicht so schlau bin wie die anderen Kinder.”
Dabei mangelt es ADHS-Betroffenen nicht an Fähigkeiten. Im Gegenteil. Menschen mit ADHS erreichen in für sie interessanten Bereichen oft außergewöhnliche Leistungen. Können vollkommen eintauchen. Stundenlang im sogenannten Hyperfokus arbeiten. Schwierigkeiten entstehen dagegen bei alltäglichen Aufgaben. Alleine das Anfangen koste wahnsinnig viel Überwindung. Für Wunderlich ist die sogenannte Prokrastination eines der Hauptmerkmale bei Erwachsenen. „Die lange Bank ist das beliebteste Möbelstück von ADHSlern“, sagt er.
Im Alltag zeigt sich das auf unterschiedliche Weise. Die 41-Jährige empfindet die Hausarbeit als besonders belastend. „Ich putze das Bad, sehe etwas anderes und mache dort weiter“, erzählt sie. Zudem verlegt sie ständig Schlüssel, Handy, Trinkflasche. „Irgendwann ist man von sich selbst genervt.”
Die 30-Jährige wiederum kämpft vor allem damit, Prioritäten zu setzen und Aufgaben abzuschließen. Hinzu kommen emotionale Herausforderungen. „Ich fühle sehr intensiv, bin schnell überreizt und brauche Zeit, um durchzuatmen.“
Warum das so ist, erklärt Wunderlich biologisch. Das ADHS-Gehirn sei häufig unterstimuliert und suche nach Anregung, Spannung und Neuartigkeit. Das erkläre auch, warum Suchterkrankungen bei ADHS-Betroffenen häufiger auftreten. Manche suchen den Kick. Andere beruhigen die innere Unruhe mit Alkohol.
Die Diagnostik selbst funktioniert über Fragebögen, Gespräche und die Einschätzung von Angehörigen. Gemeinsam mit dem Patienten geht Wunderlich die verschiedenen Lebensabschnitte durch. Ziel ist es, „einen roten Faden durchs Leben zu finden“.
Nach der Diagnose beginnt für viele ein neuer Umgang mit sich selbst. Beide Frauen waren erleichtert. Berichten von mehr Selbstakzeptanz. „Die Diagnose hat mir sehr geholfen, mich selbst besser zu verstehen und viele meiner Eigenschaften einzuordnen“, erinnert sich die 30-Jährige. Gleichzeitig sei auch Trauer dabei, erzählt die 41-Jährige. „Dass man es schon früher leichter hätte haben können.“
Geheilt werden kann ADHS nicht. Doch Betroffene können lernen, besser damit umzugehen. Neben Medikamenten spielt Bewegung eine wichtige Rolle. „Der zweitstärkste Wirkfaktor nach Medikamenten ist Sport“, sagt Wunderlich. Auch soziale Kontakte, neue Herausforderungen oder spannende Hobbys helfen häufig, berichtet Klaus Wunderlich.
Über die Jahre haben sich beide Frauen ihre ganz eigenen kleinen Kniffe angeeignet, um den Alltag leichter zu bewältigen. Die 30-Jährige arbeitet häufig am Stehschreibtisch, geht mittags spazieren und nutzt Listen, Wecker und Notizzettel. Die 41-Jährige befestigt ihren Schlüssel an der Hose, um ihn nicht zu verlegen. Bei unliebsamen Aufgaben setzt sie sich bewusst kurze Zeitfenster.
Die beiden Frauen wünschen sich mehr Verständnis und Akzeptanz von außen. Denn Betroffene müssen mehr Energie für alltägliche Aufgaben aufbringen als andere. Und sie wollen vermitteln, dass ADHS keine Krankheit, sondern „das Gehirn einfach anders verdrahtet ist“, erklärt die 30-Jährige.
Nicht nur Belastung,
sondern auch Stärke
Zudem sehen sie auch Vorteile in ihrer Diagnose. „Wir ADHSler sind häufig sehr flexibel, können uns schnell auf Neues einlassen und sind neugierig“, sagt die 41-Jährige. Auch die kreativen Lösungsansätze, die ADHS-Betroffene oft haben, seien wertvoll für die Gesellschaft. Das sieht auch die 30-Jährige so: „Unsere Gesellschaft kann in vielen Themen sehr von unserem Out-of-the-box-thinking und unserem Auge für kleine Details profitieren.“ Inzwischen hat sie sich selbst akzeptiert und gelernt, mit ihrer ADHS umzugehen. Hergeben möchte sie ihre ADHS inzwischen nicht mehr.