Soziales Miteinander und Wirtschaft stärken

von Redaktion

Interview Rosenheims neuer Oberbürgermeister Abuzar Erdogan zieht eine erste Bilanz

Rosenheim – Die Erwartungen an den neuen Mann im Rathaus sind hoch, die Baustellen der Stadt vielfältig. Nach 100 Tagen im Amt zieht Oberbürgermeister Abuzar Erdogan eine erste Bilanz. Worauf er besonders stolz ist – und wo noch Arbeit auf ihn wartet.

Haben Sie in den vergangenen 100 Tagen mal nicht an die Arbeit gedacht?

Wenn ich mich mit meinen Freunden und meiner Familie treffe, kann ich eigentlich immer relativ gut abschalten. Aber auch, wenn ich mal auf dem Fahrrad sitze.

Wie viel Freizeit hat man als neuer Oberbürgermeister?

Im Schnitt einen freien Tag in der Woche.

Wie lange sind Ihre Arbeitstage im Moment?

Um 8 Uhr geht es in der Regel mit dem ersten Termin los, meistens enden meine Tage gegen 21.30 Uhr.

Man munkelt, dass Sie in den vergangenen Wochen auch schon das ein oder andere Autogramm geben mussten.

Das stimmt (lacht). Das war auch für mich eine ganz neue Erfahrung. Aber ich bin gerne in der Stadt unterwegs, weil man so viele Themen mitbekommt und auch eine Ahnung davon bekommt, wie unterschiedliche Menschen zu Problemen und Entwicklungen stehen.

Erinnern Sie sich an einen besonderen Moment?

Es gab sehr viele schöne Momente. Der Höhepunkt meiner ersten 100 Tage im Amt war sicherlich, als der Stadtrat beschlossen hat, die Kinderbetreuungskosten zu senken. Ein wichtiges politisches Ziel hat damit zumindest eine Etappe genommen. Aber es gibt noch viel zu tun. Ich hatte insgesamt in den vergangenen 100 Tagen sehr viele schöne Begegnungen und spannende Termine. Natürlich gab es auch anstrengende Stunden, das gehört aber auch dazu.

Apropos Kita-Gebühren: Wie viele Versprechen aus dem Wahlkampf fallen Ihnen spontan ein?

Ich wollte das Parken auf der Loretowiese für die Beschäftigten des Klinikums attraktiv machen. Wir haben jetzt im Gremium beschlossen, ein Monatsticket zu installieren. In der Königstraße, am Ludwigsplatz und in der Kaiserstraße wollen wir eine Einbahnstraße installieren. Ein entsprechender Auftrag zur Erarbeitung eines Plans wurde schon erteilt. Sobald dieser vorliegt, werden wir das Vorgehen mit Politik und Betroffenen kommunizieren. Wir wollen Bereiche in der Stadt beleben und Orte der Begegnung schaffen. Auch das Busfahren an den Sonntagen haben wir bereits mit dem MVV besprochen. Zudem soll neuer Wohnraum geschaffen werden. In Oberwöhr sollen jetzt über die städtische Wohnungsbau- und Sanierungsgesellschaft (GRWS) 70 Wohnungen entstehen.

Die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum ist groß.

Im Eigentum der GRWS befinden sich etwa 2.000 Wohnungen. Auf einige weitere Wohnungen haben wir Zugriff, weil es Belegungsrechte gibt oder diese im mittelbaren Zugriff der Stadt liegen. Unser Ziel muss sein, dass die Stadt auf circa 20 Prozent aller Wohneinheiten Zugriff hat. Nur dann können wir Einfluss auf den Mietpreis nehmen. Das ist übrigens das Rezept anderer Städte, in denen die Mietpreisentwicklung moderat ist. Damit wir dieses Ziel erreichen, müssen wir mehr bauen.

Wo wird derzeit gebaut?

In der Austraße sollen jetzt rund 200 neue Wohnungen entstehen, von denen 60 bis 70 Prozent in das Eigentum der Stadt Rosenheim übergehen sollen. Zudem soll in der Endorfer Au nachverdichtet werden, da läuft derzeit ein Ideenwettbewerb. Auch hier kommen einige hundert Wohnungen dazu. Zudem müssen wir private Investoren, die bauen wollen, unterstützen. Das ist derzeit aufgrund der hohen Kosten und Zinsen eine Herausforderung.

Gleichzeitig stehen zahlreiche Gewerbe leer.

Hier wollen wir uns an München orientieren. Dort wurde eine Umbauagentur ins Leben gerufen, die sich um die Umwandlung von gewerblich genutzten Immobilien in Wohnimmobilien kümmert. In eine ähnliche Richtung denken wir auch.

Wie kann man als Verwaltung dafür sorgen, dass nicht zu viele Luxusimmobilien entstehen?

Wenn das Angebot am Markt die Nachfrage übersteigt, sinkt der Preis. Das ist eine einfache Regel. Dass wir hier noch viel zu tun haben, ist mir klar. Gleichzeitig glaube ich nicht, dass der Luxusbereich boomt, weil die Zahl derer, die sich das leisten können, relativ überschaubar ist. Was wir vor allem brauchen, ist kleinteiliger Wohnraum. Wir leben in einer Stadt, in der knapp 50 Prozent der Menschen in Einzelhaushalten leben. Für diese Menschen gibt es in Rosenheim zu wenig Angebot. Hier müssen wir nachjustieren.

Vom Thema Wohnen zum Verkehr: Im Stadtrat wurde das Monatsticket für die Loretowiese beschlossen. Gibt es noch andere Pläne für die Parkfläche?

Vorerst nicht. Wir schauen jetzt erst einmal, wie das 39-Euro-Monatsticket angenommen wird. Ich glaube, dass wir damit ein gutes Angebot geschaffen haben – vor allem für die Beschäftigten der Polizei, Mitarbeiter des Romed-Klinikums und all jene, die in der Innenstadt arbeiten. Zudem gibt es Überlegungen, die Zahl der Parkplätze im Parkhaus P1 am Hammerweg zu erhöhen, indem das Parkhaus neu gebaut wird. Das wiederum würde dazu führen, dass sich auch hier die Gebühren verändern, da sich die Parkhäuser am Ende des Tages auch rechnen müssen.

Was ist eigentlich der Stand beim Oberbahnamt?

Es gibt ein Gerichtsurteil, das vorsieht, dass der Käufer uns die Immobilie zurückübertragen muss, weil er seine Kaufverpflichtung nicht erfüllt hat. Bis zum heutigen Tag ist an dem Gebäude nichts passiert. Im Hintergrund arbeiten wir gerade daran, die Rückübertragung möglich zu machen.

Wie wollen Sie es schaffen, weitere Touristen in die Stadt zu holen?

Wir haben mit ungefähr 360.000 Übernachtungstouristen in Rosenheim einen neuen Höchststand erreicht. Das ist sehr erfreulich. Unser Ziel muss sein, irgendwann auf das Siebenfache der Einwohnerzahl zu kommen. Dann können wir ein eigenes Ökosystem Tourismus mit einer Fremdenverkehrsabgabe aufbauen. Die wiederum würde in die touristische Infrastruktur fließen. Eine zweite große Chance sehe ich im Fahrradtourismus, der immer weiter zunimmt. Hier gibt es noch großes Potenzial. Zudem können wir uns für die Phasen während des Jahres, in denen weniger los ist, überlegen, welche touristischen Attraktionen wir anbieten könnten.

Mehr Menschen in der Stadt verlangen auch nach mehr Sicherheit. Wie sicher ist Rosenheim?

Die Sicherheitslage in Rosenheim ist sehr gut. Das zeigt auch ein Blick auf die Kriminalstatistik und den Sicherheitsbericht der Polizei. Dennoch müssen wir natürlich daran arbeiten, dass es auch so bleibt und noch besser wird. Im Salingarten ist uns bereits eine deutliche Verbesserung gelungen, was das Sicherheitsgefühl betrifft.

Gleichzeitig heißt es, dass es am Salzstadel schlimmer geworden ist.

In gewisser Weise ja, aber darauf reagieren wir. Unsere Streetworker sind jetzt auch am Salzstadel unterwegs. Zudem stehen wir im Austausch mit der Polizei. Aber: Die objektive Sicherheitslage ist gut, das Sicherheitsgefühl können wir an der ein oder anderen Stelle noch verbessern. Wir überlegen derzeit zudem, ob wir einen Ordnungsdienst einstellen oder die Videoüberwachung noch weiter ausweiten. Derzeit gibt es in der Stadt 20 Standorte, an denen eine Videoüberwachung stattfindet.

Ihre Ziele für die nächsten 100 Tage?

Ich bin kein Freund von diesen Tageszielen. Ich will nach wie vor die wirtschaftliche Grundlage unserer Stadt und unserer Region stärken und alles dafür tun, dass Arbeitsplätze und Unternehmen in unserer Region sicher und gut wirtschaften können. Ich will dafür sorgen, dass das soziale Miteinander gut funktioniert, zudem müssen wir neue Wohnungen bauen und für Menschen, die einsam sind, Orte der Begegnung finden. Vor allem aber müssen wir uns um unsere älteren Mitbürger kümmern.

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