Rosenheim – Aus Frust und Hilflosigkeit entwickelte Tilman Rumland die Sicherheits-App „SafeNow“. Mittlerweile nutzen weltweit über 1,6 Millionen Menschen das System. Auf dem Rosenheimer Herbstfest feiert die Technologie nun eine Premiere. Wie die App funktioniert – und warum sie Leben retten kann, erklärt Gründer Tilman Rumland exklusiv im OVB-Interview.
Woher kam die Idee, eine solche App ins Leben zu rufen?
Das ist leider eine sehr unschöne Geschichte. Meine Ex-Freundin ist damals in einem Nachtclub von zwei Männern sexuell missbraucht worden. Das Frustrierende an der Situation war, dass an dem Abend acht Securitys gearbeitet haben. Einer von ihnen stand keine zehn Meter Luftlinie von ihr entfernt. Der konnte nichts sehen, da er eine Etage weiter oben stand, und hat auch nichts gehört, weil es sehr laut war in dem Club.
Also wollten Sie helfen?
Ich habe mich gefragt, wie es sein kann, dass im 21. Jahrhundert jemand schnelle Hilfe braucht und jemand ganz in der Nähe ist, und dafür bezahlt wird, zu helfen – und die beiden finden nicht zusammen? Daraufhin habe ich „SafeNow“ gegründet, um an solchen Situationen etwas zu verändern.
Eine App zu entwickeln – das hört sich kompliziert an.
Ist es auch. Das geht nur mit einem starken Team zusammen. Ich komme aus der Betriebswirtschaftslehre und hatte niemals vor, eine Sicherheitsfirma ins Leben zu rufen. Aber manche Probleme sind wichtig genug, dass man zumindest probieren muss, sie anzugehen.
Wie funktioniert die Idee?
Im Kern kann man mit der „SafeNow“-App mit einem Knopfdruck all seine vordefinierten Kontakte alarmieren. Die bekommen dann einen lauten Alarmton, der sich auch über „Bitte nicht stören“ und „Lautlos“ vom Handy hinwegsetzt, und den exakten Standort. Wenn man sich zusätzlich in einer „SafeNow“-Zone befindet – wie in einem Club oder auf einem Festival –, dann wird automatisch das lokale Sicherheitspersonal alarmiert. Durch das direkte Alarmieren der lokalen Helfer und metergenauer Ortung selbst innerhalb von Gebäuden, kann Menschen schneller und präziser geholfen werden als je zuvor.
Mittlerweile nutzen die App über 1,6 Millionen Menschen. Es gibt sogar Downloads aus Argentinien und Mexiko. Hätten Sie damit gerechnet?
Viele Dinge sind nicht vorhersehbar. Wir haben vor ein paar Wochen spanische Videos in Lateinamerika veröffentlicht. Eines der Videos wurde über zwölf Millionen Mal angesehen und so haben wir zurzeit an manchen Tagen mehr Downloads aus Argentinien und Mexiko als aus Deutschland. Es macht einen sehr demütig, zu sehen, dass die App mittlerweile auf der ganzen Welt genutzt wird.
Neulich haben wir eine E-Mail bekommen von Menschen, die die App im Kriegsgebiet in der Ukraine auf Ukrainisch verwenden, um besser auf ihre Familien aufzupassen. So was geht mir sehr nah.
Die App soll jetzt auch auf dem Rosenheimer Herbstfest eingesetzt werden.
Genau, und das Besondere ist: Nicht nur einzelne Zelte, sondern das komplette Festgelände wird eine „SafeNow“-Zone – Flötzinger, Auerbräu, Prosecco Stadel und auch die Außenbereiche. Das machen wir so noch nirgendwo anders, auch nicht beim Oktoberfest, dem Cannstatter Wasen oder dem Frühlingsfest, wo bisher nur einzelne Zelte abgedeckt waren. Wechselt man auf dem Gelände von einem Zelt zum nächsten, ist man jederzeit mit dem zuständigen Sicherheitsdienst verbunden.
Wie groß ist der Aufwand, das zu organisieren?
Er hält sich in Grenzen. Wir setzen einen digitalen Zaun um das Festgelände und mithilfe sogenannter „Bluetooth-Low-Energy-Beacons“ erreichen wir neben GPS noch eine präzisere Genauigkeit, auch innerhalb von Gebäuden. Somit bekommt der lokale Sicherheitsdienst im Falle eines Alarms die genauen GPS- und Standortdaten und kann innerhalb von Sekunden vor Ort sein.
In welchen Situationen sollte man die App nutzen?
Die App wird oft genutzt bei medizinischen Notfällen oder auch bei Auseinandersetzungen, Belästigung oder Unwohlsein. Oder wenn man selbst Zeuge von Streitigkeiten wird, aber selbst nicht eingreifen kann oder will – dann kann man diskret die Security alarmieren, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen.
Im besten Fall eskaliert die Situation dann gar nicht erst. Wir sehen das als eine Art Frühwarnsystem, das jeder ohne große Hürden nutzen kann. Auch für Kellnerinnen und Kellner bietet die App einen großen Mehrwert, um für sich und andere schnell Hilfe anfordern zu können.
Wird nur der Sicherheitsdienst informiert?
In erster Instanz ja – die Sicherheitskräfte haben dafür eine eigene App, in der sie sofort sehen, woher der Alarm kommt, wo genau die Person steht und was los ist. Der Gast kann dabei auch angeben, ob es Verletzte gibt und wenn ja, wie viele – so kann der Sicherheitsdienst direkt einschätzen, ob weitere Rettungsdienste verständigt werden müssen.
Wie finanziert sich das Ganze?
Der Betreiber zahlt für die „SafeNow“-Zone – im Falle von Rosenheim der Wirtschaftliche Verband, der seinen Gästen und Mitarbeitern zusätzliche Sicherheit auf dem Gelände anbieten möchte.
Darüber hinaus gibt es Sponsoren, die „SafeNow“-Zonen finanzieren – Jägermeister hat beispielsweise die „World Pride“ in Amsterdam unterstützt, die Make-up-Marke Essence das „Lollapalooza“ in Berlin. Das Entscheidende dabei: „SafeNow“ bleibt für die Nutzenden dadurch für immer kostenlos – ohne Werbung, ohne Bewegungsprofile, ohne Datenverkauf, ohne Premium Subscription. Wahrhaft kostenfrei, für immer.
Sie selbst nutzen die App mit Familie und Freunden.
Ja, als privates Alarmierungssystem. Neben meiner Freundin ist vor allem meine Familiengruppe wichtig für mich. Wenn meine Mutter anruft und ich gerade nicht rangehen kann – weil ich beispielsweise in der Dusche oder in diesem Interview gerade bin –, fühlt sich ein verpasster Anruf irgendwie nie gut an. Sollte aber wirklich etwas Wichtiges sein, drückt sie „SafeNow“ und alle in der Gruppe bekommen gleichzeitig einen kritischen Alarmton aufs Handy. In unserer Gruppe sind meine Schwester, die im Nachbarhaus wohnt, die Nachbarn, mein Cousin aus dem gleichen Dorf – alle die wirklich schnell vor Ort sein können. Anders als bei einem Anruf wissen wir dann sofort, dass es wirklich ernst ist – und wo sie Hilfe braucht.
Und was ist mit Menschen, die kein Handy haben?
Dafür entwickeln wir gerade einen physischen Knopf – als Schlüsselanhänger oder zum Umhängen. Gerade in Bezug auf ältere Menschen haben wir viel Feedback bekommen, dass der Wunsch besteht, sich schnell und unauffällig bei vertrauten Menschen melden zu können – bevor man gleich einen Sanitätsdienst ruft. Und das mit einem Produkt, das sich nicht nach „Notfallknopf für Senioren“ anfühlt. Meine Mutter nutzt genauso AirBnB und Spotify wie wir – bei ihr ist lediglich die Schriftgröße etwas größer eingestellt.
Ihr Appell an die Rosenheimer?
Passt aufeinander auf und habt vor allem viel Spaß auf dem Herbstfest – so wie jedes Jahr. Sicherheit ist nie das Ziel, sondern die Voraussetzung für eine unbeschwerte Zeit. Anna Heise