Rosenheim/Landkreis – „ Der Riedergarten ist ein bemerkenswerter Ort: Er ist nicht einfach nur ein Park, sondern ein Stück Rosenheimer Geschichte, die sich über fast 300 Jahre erhalten hat – vom privaten Apothekergarten über das historische Alpinum bis zum heutigen Erholungspark. Der Riedergarten ist die älteste öffentliche Parkanlage Rosenheims. Was heute wie ein ruhiger Stadtpark wirkt, begann vor fast 300 Jahren als privater Heilkräutergarten. Die Geschichte beginnt 1729. Der Rosenheimer Stadtapotheker Johann Rieder legte dort einen Kräuter- und Heilpflanzengarten an. Damals gab es noch keine industrielle Arzneimittelproduktion. Apotheker bauten viele Heilpflanzen selbst an und stellten daraus Salben, Tinkturen und Arzneien her. Der Garten blieb fast 200 Jahre im Besitz der Familie Rieder, die natürlich auch der Namensgeber für Rosenheims „Grüne Lunge“ ist.
Den Garten verkaufte Dr. Hermann Rieder, ein Nachfahre der Familie, 1925 an die Stadt Rosenheim. Seitdem ist er öffentlich zugänglich. Die Stadt gestaltete ihn zu einem Zier-, Lehr- und Erholungsgarten um. Der Riedergarten wurde zu einem äußerst günstigen Preis verkauft. Die Bedingung beim Verkauf: Das Gelände muss dauerhaft als öffentlicher Garten genutzt und darf nicht bebaut werden. Heute umfasst der Park rund 12.800 Quadratmeter. Als ihn die Stadt 1925 kaufte, war er mit etwa 6.800 Quadratmetern nur gut halb so groß. Besonders im Zuge der Landesgartenschau 2010 wurde die Anlage erweitert und modernisiert.
Besonders sehenswert sind der historische Apothekergarten mit Heilkräutern, der offen angelegte Stadtbach, eine Kneippanlage, alte Bäume, ein großer Kinderspielplatz, sowie zahlreiche Blumen- und Staudenbeete. Und natürlich der Mädchen- oder Orakelbrunnen zu dem es eine schöne Geschichte gibt.
„Ich frag die Blumenblätter all, ob Lieb und Glück dir winken, und wenn du es erfahren willst, musst aus dem Brünnlein trinken.“ Das beliebte steinerne Mädchen mit den Blumen im linken Arm ermuntert die Besucher des Riedergartens, aus dem Orakelbrunnen zu trinken. So sollen sie einen Blick in ihre Zukunft erhalten. Der Brunnen wurde 1930 von Georg Albertshofer im Auftrag des Verschönerungsvereins geschaffen.
Dem „Brunnenmadl“ wurde übrigens öfter übel mitgespielt. Ende August 2004 wurde das steinerne Mädchen vom Sockel gestoßen und zerbrach irreparabel in mehrere Stücke. Laut einem Bericht im Oberbayerischen Volksblatt bat der Rosenheimer Notar Lothar Walter Lederer anlässlich seines 50. Geburtstags die Gäste und Gratulanten statt um Geschenke um eine Geldspende für den Riedergarten. So trug der Jubilar aufgerundete 5.000 Euro zu den Gesamtkosten von 7.000 Euro bei. Im Mai 2005 konnte der wiederhergestellte Brunnen, der 2002 anlässlich der Neugestaltung des Riedergartens an einem schattigeren Plätzchen in der Nähe der Kneippanlage aufgestellt wurde, der Öffentlichkeit übergeben werden.
Wie viele Pflanzenarten es im Riedergarten gibt, ist nicht dokumentiert, bekannt ist aber, dass im Alpinum, das 1926 entstand, bereits über 100 verschiedene Alpenpflanzenarten kultiviert sind. Es gibt einige Pflanzen mit einer besonderen Verbindung zum Riedergarten: Die Pfefferminze ist wohl die historisch bedeutendste Pflanze des Gartens. Die Apothekerfamilie Rieder baute sie in größerem Umfang an. Aus ihr wurden die in Rosenheim berühmten „Minzzeltln“ (Pfefferminzplätzchen) hergestellt und in der Alten Apotheke am Ludwigsplatz verkauft. Die Almrosen (Alpenrosen) waren ein Blickfang des historischen Alpinums.
„Blutstropfen auf
grauem Fels“
Zeitgenössische Berichte aus den 1930er-Jahren beschrieben sie poetisch als „Blutstropfen auf grauem Fels“. Im heutigen Apothekergarten wachsen rund 150 verschiedene Heil- und Gewürzpflanzen, darunter insbesondere Artischocke, Zaubernuss, Meerrettich, Salbei, Baldrian und Brennnessel. Sie sind nach ihrer Heilwirkung angeordnet – etwa für Magen, Haut, Nerven oder Atemwege.