Rosenheim – Bei so einigen Sachen stellt es Peter König die Haare auf. Besonders, wenn er sich durchs Internet klickt. „Was man da so alles findet, das glaubt man gar nicht“, sagt der Experte für Pyrotechnik. Seit 35 Jahren veranstaltet der Mann aus Fischbachau professionelle Feuerwerke, kennt sich mit den wichtigsten Chemikalien dafür aus und weiß, wie man mit diesen sicher umgehen muss. Umso mehr ist er darüber entsetzt, dass im Netz „tonnenweise“ Anleitungen zum Selbstbau von Böllern und Pyrotechnik auftauchen. „Bei 80 von 100 dieser Rezepte überlebt man die Herstellung schon gar nicht“, sagt er.
Jugendliche beim
Böllerbau schwer verletzt
Genau eine solche Anleitung könnte womöglich am 22. August mehreren Jugendlichen in Aising zum Verhängnis geworden sein. Nach derzeitigem Ermittlungsstand der Kriminalpolizei haben ein 13-Jähriger und 14-Jähriger vor einer Garage eines Wohnhauses im Bereich der Aisinger Straße versucht, Böller herzustellen. Beim Vermischen der Chemikalien kam es aufgrund einer Reaktion des Gemisches zur Verpuffung. Zwei der Jugendlichen erlitten dabei schwere Verbrennungen. Da zwei weitere Jugendliche (14/15) beim Mischen dabei waren, wurde auch noch ein Dritter verletzt.
Am schlimmsten habe es den 13-Jährigen erwischt. Mit schweren Verletzungen im Gesicht und an den Ober- und Unterarmen brachte ihn ein Rettungshubschrauber in eine Spezialklinik nach München, sagt Michael Spessa, Pressesprecher beim Polizeipräsidium Oberbayern Süd. Ein 14-Jähriger sei ebenfalls mit Verbrennungen im Gesicht und an den Beinen in die Klinik gekommen. Der 15-Jährige habe hingegen Glück gehabt und habe nur vor Ort behandelt werden müssen.
Wie es dazu kommen konnte, ermittelt nach wie vor die Kripo – genauer gesagt das Kommissariat K1 für den Bereich der Kapitaldelikte. „Um den Fall kümmern sich jetzt unsere Brandfahnder, die zum Beispiel auch bei Großbränden im Einsatz sind“, sagt Spessa. Die Kollegen seien gerade dabei, herauszufinden, wer die Chemikalien besorgt hat, wer sie letztlich gemischt hat oder wer von den Jugendlichen nur danebengestanden ist. „Es wird geprüft, von wem eine Tathandlung durchgeführt wurde“, erklärt Spessa. Auch, weil möglicherweise ein Vergehen nach dem Sprengstoffgesetz im Raum steht. Genauso wie eine fahrlässige Körperverletzung.
Mit welchen Chemikalien die Jugendlichen herumgebastelt haben, kann und will der Polizist nicht verraten – um mögliche Nachahmer nicht zu motivieren. Um ganz außergewöhnliche Substanzen habe es sich aber nicht gehandelt. Dennoch habe es ausgereicht, dass es zu einer Verpuffung beziehungsweise kleinen Explosion kam. Bei geprüfter Pyrotechnik könne das aber so gut wie gar nicht passieren, sagt Feuerwerks-Experte Peter König.
Die Herstellung handelsüblicher Pyrotechnik habe mit dem „selbst gebastelten Zeug“ gar nichts zu tun. „Die besteht meist nur aus drei Grundkomponenten: Salpeter, Schwarzpulver und Holzkohle“, sagt König. Um die bunten Farben hineinzubekommen, müsse man noch bestimmte Salze, sogenannte Nitratsalze, hinzufügen.
Bei den „hochgefährlichen Hobby-Laboren“ werde aber zum Beispiel auch mal Wasserstoffperoxid und Aceton verwendet. Auch andere Stoffe seien hochbrisant, die in der „normalen“ Pyrotechnik gar nicht verwendet werden. „Da wird die Molekularstruktur so dermaßen instabil. Wenn man ein Glas mit fünf Gramm auf den Boden schmeißt, hat man eine riesengroße neue Öffnung für den Balkon“, sagt König. Wer sich bei diesen Stoffen nicht auskenne, mache einen „Ritt auf der Kanonenkugel“.
Nicht umsonst gebe es bei der Herstellung von Pyrotechnik sehr hohe Anforderungen. Und das, obwohl das professionell hergestellte Feuerwerk „absolut handhabungssicher“ ist. Dennoch erfolgt die Produktion teilweise in Bunkeranlagen, sagt Peter König. Wenn er seine Pyrotechnik transportieren will – zum Beispiel zum Rosenheimer Herbstfest –, braucht er ein Gefahrengutfahrzeug.
Dass die Jugendlichen alte Feuerwerkskörper neu zusammengebastelt haben, glaubt der Pyrotechnik-Experte nicht. Mit einem normalen, zertifizierten Böller seien zwar auch schwere Verletzungen möglich, aber wohl nicht in dieser Dimension. Dennoch beobachte er, dass vielen Leuten ein handelsüblicher Böller nicht mehr ausreicht. „Es muss immer lauter und noch lauter werden – und dann wird im Internet nachgeschaut“, sagt König.
Wenige vergleichbare
Fälle wie in Aising
Obwohl es das Jahr über – anders als rund um den Jahreswechsel – kaum Fälle wie den Aising gibt, wollen Peter König und Michael Spessa vor dem Herumbasteln mit Chemikalien warnen. „Nur zertifizierte, zugelassene Ware kaufen, und auch erst ab 18 Jahren“, sagt König. Ansonsten drohen schwerwiegende Verletzungen. Selbst das Einatmen der Hitze könne zum Beispiel bei einer Verpuffung die feinen Verästelungen in der Lunge zusammenschmelzen lassen, fügt Michael Spessa hinzu. „Jeder Fall, den wir mit Aufklärung verhindern können, ist ein Gewinn.“