Aschau – Es ist kühl und dunkel im Verlies von Schloss Hohenaschau. Früher seien hier auch Leute gefoltert worden. Jetzt steht eine Gruppe von gut 30 Personen in dem gefliesten Raum und lauscht den Erzählungen von Ute Hacherer.
„Haben Sie schon einmal von den Venediger Mandal gehört?“, fragt Hacherer in die Runde. Zweimal im Jahr macht sie die „Sagenhaft“-Führungen auf dem Schloss Hohenaschau. Insgesamt finden sie sechsmal im Jahr statt. „Wir wollten unseren Gästen etwas Neues bieten – mal nichts Historisches, sondern Sagen und Geschichten, wie man sie sich früher in den Bergen erzählt hat“, erklärt sie die Idee hinter den besonderen Führungen.
Eine der Sagen dreht sich um kleine Männchen aus Venedig, die reich geworden sind. „Dafür mussten sie Schätze in den Bergen finden und waren auch hier in der Kampenwand unterwegs“, erzählt Ute Hacherer. Dabei hätte ein Bauer ein „Venediger Mandal“ beobachtet und anschließend eine Höhle mit ganz viel Gold gefunden. „Er wurde reich und seine Nachbarn wurden neidisch“, erzählt Hacherer weiter.
In der Dunkelheit vom Verlies hören die Teilnehmer der Führung Hacherer gebannt zu, wie sie weitererzählt. Der Bauer sei vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt worden, weil er nicht erzählen wollte, wo er das Gold gefunden hatte. „In seiner letzten Nacht beichtete er dem Henker doch den Fundort und sie eilten zur Höhle“, sagt Hacherer. Aber der Henker habe keine Zeugen gewollt und brachte den Aschauer Bauern schlussendlich um. „Durch eine unerklärliche Macht wurde der Henker an die Höhle gefesselt und ist schlussendlich verschwunden“, sagt Hacherer und knipst ihre Blaulicht-Taschenlampe an. Der Strahl fällt auf ein langes Schwert und einen roten Mantel – alles, was vom Henker übrig geblieben sei.
„Mir machen Führungen generell Spaß und die ‚Sagenhaft‘-Führungen sind mal ganz etwas anderes“, sagt Hacherer. Deshalb seien auch viele Einheimische bei den Führungen dabei, die zwar die Burg kennen würden, aber nicht die Geschichten und Sagen. So auch Gertraud und Franz Kloo aus Höhenmoos. Sie sind zu der Führung zusammen mit ihrem Enkelkind Lukas gekommen. „Meine Frau hatte von der Führung in der Zeitung gelesen. Jetzt sind wir das erste Mal da und es gefällt uns sehr gut“, sagt Franz Kloo.
Eine weitere Sage erzählt Hacherer auch rund um die Felsen bei der Steinlingalm. Früher habe es bei der Alm nämlich noch nicht so viele Steine auf den Wiesen gegeben. Der Aschauer Pfarrer habe Ärger mit den jungen Burschen im Ort gehabt, denn diese wollten sonntags nicht in die Kirche gehen. „Sie gingen immer auf die Alm, denn dort gab es eine hübsche Sennerin“, sagt Hacherer. Die Jungs ignorierten die Klagen vom Pfarrer und machten sich darüber lustig. „Eines Sonntags, als sie die Sennerin besuchten, öffnete sich der Himmel. Es blitzte und die Burschen wurden auf der Wiese versteinert“, sagt Hacherer.
Vom Innenhof über das Verlies bis in den Werturm führt Ute Hacherer ihre Gruppe. An jeder Stelle gibt es eine andere Sage zu hören. Die Teilnehmer der Führung sind so begeistert, dass sie am Ende auch noch einen Blick in die Kapelle werfen möchten – wo die 63-Jährige ein paar geschichtliche Fakten parat hat. Diese sind wahr, doch bei den vorherigen Sagen und Geschichten müssen sich die Zuhörer ihre eigene Meinung bilden. „Ob das alles so gewesen ist, bleibt euch überlassen“, sagt sie zur Gruppe.
Sophie Mischner