Gemeinschaft statt einsames Homeoffice

von Redaktion

Wirtshaus in Oberaudorf wird zur Arbeits-WG

Oberaudorf – „Gasthaus zum Brünnstein“ steht an den alten Laternen links und rechts neben der Haustür, deren Farbe schon etwas ausgeblichen ist. Wenn man die Messingtürklinke drückt und hineingeht, hat das alte Wirtshaus am Bahnhof Oberaudorf nichts von seinem ursprünglichen Charme verloren. Im Flur die historischen, gemusterten Fliesen, in der Gaststube ein knarziger Dielenboden und eine Holzvertäfelung mit eingebauten Schränken an der Wand. Tino Anker, Eigentümer des „Gasthauses Brünnstein“, hat das alte Gebäude mit viel Sachverstand und Einfühlungsvermögen renoviert und zunächst als Eventgaststätte betrieben.

Initiative gegen
Wirtshaussterben

In vielen Orten in Bayern grassiert das sogenannte Wirtshaussterben. Oft gibt es keine geeigneten Nachfolger für den alteingesessenen Familienbetrieb, stehen teure Investitionen an oder es fehlt schlichtweg an Kapazität und Ideen. Eine solche hatte Jürgen Fleischmann aus Oberaudorf, selbstständiger Unternehmensberater für Modeunternehmen. „Das hochgelobte Homeoffice hat auch seine Tücken“, sagt der 58-Jährige. „Da lauern die Verführungen des Alltags, von der Spülmaschine bis zur Familie. Ich wollte einfach Arbeit und Privatleben wieder mehr trennen. So kam ich auf die Idee für ein Co-Working.“

Susanne Pawlik, seine Ehefrau, kommentierte seinen Einfall einfach nur mit: „Du spinnst!“ Mittlerweile hat sie als selbstständige Marketingberaterin und Trauerbegleiterin einen eigenen Schreibtisch in der „Arbeits-WG“ und trägt dazu bei, die ehemaligen Gasträume mit neuem Leben zu füllen.

„Eigentlich brauchte man nur ein gutes Internet, Schreibtische, Bildschirme und Rollcontainer, Optimismus und ein bisschen Mut“, meint Fleischmann. „Und natürlich einen passenden Ort.“ Kurzerhand fragte er den Eigentümer des „Gasthauses Brünnstein“, und der sagte sofort zu.

Im urigen Gastraum stehen nun moderne Schreibtische mit großen Bildschirmen, die auf den ersten Blick so gar nicht in das historische Ambiente zu passen scheinen. Amotz Ravid ist einer, der regelmäßig hierher zum Arbeiten kommt. Als Projektmanager bei einem internationalen Zahlungsanbieter kann er im Rahmen seiner flexiblen Arbeitszeiten an einigen Tagen „remote“ arbeiten. „Ich komme hierher, weil ich das positive Arbeitsumfeld, den produktiven Austausch und das Zusammensein mit den Menschen hier sehr schätze.“

Es ist 12 Uhr, langsam meldet sich bei allen der Hunger. Jürgen Fleischmann stellt Butterbrezen auf den Tisch. Susanne Pawlik holt sich einen mitgebrachten Salat aus dem Kühlschrank. Und Amotz Ravid hat einen Kichererbsen-Eintopf dabei. Gemeinsames Mittagessen in der großzügigen modernen Küche, in der alles da ist. „Wenn ich daheim arbeite, gibt’s manchmal nur einen schnellen Imbiss am Laptop, hier nehmen wir uns über Mittag oft die Zeit für gute Gespräche“, sagt der 35-jährige Projektmanager mit israelischen Wurzeln. „Überhaupt geht es hier oft sehr international zu“, ergänzt Fleischmann. Man könne auch einen Schreibtisch für einen halben Tag buchen, da komme es schon mal vor, dass jemand, der hier Urlaub macht und sich schnell ins Firmennetz einloggen muss, einchecke.

Doch man kann im „Gasthaus Brünnstein“ nicht nur einen Schreibtisch mit Gesellschaft buchen, sondern auch den Nebenraum, die „Hirschstube“. Er dient den Arbeits-WGlern als Besprechungs- oder Rückzugsraum und ist schnell für Meetings, Firmen-Workshops, Lesungen oder Fotoshootings umgebaut. Auch Yoga-Kurse und Gruppentreffen, zum Beispiel von Pawliks „Trauernden Eltern“, finden hier einen passenden Rahmen. „Den Haushalt teilen wir uns“, lacht Fleischmann. „Wie in einer Wohngemeinschaft, aber ohne festen Putzplan. Jeder tut, was gerade anfällt.“ Was anfänglich als ein Experiment angefangen hat, etabliert sich allmählich zu einem Treffpunkt für Arbeit und Austausch.

„Man lernt ständig
neue Menschen kennen“

„Man lernt ständig neue Menschen kennen, bekommt viel Input und tolle Kontakte, auch wenn jeder für sich an seinen Projekten arbeitet“, so Susanne Pawlik. Auch wenn es kein Gasthaus im eigentlichen Sinne mehr ist, hat das „Gasthaus Brünnstein“ nichts von seinem ursprünglichen Zweck verloren. Es bleibt ein Ort für Begegnung mit vielen Möglichkeiten.

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