Flintsbach – Das Christliche Sozialwerk Degerndorf-Brannenburg-Flintsbach (CSW) feiert am Samstag (19. September) sein 70-jähriges Bestehen. Wie das CSW mitteilt, findet die Jubiläumsfeier von 11 bis 21 Uhr auf dem Gelände des Mehrgenerationenhauses in Flintsbach statt. Als Ausweichtermin ist Samstag (3. Oktober) vorgesehen.
Was 1956 als kleiner Hauskrankenpflegeverein begann, ist heute ein breit aufgestelltes soziales Netzwerk. Als Pfarrer Sebastian Aicher am 17. Januar 1956 zur Gründung eines Hauskrankenpflegevereins ins Gasthaus „Zur Post“ einlud, kamen 80 Interessierte. Der Jahresbeitrag wurde auf fünf Mark festgesetzt. Erste Pflegekraft war Schwester M. Theresia, eine Marienschwester vom Karmel. Am 19. April 1956 wurde der Hauskrankenpflegeverein Degerndorf/Inn ins Vereinsregister eingetragen – der Anfang des heutigen CSW.
Einzugsgebiet und
Aufgaben wuchsen stetig
Über die Jahrzehnte wuchsen Aufgaben und Einzugsgebiet. 1977 wurde die Hauskrankenpflege auf ganz Brannenburg ausgeweitet, 1981 kam mit Monika Böhler die erste weltliche Krankenschwester. 1994 übernahm das CSW die ambulante Betreuung der Patienten des Diakonievereins, 1996 wurde „Essen auf Rädern“ zur festen Einrichtung.
Eine der schwierigsten Phasen folgte nach der Jahrtausendwende: 2002 geriet das CSW in eine schwere finanzielle Krise. Die Gemeinden Brannenburg und Flintsbach unterstützten den Verein; nach zeitgenössischen Berichten, auch im OVB, konnte eine drohende Insolvenz gerade noch abgewendet werden.
Auf die Krise folgte ein personeller und struktureller Neuanfang. Unter Wolfgang Berthaler als Vorsitzendem und Peter Gold als Zweitem Vorsitzenden wurden Satzung, Führungsstruktur und interne Abläufe neu geordnet. Ein Verwaltungsrat wurde eingerichtet, die Pflegedienstleitung stärker in die Geschäftsführung eingebunden. Erste geschäftsführende Pflegedienstleiterin war Monika Kaiser-Fehling. In den folgenden Jahren stabilisierte sich das CSW wirtschaftlich und baute sein Angebot aus.
2005 begann die Betreuung von Menschen mit Demenz. Mit „Dahoam is Dahoam“ entstand anschließend ein betreutes Wohnen zu Hause – Ausgangspunkt war eine Befragung älterer Bürger in Brannenburg und Flintsbach. Das Projekt wurde mit Leader-Mitteln gefördert; die Projektleitung übernahm Maria Haidl. 2009 folgten die Planungen für das Mehrgenerationenhaus: Die Gemeinde Flintsbach sicherte das ehemalige Kloster der Marienschwestern samt Kindergarten für eine soziale Nutzung. 2011 wurde das Mehrgenerationenhaus fertiggestellt, 2015 kam die Tagespflege hinzu – damit war das CSW neben der ambulanten Pflege auch teilstationär tätig.
Weitere Angebote folgten: seit 2018 der Leader-geförderte Mehrgenerationensport, seit 2019 das Bürgermobil. Hinzu kamen unter anderem das betreute Wohnen in der Sägmühle, die Mitwirkung am Ausbildungsverbund Pflege sowie Projekte zur Unterstützung älterer Menschen und pflegender Angehöriger.
Heute zählt der gemeinnützige Verein mehr als 1.000 Mitglieder. Zum Angebot gehören auch hauswirtschaftliche Unterstützung, Fahrdienste sowie Beratung und Seminarangebote für Pflegebedürftige und Angehörige. Unter der geschäftsführenden Pflegedienstleiterin Nathalie Winterling setzt das CSW auf die fachliche Weiterentwicklung seiner Mitarbeiter und eine Pflege, die Kompetenz und Empathie verbinden soll. Ehrenamtliche tragen weiterhin einen wichtigen Teil der Arbeit.
Zum Jubiläum blickt Ehrenvorsitzender Wolfgang Berthaler, der den Verein rund zwölf Jahre als Vorsitzender führte, auf die Jahre des Umbruchs zurück.
Herr Berthaler, wann wurde Ihnen bewusst, dass das CSW eine besondere Rolle im Inntal spielt?
„Das wurde mir klar, als wir den Verein vor der Insolvenz bewahren mussten. Die Ausgangslage war schwierig, die Zukunft ungewiss. Da sieht man, wie tief das CSW in der Gemeinde verankert ist. Es geht nicht nur um Pflege, sondern um ein soziales Fundament. Wenn das wegbricht, verliert eine Gemeinde etwas Wesentliches.“
Sie haben die Modernisierung des CSW über viele Jahre mitgeprägt. Was war für Sie der wichtigste Schritt?
„Neben der Neuordnung des CSW im Jahr 2003 war das für mich der Erwerb des Klosters der Marienschwestern. Obwohl die Gemeinde durch hohe Investitionen – unter anderem in Bahnunter- und -überführungen sowie den Ausbau der ‚Alten Post‘ – finanziell stark gefordert war, konnte ich kurzfristig eine gesicherte Finanzierung erarbeiten und den gesamten Gemeinderat für das Projekt gewinnen. Wäre das Gelände an einen Investor gegangen, hätte es keine soziale Nutzung gegeben. Mit dem Kauf haben wir die Grundlage für das Mehrgenerationenhaus geschaffen. Mit der damaligen Pflegedienstleiterin Monika Kaiser-Fehling hatte ich eine tolle Fachkraft zur Seite, die mit ihren innovativen Ideen zur guten Entwicklung des CSW beigetragen hat.“
Das Ehrenamt ist ein Kern des CSW. Wie hat sich diese Kultur verändert?
„Ehrenamt ist heute erklärungsbedürftiger, aber die Haltung ist geblieben. Menschen übernehmen Verantwortung füreinander. Fahrdienste, Demenzgruppen, Begleiterinnen und Begleiter sind keine Zusatzangebote, sondern Fundament des Vereins. Ohne Ehrenamt wäre das CSW ein anderer Verein.“
Was muss das CSW in den nächsten Jahren leisten, um tragfähig zu bleiben?
„Wir müssen pflegende Angehörige noch stärker unterstützen. Gleichzeitig brauchen wir mehr Fachkräfte und müssen das Ehrenamt stabil halten. Das CSW hat gelernt, sich zu verändern, ohne seinen Kern zu verlieren. Wenn wir das beibehalten, wird der Verein auch die nächsten Jahrzehnte bestehen.“
Was wünschen Sie dem CSW – und sich selbst für die kommenden Jahre?
„Dem CSW wünsche ich, dass es seine Haltung bewahrt: nah an den Menschen, verlässlich, ohne große Worte. Und mir selbst wünsche ich, dass ich weiterhin sehen darf, wie sich Menschen für andere einsetzen. Das hat mich all die Jahre getragen.“