Jägerin schlägt wegen ungemeldeter Wildunfälle Alarm
Anita Trost hat kürzlich fünf Wildunfälle in ihrem Revier gemeldet – Schockiert über Verhalten der Autofahrer
Bad Aibling/Kolbermoor – Fünf Wildunfälle ereigneten sich allein in der vergangenen Woche im Jagdgebiet der Kolbermoorer Jagdpächterin Anita Trost zwischen Harthausen und Lohholz. „Was mich besonders betroffen macht, ist nicht allein die Zahl der Wildunfälle, sondern der Umgang mit den verletzten Tieren“, erzählt die Jägerin.
Häufig lassen die Unfallfahrer die Rehe schwer verletzt und unter Schmerzen am Straßenrand oder im angrenzenden Gelände zurück, ohne Polizei oder Jäger zu verständigen. So wurde Trost auch vergangene Woche zweimal von Anwohnern und Spaziergängern gerufen, die jeweils ein verletztes Tier entdeckt hatten, das achtlos am Straßenrand zurückgelassen worden war.
Bußgelder bis zu
25.000 Euro drohen
Für Wildunfälle besteht laut Bayerischem Jagdgesetz eine strikte Meldepflicht. Kommt ein Unfallfahrer dieser nicht nach, kann es für ihn ziemlich teuer werden. „Wer ein Tier anfährt, muss Hilfe holen“, weiß Jäger und stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion (PI) Bad Aibling, Sebastian Thurnhuber. Ein Verstoß gilt nicht als Fahrerflucht, aber als Tierquälerei. Wird ein verletztes Tier zurückgelassen, kann ein Bußgeld in Höhe von bis zu 25.000 Euro erhoben werden.
Eine generelle Häufung von Wildunfällen konnten Thurnhuber und seine Kollegen im Einzugsbereich der PI Bad Aibling zwar nicht feststellen. Dennoch stellen sie sich auf vermehrte Einsätze in diesem Zusammenhang für die kommenden Monate ein. „Dachs, Fuchs und Reh sind nachtaktive Tiere und vor allem in der Dämmerung unterwegs“, weiß der stellvertretende Dienststellenleiter. Gleichzeitig werden die Tage kürzer, sodass der Berufsverkehr genau auf die aktivste Zeit der heimischen Wildtiere fällt.
„Viele Unfälle lassen sich gar nicht vermeiden“, weiß auch der Bad Aiblinger Polizeioberkommissar Manuel Schlosser. Die Fahrer sind aufmerksam, können dem Reh, das aus dem Wald hervorspringt, in der Kürze der Zeit aber nicht rechtzeitig ausweichen. „Wichtig ist dann, nicht auszuweichen, sondern geradeaus zu lenken und zu bremsen“, betont Thurnhuber. „Wenn der Unfallfahrer im Schreck das Lenkrad verreißt und gegen einen Baum kracht, ist niemandem geholfen“, so der Beamte weiter.
Unachtsamkeit oder erhöhte Geschwindigkeit bleiben dennoch häufige Ursachen für Wildunfälle im Revier von Jägerin Trost: „Die Strecke zwischen Harthausen und Lohholz ist mit 60 km/h ausgeschildert, trotzdem wird hier früh morgens und in den Abendstunden immer wieder deutlich schneller gefahren.“ Sie und ihre Jagdkollegen hätten deshalb gerne ein Gefahrenschild für die Strecke. Doch stellt die untere Straßenverkehrsbehörde des Landkreises erst ab zehn bis 15 Wildunfällen pro Jahr ein Gefahrenschild auf, dafür reicht die aktuelle Unfallzahl nicht aus.
„Aber wenn ein Schild auch jetzt schon dafür sorgen würde, dass ein paar Menschen langsamer fahren, könnte einigen Tieren großes Leid erspart bleiben“, findet die Jägerin. Schließlich wurde sie in der vergangenen Woche mehrmals gerufen, um ein Reh von seinem Überlebenskampf zu erlösen. In den seltensten Fällen kommt ein Reh nach einer Kollision mit einem Auto mit dem Leben davon.
Oft sind die Verletzungen äußerlich nicht sichtbar, weiß auch Jäger und Polizist Thurnhuber, aber auch eine von außen unsichtbare, gebrochene Rippe kostet ein Reh in der Regel das Leben. Anita Trost muss dann das Tier suchen und sein Leben so schnell und behutsam wie möglich beenden, damit sein Elend ein Ende findet. „Es ist traurig, dass ich so viel Routine dabei habe“, findet Trost: Wildunfälle gehören zu ihrem Alltag als Jägerin. Was genauso dazugehört, sind Autofahrer, die den Unfall nicht melden.
„Eine Anwohnerin hat ein verletztes Reh neben der Straße bemerkt und mich gerufen“, erinnert sie sich an einen Vorfall aus der vergangenen Woche. Ein weiterer Wildunfall wurde von einem Spaziergänger viel später gemeldet, als er ein verletztes Tier auf dem Weg entdeckte.
Die Unfallfahrer sind still und heimlich geflüchtet. Dieses Verhalten zeigt sich auch in der Statistik: Laut Deutschem Jagdverband könnte die Dunkelziffer der Wildunfälle in Deutschland fünfmal höher sein als die der gemeldeten Unfälle. Gemeldet werden jährlich rund 250.000 Wildunfälle. Sofern sie keinen großen Schaden am Fahrzeug bemerken, fahren viele Unfallfahrer einfach weiter. „Das Tier und sein Leid interessieren die Autofahrer gar nicht, wichtiger ist ihnen anscheinend, schnell nach Hause zu kommen“, vermutet Jägerin Trost. Mit ihren Hunden sucht auch Jägerin Trost oft nach den verletzten Tieren. Adrenalingeladen laufen sie oft noch ein gutes Stück davon, bevor sie schließlich zusammenbrechen.
Abgeerntete Maisfelder
sorgen für Probleme
Gerade häufen sich insbesondere Rehunfälle. Das liegt etwa daran, dass die Maisfelder, in die sie sich in den vergangenen Monaten zurückziehen konnten, nun abgeerntet werden. „Auf der Suche nach einer neuen Bleibe sind sie deshalb aktuell besonders umtriebig“, erklärt Anita Trost.
Thurnhuber bittet darum alle Autofahrer, vor allem während der Dämmerung im Berufsverkehr, langsam zu fahren und ausreichend Sicherheitsabstand zu halten. Das gilt insbesondere für Landstraßen zwischen Maisfeldern und im Wald: „Vor allem, wenn gerade schon ein Reh über die Fahrbahn gelaufen ist.“ Denn selten kommen die schreckhaften Wildtiere allein.