Brannenburg – Auch wenn der monatelange Sonnenschein wie auch der abschnittsweise in Trockenheit gefallene Kirchbach in diesem Jahr keinerlei „Sorge“ um ein Naturereignis auslösten, stellte sich die Situation vor 175 Jahren für Brannenburg und den Ortsteil Gmain weitaus bedrohlicher und vernichtender dar. Und so zeugte die hohe Anzahl an Gläubigen, die eine Messe vor dem damals einzigen verschonten „Weber-Haus“ der derzeitigen Besitzerfamilie Zaggl mit seiner Gedenktafel mitfeierten, davon, wie intensiv sich das Geschehen im Jahr 1851 in das Gedächtnis der Bevölkerung eingeprägt hat. Die Messfeier wurde vom Waldhornquintett unter Leitung von Peter Zaggl gestaltet.
Rückblick: Im Hochsommer 1851 hörten die Bewohner Brannenburgs und der nächsten Umgebung das Getöse eines bedeutenden Absturzes am Schrofen, einem 1.030 Meter hohen Berg im Wendelsteingebiet. Der damalige Gutsherr und Schlossbesitzer Fabio Graf Pallavicini eilte vor Ort und stellte, so die Überlieferung, eine akut drohende Gefährdung für den Ort Brannenburg fest.
Riesige Dämme zeigten Richtung Brannenburg
Geröll und ganze abrutschende Hänge mit stehendem Bergwald bildeten am Fuße des Schrofens in der Kirchbachrinne zwei riesige Dämme, die von ständig nachdrückendem Wasser immer weiter aufgeweicht wurden. Graf Pallavicini beorderte seine Holzarbeiter und weitere Dienstkräfte an diesen Ort. Mit einfachsten Hilfsmitteln versuchten diese wie auch zahlreiche Freiwillige, das austretende Wasser des in Richtung Brannenburg zeigenden Haufens in Richtung Kirchbachgerinne und damit nach Gmain zu leiten.
Und diese Maßnahme führte auf den Ort Brannenburg bezogen zum Erfolg, sodass die haushohen Schuttmassen sieben weitere Tage gemächlich talwärts zwei Kilometer Richtung Gmain glitten. Einziger Lichtblick war, dass der langsame Murenabgang ein geordnetes Evakuieren und Räumen der gefährdeten Gebäude bis hin zum teilweisen Abtragen von Dachstühlen, Holzdecken und Holzwänden ermöglichte.
In Summe wurden zehn Gebäude, darunter die Kirchbachmühle und vier von fünf Häusern mit ihren Feldern zwischen dem jetzigen Bildungsheim und der Kirchbachbrücke, zerstört.
Nur der Weber Alois Schrecker hat, so die Überlieferung, im „Vertrauen auf den Schutz des Allmächtigen“ sein Häuschen nicht geleert. Und das Gebäude blieb tatsächlich unversehrt, wenngleich sich das Geröll nur wenige Schritte entfernt hoch auftürmte.
Das sich auf der linken Bachseite befindliche Holzmeister-Häuschen war auf drei Seiten vom Schutt umgeben. Die Kirchbachmühle befand sich auf dem Parkplatz des jetzigen Bildungshauses. Der Verbleib der Müllnerin ist nicht restlos geklärt. Im von Helmut Pabst verfassten „Buch von Brannenburg“ ist die beschriebene Umsiedlung zur Kohlhaufmühle in Waching aus heutiger Sicht nicht stimmig; dort heiratete ein Sohn der Müllnerin ein.
Die Gmainer verteilten sich über den ganzen Ort
Die Familie aus dem „Holzerhäuschen“ siedelte sich an der Mühlenstraße als Anwesen „Socher“ an, wo auch eine Tafel am Haus an dieses Ereignis erinnert. Der Schuhmacher Veit baute sich an der Sudelfeldstraße an der Abzweigung nach Sankt Margarethen das Anwesen „Schuster-Veichtl“ auf. Die Schneiderswitwe mit ihren fünf Kindern ließ sich auf der linken Bachseite nieder (später Café Alpenblick). Der Schuhmacher Josef Astner soll sich an der Sudelfeldstraße kurz vor der Einmündung in die Mühlenstraße das Anwesen „Schuster Hiasl“ aufgebaut haben.
Unmittelbar nach dem Bergsturz wurde das Wasser aus dem Bärnmoos durch einen Graben, der nach dem Grafen Pallavicini benannt ist, abgeleitet. 1853 begann die Verbauung des Kirchbaches, was sich bis in die heutige Zeit immer wieder abschnittsweise mit Erneuerungen und dergleichen fortsetzt.
Seit 1989 erfolgen im Gipfelbereich des Schrofens Messungen vom Geologischen Dienst des Freistaats Bayern. An eine in der Loretokirche in Rosenheim angebrachte Votivtafel wird in jüngerer Zeit mittels einer Radlwallfahrt, heuer am 3. Oktober, erinnert.
Alle sich heute in der beschaulichen Siedlung „Gmain“ befindlichen Gebäude – bis auf das Weber-Haus der Familie Zaggl – wurden neu errichtet. Der erhöhte Standort dieser Häuser lässt teilweise Rückschlüsse auf den Schuttkegel zu. Bei Erdarbeiten bis weit nach Brannenburg und Degerndorf hinein wurden immer wieder Baumstämme ausgegraben.