Rosenheim – Modaser Rezayee ist im April 2021 aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. Er hat schnell Deutsch gelernt und 2023 den Mittelschulabschluss gemacht. Nach einem Praktikum in einem Baumarkt in Stephanskirchen bekam er dort einen Ausbildungsvertrag. „Die Arbeit gefällt mir und ich habe nette Kollegen“, fasst er heute seine Situation zusammen.
Auf dem Weg dahin wurde er von Lothar Karney unterstützt, der seit sieben Jahren für das Patenprojekt „Jugend in Arbeit“ tätig ist. Karney, der bei der Deutschen Post gearbeitet hat und jetzt im Ruhestand ist, unterstützt Jugendliche dabei, „den Weg in die Gesellschaft alleine zu gehen“. Rund 1.200-mal sei dies bisher bereits gelungen, so seine Schätzung auf der Grundlage der statistischen Teilnehmerdaten, die bei der Jubiläumsfeier genannt wurden, zu der fast 100 Paten ins MEDIA Forum des OVB gekommen waren.
Die Hilfe für die Jugendlichen, die das Patenprojekt anbietet, beginnt in der 7. Klasse und hat zunächst das Ziel, den Abschluss der Mittelschule zu erlangen. Es geht dabei nicht um klassischen Nachhilfeunterricht, sondern das Projekt soll den Jugendlichen laut Karney eine „Hilfe zur Selbsthilfe“ sein. „Die Entwicklung der Persönlichkeit spielt dabei eine große Rolle“, so der Pate. Mit dem Schulabschluss ist nicht Schluss. Die Paten helfen auch beim Übergang von der Schule ins Berufsleben. Dies beginnt mit der Unterstützung bei der Wahl der Betriebspraktika und führt weiter zur Suche nach einem passenden Ausbildungsplatz.
Beate Heinrich ist vom Fach. Sie war Lehrerin an der Mittelschule in Wasserburg. Ihr pädagogisches Ziel ist, den Schülern zu vermitteln, dass sie etwas können: „Dann kommt die Freude am Lernen auf.“ Und diese Freude sei wichtig, nicht nur während der Schulzeit, sondern auch bei der folgenden Ausbildung. Heinrich war schon Patin für drei Schüler mit Migrationshintergrund. Derzeit unterstützt sie die Schülerin Eva, die aus Nigeria nach Deutschland gekommen ist und Kinderpflegerin werden will. Zuvor half sie deren älterer Schwester Frances, die inzwischen eine Ausbildung zur Krankenschwester macht.
Karney sieht auch einen Gewinn für die Paten bei der ehrenamtlichen Tätigkeit: „Ich habe einen Einblick in Kulturen bekommen, die ich bis dahin gar nicht kannte.“ Er will andere Menschen motivieren, ebenfalls im Patenprojekt mitzuarbeiten. Man brauche dafür nur zwei Stunden Zeit pro Woche und Freude daran, anderen zu helfen. Spezielle Fachkenntnisse habe er nicht gebraucht, sein Wissen aus der eigenen Schulzeit habe ihm genügt.
Die stellvertretende Landrätin Alexandra Burgmaier sieht die Gefahr einer Entwicklung zu einer „entsolidarisierten Gesellschaft“. Es könne „nur ein gutes Leben für uns alle geben, wenn wir uns um jeden Einzelnen kümmern“. Es dürfe niemand auf dem Weg in die Arbeit verloren gehen, dies sei „nicht nur sozial, sondern auch wirtschaftlich wichtig“.
Wer Interesse hat, an dem Projekt als Pate mitzuarbeiten, findet Informationen und Ansprechpartner unter patenprojekt-rosenheim.de.
Alfred Schubert