Mühldorf – Bühne frei für eine neue Ära auf der Schiene. Am zentralen Bahnknotenpunkt in Mühldorf haben die Südostbayernbahn (SOB) und Siemens Mobility am gestrigen Freitag den ersten Wasserstoffzug für den Regelbetrieb in Bayern offiziell präsentiert. Unter dem Dreiklang „Leise. Sauber. Wasserstoff.“ wurde das Fahrzeug symbolisch in die Flotte der SOB aufgenommen. Während aktuell die Test- und Schulungsfahrten laufen, wird es zum anstehenden Fahrplanwechsel im Dezember 2026 für die Fahrgäste ernst: Dann rollen drei hochmoderne Wasserstoffzüge im regulären Betrieb auf der Strecke Mühldorf–Burghausen.
Bis zum Jahr 2040 soll der Dieselbetrieb im bayerischen Schienenpersonennahverkehr komplett der Vergangenheit angehören, so das erklärte Ziel der Bayerischen Staatsregierung. Da eine vollständige Elektrifizierung des Schienennetzes oft nur teilweise oder wirtschaftlich kurzfristig nicht umsetzbar ist, gilt die emissionsfreie Wasserstofftechnologie als Mosaikstein für die klimafreundliche Verkehrswende.
„Mit dem ersten Wasserstoffzug im Regelbetrieb zeigen wir, wie der Abschied vom Diesel auf der Schiene gelingen kann“, betont Christoph Kraller, Konzernbevollmächtigter der Deutschen Bahn für den Freistaat Bayern. Der vom Bund und Land geförderte Siemens-Zug basiert auf der sogenannten Mireo-Plattform, die neben klassischen Elektrozügen (EMU) und Batteriezügen (BEMU) eben auch die Wasserstoff-Variante (HEMU) umfasst. Markus Frank, kaufmännischer Leiter Regionalzüge bei Siemens Mobility, zeigte sich bei der Präsentation sichtlich stolz auf die Leistungsdaten der Züge und betonte, dass eine Reichweite von 1.000 Kilometern möglich wäre. Hinsichtlich der Dynamik des Zuges führte der Siemens-Leiter aus, dass das Fahrzeug eine Beschleunigung von etwa 25 Sekunden von 0 auf 100 km/h habe. Er lobte dies im Interview als „schon sehr gut“. Angesprochen auf die Wetterfestigkeit im Falle von eisigen Wintern unterstrich Frank, dass der Zug „die gleichen technischen Spezifikationen erfüllen“ müsse wie ein Elektro- oder Batterietriebzug, es gebe dahingehend „keinen Unterschied“.
Versorgt werden die drei barrierefreien Fahrzeuge über eine eigens von DB Energie in Mühldorf errichtete Wasserstoff-Tankstelle, die zu 100 Prozent mit Ökostrom betrieben werde.
Großes Lob gab es dafür von Christian Bernreiter, Bayerischer Staatsminister für Wohnen, Bau und Verkehr. Zudem verwies er auf die lokale Infrastruktur, da im dortigen Chemiedreieck durch den Bund geförderte Elektrolyseure bereitstünden, „sodass man tatsächlich mit grünem Wasserstoff auch fahren kann“. Insgesamt unterstützt das Bundesministerium für Verkehr das Mühldorfer Pilotprojekt von den Fahrzeugen über die Infrastruktur bis zum Elektrolyseur mit 8,2 Millionen Euro. Bernreiter sieht die Mühldorfer Strecke als idealen Nachfolger des Allgäu-Projekts, um die Technologie im echten Regelbetrieb zu festigen: „Ich setze darauf, dass die Züge ‚Made in Bavaria‘ zuverlässig auf der Strecke verkehren werden.“
Im Exklusiv-Interview ordnete Bernreiter zudem ein, warum man sich in Mühldorf gegen reine Akku-Züge entschieden hat: Während Batteriefahrzeuge auf der Strecke oder an den Stationen teure Lade-Infrastrukturen benötigen, ist der Wasserstoffzug flexibler einsetzbar – vorausgesetzt, die Betankung funktioniert.
Die oberste Priorität des Freistaats besitze aber nach wie vor die klassische elektrische Oberleitung. Wo dies nicht geht, kommen je nach Streckenbeschaffenheit Batteriezüge zum Einsatz – und auf anspruchsvollen, längeren Strecken ohne Stromnetz wie im Chemiedreieck eben der Wasserstoff.
Dank der Nähe zur lokalen Industrie rund um Mühldorf und Burghausen könne hier künftig direkt der vor Ort produzierte grüne Wasserstoff genutzt werden. Melanie Hoog