Das „Aushängeschild der modernen Justiz“ geht – Andrea Titz wechselt nach Kempten

von Redaktion

Vizepräsidentin des Landgerichts Traunstein verlässt die Region – Deutschlandweit bekannte Protagonistin im Steuerfall Uli Hoeneß und im NSU-Prozess

Traunstein – Mit Andrea Titz, zuletzt fast sechs Jahre Vizepräsidentin des Landgerichts Traunstein, verlässt eine erfahrene und erfolgreiche Juristin Oberbayern, um als Leitende Oberstaatsanwältin an der Spitze der Staatsanwaltschaft Kempten neue Verantwortung zu übernehmen. Landgerichtspräsidentin Anja Kesting hat die 56-Jährige mit großem Dank vor 70 Gästen aus dem Landgerichtsbezirk und aus den Amtsgerichten in Altötting, Laufen, Mühldorf, Rosenheim und Traunstein verabschiedet.

Bemerkenswerte
Probezeitbeurteilung

Einer der größten „Fans“ von Andrea Titz war nach Worten von Kesting wohl Jürgen Michalke, der einstige Chef der Staatsanwaltschaft Traunstein. Er hielt in seiner ersten Probezeitbeurteilung 1996 fest: „Frau Titz ist eine große, schlanke, sehr gepflegte, elegante Erscheinung. Sie ist jederzeit bereit, Sondervertretungen zu übernehmen.“ Michalke fügte einen bemerkenswerten Satz an: „Sie jammert nie…“

Die Präsidentin blickte auf die beruflichen Stationen von Titz zurück. Nicht zuletzt durch ihren extravaganten Kleidungsstil einschließlich bunter High Heels habe sie „nach außen auch ein ganz neues Bild der Justiz vermittelt.“ An die Stelle des „verstaubten, langweiligen Richters“ sei „ein Model für eine moderne Repräsentantin der Justiz“ getreten. Das gelte auch für den Deutschen Richterbund. In einer Vorlesung sei Andrea Titz als „Aushängeschild für eine moderne Justiz“ bezeichnet worden. Das könne sie nur unterschreiben, so Kesting. Im Laufe ihres Wegs nach oben füllte Titz hochverantwortliche, repräsentative Positionen aus. Dazu Kesting: „Sie hat alle Herausforderungen gestaltet und bestens gemeistert.“ Schnell und effizient habe Andrea Titz Lösungsansätze gefunden, Abläufe verschlankt und Dinge ohne langes Zögern vorangebracht. „Egal, wie komplex ein Sachverhalt war, egal, wie festgefahren eine Verhandlung schien – Frau Titz hat immer die perfekten Worte gefunden. Sie schafft es, Dinge präzise auf den Punkt zu bringen, ohne dabei den richtigen Ton zu verlieren.“ Die Pressesprechertätigkeit an den Gerichten in München sei ihr „wie auf den Leib geschrieben“ gewesen. Eine exzellente Führungskraft werde man jedoch nicht nur „durch Effizienz und geschliffene Worte.“ Titz gelinge es, die Brücke zwischen professioneller Härte in der Sache und menschlichem Verständnis zu schlagen: „Sie vergisst nicht, dass hinter den nackten Zahlen und Projekten Menschen stehen.“

Die allergrößte Bewährungsprobe für Andrea Titz sei eingetreten, „als die zentrale Führungsstelle am Landgericht plötzlich vakant war.“ In dieser „schwierigen und sensiblen Situation“ habe Titz ihre Führungspersönlichkeit und ihr Verantwortungsbewusstsein bewiesen und sich den Aufgaben gestellt. Die Landgerichtspräsidentin würdigte: „Frau Titz hat eine enorme Verantwortung geschultert, die weit über das normale Maß hinausging. Dass das Landgericht auch diese schwierige Phase überstanden hat und gestärkt daraus hervorgegangen ist, ist auch ihr Verdienst.“

Für Titz beginne „ein neues Kapitel“. Sie habe sich niemals auf Erreichtem ausgeruht. Die neue Wirkungsstätte, die zukünftigen Kollegen könnten „sich glücklich schätzen“, hob Anja Kesting heraus. Sie persönlich werde die enge Zusammenarbeit und den täglichen Austausch auf Augenhöhe vermissen, die schnellen, unkomplizierten Abstimmungen zwischen Tür und Angel. Titz hinterlasse in Traunstein „verdammt große Fußspuren.“

„Jede Aufgabe ist ein Abenteuer. Mein Abenteuer heißt jetzt Kempten“, erwiderte Andrea Titz. Sie wechsle jetzt die Seiten – von der ausgleichenden Institution zur dynamischen Seite der Staatsanwaltschaft. Die Tätigkeit von Richtern und Staatsanwälten sei „immer mehr als ein Job.“ Mit Unterbrechungen habe sie 15 Jahre in Traunstein gearbeitet. Der Abschied falle ihr schwer. Mit all den verschiedenen Abteilungen habe sie viel erlebt: „Meine Gedanken sind von großer Dankbarkeit geprägt.“

Andrea Titz, Jahrgang 1969, ist gebürtige Oberpfälzerin. Das Studium der Rechtswissenschaften absolvierte sie mit ausgezeichneten Ergebnissen an der Universität Passau, das Referendariat in Passau, Regensburg und München. Nach der zweiten juristischen Staatsprüfung 1995 wirkte sie von 1996 bis 2001 als Staatsanwältin bei der Staatsanwaltschaft Traunstein. Ab 2001 war Andrea Titz als Richterin am Amtsgericht an den Amtsgerichten Mühldorf und Altötting tätig, anschließend als Richterin am Landgericht Traunstein. 2005 wechselte sie zur Staatsanwaltschaft München II als „Staatsanwältin als Gruppenleiterin“ und stieg 2009 auf zur „Oberstaatsanwältin“. Im Jahr 2012 suchte sie als Richterin am Oberlandesgericht München neue Herausforderungen. Bis 2017 fungierte sie als Pressesprecherin des Oberlandesgerichts München sowie der Landgerichte München I und München II. In diese Zeit fielen aufsehenerregende Verhandlungen wie der Steuerprozess gegen Uli Hoeneß, der NSU-Prozess oder das Verfahren gegen Bernie Ecclestone. Andrea Titz wurde zur gefragten Interviewpartnerin und bundesweit bekannt.

Rückkehr nach Traunstein im Jahr 2020

Die nächste Station war 2017 der Aufstieg zur Direktorin des Amtsgerichts Wolfratshausen, ehe Titz 2020 als Vizepräsidentin an das Landgericht Traunstein zurückkehrte. Sie führte das Landgericht in schwierigen Zeiten nach dem Ausscheiden des damaligen Präsidenten interimsmäßig alleine. Zum Freitag, 31. Juli, verließ Andrea Titz Traunstein nun offiziell – bereits einen Tag darauf wirkte sie als Leitende Oberstaatsanwältin in Kempten.

Im Deutschen Richterbund übernahm Titz von 2007 bis 2016 als Mitglied des Präsidiums Verantwortung, von 2010 bis 2016 auch als stellvertretende Vorsitzende. Den Vorsitz im Bayerischen Richterverein hatte die Juristin von 2016 bis 2022 inne. Im Duo mit Joachim Lüblinghoff ist sie seit 2022 Co-Vorsitzende des Deutschen Richterbunds.

Monika Kretzmer-Diepold

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