Landkreis/Prien – Der Tourismus ist aus der Wirtschaft der Region Rosenheim nicht wegzudenken. Das hat Michael Kießling, tourismuspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, kürzlich bei einem Besuch in Prien betont. Im Interview mit dem OVB erklärte er, wo er die Zukunft sieht, ob die Besuchszahlen für Herrenchiemsee nicht höher sein müssten und was Bahnbaustellen für den Fremdenverkehr bedeuten.
Für Ihren Besuch haben Sie sich mit dem Chiemsee eines der schönsten Ziele in Oberbayern ausgesucht. Wie beurteilen Sie dort die Rolle des Tourismus?
Der Tourismus spielt eine sehr große Rolle. 500 Millionen Besucher kommen jährlich nach Deutschland. Davon entfallen 100 Millionen auf Bayern und davon wiederum 50 Prozent auf Oberbayern. Wenn man von außen auf den Tourismus schaut, dann ist Urlaub in Deutschland für viele Leute mit Urlaub in Bayern verbunden. Der Chiemsee ist ein Magnet, ebenso die Seen und die Berge. Und Tourismus bedeutet nicht nur viele Gäste und Übernachtungen – das hat auch Effekte aufs Handwerk, auf den Lebensmittelhandel, auf Bäckereien und Metzgereien und vieles mehr.
Es gibt an einigen wenigen Stellen das böse Wort vom Overtourism, von zu viel Betrieb an einem Hotspot.
Das Problem sehe ich so nicht. Thema ist aber die Akzeptanz des Tourismus. Wie schaffe ich den Ausgleich zwischen Tourismus und einheimischer Bevölkerung? Tourismus schafft Wertschöpfung vor Ort, schafft Arbeitsplätze und Einnahmequellen. Also kommt es darauf an, Tourismusströme zu steuern und sich gerade an den Hotspots der Frage zu stellen, wie man hier eine Entlastung schaffen kann.
Das ist ein Thema nicht nur am Ufer des Chiemsees, sondern zum Beispiel auch am Ammersee oder am Starnberger See.
Vielleicht lenkt man die Aufmerksamkeit zur Abwechslung stärker auf eines der schönsten Königsschlösser: Schloss Herrenchiemsee verzeichnet nur 300.000 Besucher pro Jahr, nicht mal ein Zwanzigstel von Schloss Versailles. Geht da nicht mehr? Der Spiegelsaal ist länger als der von Versailles.
Ob die Besucherzahl verdient oder nicht verdient ist, das ist schwer zu berechnen. Ich habe das Gefühl, dass die Region das so gut verkraftet. Schloss Herrenchiemsee hat seine Zielgruppe, und diese Besucher nutzen meist auch noch weitere Angebote in der Region. Vielleicht Neuschwanstein. So, und was bietet man darüber hinaus noch an? Wir schauen, dass die Besucher sich wohlfühlen, dass sie einkehren, Übernachtungen buchen und noch andere Ziele aufsuchen.
Trotzdem, wie kann man den Tourismus fördern?
Wir müssen die Wirtschaft wieder in Schwung bringen. Tourismus ist ein wesentlicher Bestandteil der Wirtschaft und als Teil der Wertschöpfung nicht mehr wegzudenken. Natürlich gibt es noch Potenziale, die man heben kann. Deswegen haben wir eine nationale Tourismusstrategie entwickelt.
Wie sieht die aus?
Die Strategie liegt vor und ist verabschiedet. Die Weichen sind gestellt und einige Punkte sind schon umgesetzt. Das fängt an bei Bürokratieabbau und steuerlichen Entlastungen für den Mittelstand und geht weiter mit der Senkung der Luftverkehrsteuer, damit Deutschland erreichbar bleibt.
Wir investieren außerdem in Bahn und Straße. Diese Infrastruktur ist wichtig für den Tourismus, und deswegen haben wir in der Runde darüber diskutiert. Beispielsweise auch über die geplante Sanierung der Bahnstrecke München-Rosenheim ab 2028 – wie funktioniert das mit dem Schienenersatzverkehr? Da ist Landrat Otto Lederer sehr aktiv.
Die Infrastruktur ist so marode, dass schon jetzt große Beeinträchtigungen zu spüren sind.
Eigentlich ist die Infrastruktur in Deutschland sehr gut, aber zugegebenermaßen besteht hoher Sanierungsbedarf. Sonst hätten wir auch nicht 500 Milliarden Euro eigens dafür aufgerufen. Wo saniert werden muss, wird es Baustellen geben und in dieser Zeit auch Beeinträchtigungen. Aber wir haben das große Ziel, danach auch wirklich eine Verbesserung zu erzielen.
Was könnte man auf die Schnelle für den Tourismus verbessern?
Dass die Akzeptanz von Tourismus steigt, dass es ein Miteinander wird. Das ist es, was ich mir wünsche. Dann profitiert die Region insgesamt.
Dann wird man wohl auch noch mehr Autoverkehr akzeptieren müssen.
Verkehr ist immer ein Thema. Und das meinte ich vorhin mit der Steuerung der Tourismusströme. Dabei geht es auch darum, den ÖPNV einzubinden. Und trotzdem an Familien zu denken. Wenn ich mit kleinen Kindern in den Urlaub reise, dann ist das nicht immer so einfach mit den Öffentlichen.
Sie als Polittourist: Wie hat Ihnen der Chiemsee gefallen?
Die Reise war sehr interessant. Wir haben auch die Werft besucht. Das Besondere an der Chiemsee-Schifffahrt ist ja, dass sie auch Bestandteil des öffentlichen Nahverkehrs ist und von einem mittelständischen Unternehmen geführt wird. Da war ich sehr beeindruckt.
Im Yachthotel hatten wir auf Einladung von meiner Kollegin Daniela Ludwig einen sehr guten, offenen Austausch zu den Herausforderungen des Tourismus in der Region – mit Landrat Otto Lederer, vielen Bürgermeistern, Vertretern aus dem Tourismusverband und Unternehmern. Es ist gut, in dieser Vielfalt in den Austausch zu gehen, auch wenn es darum geht, zu erfahren, wo der Schuh drückt.
Wo drückt der Schuh besonders?
Verantwortlich für den Tourismus sind die Kommunen. Tourismus gehört zu den freiwilligen Leistungen. Und wenn man dann sieht, wie angespannt die finanzielle Lage der Kommunen derzeit ist, stellt sich natürlich die Frage, was die Kommunen noch für den Tourismus leisten können.
Deswegen machen wir uns im Bund auch Gedanken, wie wir für Entlastung sorgen können, auch wenn die Länder primär hierfür zuständig sind, und haben ein kommunales Entlastungsgesetz auf den Weg gebracht.
Reicht das?
Nein, aber es ist ein Anfang. Man überlegt auch, wie Gelder effektiver eingesetzt werden können. Und man wird sich bei der einen oder anderen Leistung fragen müssen, ob sie noch notwendig ist und ob wir uns das leisten können – und wollen. Der Freistaat Bayern macht eine sehr kommunalfreundliche Politik. Michael Weiser