„Und wieder einmal war es Zeugnistag…“ Viele kennen das Lied von Reinhard Mey. Es handelt von einem Buben, der die Unterschrift seiner Eltern auf dem Zeugnis gefälscht hat. Als Vater und Mutter deshalb vor den Direktor zitiert werden, stehen sie überraschend hinter ihrem Sohn. Für ihn wird das wohl eine der wertvollsten Erfahrungen seiner Kindheit gewesen sein. Dieses Lied berührt mich bis heute. Denn es erzählt vom Druck, der sich bei manchen Kindern und Jugendlichen zum Schuljahresende aufbauen kann. Dabei gerät leicht in Vergessenheit: Ein Zeugnis ist eine Bestandsaufnahme – nicht das Urteil über den Wert eines Menschen. Es zeigt, was gelungen ist und wo noch Lernwege vor einem liegen. Mehr nicht. Natürlich dürfen gute Noten Freude bereiten. Und schwächere Noten können Ansporn sein. Gefährlich wird es, wenn Kinder glauben, sie müssten sich Liebe oder Anerkennung mit Ziffern verdienen. Kein Mensch lässt sich auf eine Eins, eine Drei oder eine Fünf reduzieren. Hinter jeder Note steht ein Kind mit Begabungen, Träumen und einer unverwechselbaren Geschichte. Die Bibel erinnert uns daran, dass jeder Mensch von Gott beim Namen gerufen und geliebt ist. Diese Zusage gilt unabhängig von jeder Leistung. Ich wünsche allen Schülerinnen und Schülern, dass sie ihr Zeugnis mit erhobenem Kopf entgegennehmen können. Und den Eltern den Mut, an der Seite ihrer Kinder zu stehen – stolz über Erfolge und tröstend bei Enttäuschungen. Denn das Schönste am letzten Schultag sind nicht die Noten, sondern die Ferien. Sie erinnern daran: Das Leben ist größer als jedes Zeugnis.