Oberwössen – Es sind fast apokalyptische Bilder in dieser lauen Nacht. Wenn man am Kirchturm von Oberwössen vorbeiblickt, geht hoch oben am Gipfel der Felswand über dem Ort ein ganzer Baum rot lodernd in Flammen auf. Eine rot-grün blinkende Überwachungsdrohne der Feuerwehr fliegt am vollen Mond vorbei zum Feuer. Zwei, später drei hell fackelnde Brandherde sind zu sehen, fast direkt an der Absturzkante der Hochwand in knapp 1.000 Meter Seehöhe. Verständlich, dass viele der Menschen in den Häusern der im Ort unterhalb am nächsten liegenden Straße am Daxerbachl nicht schlafen können. Zumal hier deutlich der Brandgeruch von dem am Mittwochabend (29. Juli) ausgebrochenen Waldbrand zu riechen ist.
Paar erlebt „gefährlichste
Situation“ in 35 Jahren
Ein älteres Paar läuft deshalb unruhig auf der nahen Hauptstraße umher und blickt immer wieder besorgt hoch zum Feuer. Seit 35 Jahren wohnen sie in einem der Häuser unterhalb der Flammen, aber so etwas haben sie hier noch nie erlebt. „Wir hatten schon mal Hochwasser hier, aber das ist mit Sicherheit bisher die gefährlichste Situation“, sagt der Mann, der seinen Namen nicht in den Medien lesen will. Seine Frau berichtet, dass ihr Sohn beim Waldbrand am Saurüsselkopf bei Ruhpolding selbst als Feuerwehrmann im Einsatz war.
Der Unterschied zu dem fatalen Brand und dem jüngsten Moorbrand in den Damberger Filzen bei Übersee: Diesmal könnten wirklich Häuser und Menschen in Gefahr geraten, wenn brennendes Material oder Glutnester von der Hochwand herunter ins Tal stürzen. Deshalb wurde kurz nach der ersten Alarmierung um 18 Uhr am Mittwochabend (29. Juli) sofort Großalarm bei den Feuerwehren aus dem Umland ausgelöst.
Kurze Zeit später waren schon 15 Feuerwehren vor Ort – neben den örtlichen Brandexperten auch Floriansjünger von Bad Reichenhall im Berchtesgadener Land bis zu Prien im Landkreis Rosenheim.
Über 200 Einsatzkräfte, die auch von der Bergwacht, dem Roten Kreuz, den Staatsforsten, der Polizei und dem örtlichen Bauhof kommen, haben den Kampf gegen die Flammen aufgenommen. Der in der Nacht zum Donnerstag (30. Juli) aber erst mal ruhen muss. „Viel zu gefährlich“ sei es für die Einsatzkräfte in dem steilen Gelände zwischen Hochwand und Lackenbergwand in der Dunkelheit. Nach ersten Schätzungen sollen dort zwischen 700 und 1.000 Quadratmeter brennen, und dagegen kann man in der Nacht auch nichts tun. Auch die drei Edelweiß-Hubschrauber der bayerischen Bereitschaftspolizei, die am Abend bei ersten Löschangriffen halfen, bleiben ab etwa 21.30 Uhr am Boden. Beim ersten Tageslicht sollen sie wieder fliegen, bis dahin wird auch die Wassertransportkette hoch zum Berg für die Brandbekämpfung am Boden stehen. Priorität hat in dieser ersten Brandnacht nur eins: der Schutz der Häuser und Menschen in Oberwössen.
„Das ist die Hauptaufgabe für die Nacht. Wir haben eine sogenannte Riegelstellung aufgebaut“, verrät Stefan Lohwieser, Pressesprecher beim Kreisfeuerwehrverband Traunstein, dem OVB. Was der Feuerwehr-Riegel genau bedeutet, wird an den Häusern im Ort, die am nächsten unterhalb der Brandherde an der Hochwand liegen, deutlich. Am Fuße der Felswand befindet sich ein kleines Waldstück, dann folgt in Richtung der Gebäude ein kleines Bächlein (Alpschlechtgraben) und schließlich eine vielleicht 20 bis 30 Meter breite Wiese. Diese ist in der Nacht hell erleuchtet und große Wassersprenger befeuchten permanent das Grün.
So soll verhindert werden, dass brennendes Material die Vegetation in Brand setzt und sich das Feuer zu den Häusern frisst. „Außerdem haben wir zwei Löschfahrzeuge dort direkt vor Ort auch über die Nacht ständig in Bereitschaft“, sagt Lohwieser.
Die Gefahr wird als so beherrschbar eingeschätzt, dass die Menschen in den am nächsten liegenden Häusern nicht evakuiert wurden. Die Aufregung im oberen Achental ist trotzdem spürbar – auch weil eine Vielzahl von Einsatzfahrzeugen in Sichtweite des Brandes in Oberwössen Position bezogen hat.
„Die Alarmierungs-Mitteilung ,Waldbrand‘ hat uns sehr betroffen gemacht. Die Situation wird laufend überwacht, die eingerichtete Einsatzzentrale ist auch über Nacht durchgehend besetzt. Wir danken allen Einsatzkräften vor Ort“, sagt Unterwössens Bürgermeister Johannes Weber (CSU) – Oberwössen ist ein Ortsteil von Unterwössen – zu unserer Zeitung. Der Ortschef ist direkt vom Schulfest der Grund- und Mittelschule herübergeeilt. Sein Geschäftsleiter Thomas Müllinger – gleichzeitig neuer Bürgermeister von Schleching – hat noch die Sportklamotten vom Joggen an. Sie stimmen sich mit den Feuerwehr-Spitzen im Alten Schulhaus von Oberwössen ab, wo schon die Vorbereitungen für den Aufbau eines Katastrophenschutz-Stabs laufen. Er könnte ab Donnerstag den Einsatz der vielen Blaulichtkräfte vor Ort koordinieren. Alle äußern in der Nacht aber die Hoffnung, dass der hell lodernde Brand doch nicht so schlimm wird, wie er aus dem Ort im Dunkeln ausschaut.
Gaffer stören
die Helfer
„Im Idealfall ist das Feuer nach einem Tag wieder aus“, sagt Lohwieser. Wegen des erhöhten Aufkommens an Einsatzkräften sollten Bürger die Region Oberwössen am Donnerstag möglichst weiträumig umfahren. Auch Gaffer stören die Brandbekämpfung und bringen sich selbst in Gefahr: Am Mittwochabend hielten einige teilweise mitten auf der Achental-Hauptstraße an, um Handy-Fotos vom weithin sichtbaren Feuer zu machen.
Es ist der dritte Großbrand im Landkreis binnen kurzer Zeit – nach dem Bergwaldbrand am Saurüsselkopf bei Ruhpolding und dem Moorbrand in Übersee. Aus dem Saurüsselkopf hätten die Kräfte gelernt, heißt es vor Ort. Tempo und große Wassermengen entscheiden. Zur Brandursache gibt es noch nichts. Die Kriminalpolizei ermittelt; Polizeidirektor Gerrit Gottwald, Leiter der Polizeiinspektion Traunstein und deren Einsatzleiter vor Ort, verweist auf laufende Ermittlungen.