Verzweifelter Kampf gegen das Stau-Chaos

von Redaktion

Wegen einer Baustelle auf der A8 ist es am Mittwoch, 29. Juli, zu massiven Staus gekommen. Zahlreiche Autofahrer wichen auf Schleichwege aus und legten die Orte rund um Frasdorf lahm. Eine Bürgerinitiative griff nun zu einer ungewöhnlichen Aktion, um den Verkehr auf der Autobahn zu halten.

Frasdorf – „Einfach weiterfahren. Auf geht’s!“ Es ist Mittwochabend (29. Juli). Maximilian Keil von der Bürgerinitiative „Staufreies Dorf“ ist gerade von der Arbeit gekommen. Doch seinen Feierabend kann er vergessen. Auf den Frasdorfer Hauptstraßen geht nichts mehr. Die Blechlawine verstopft schon den ganzen Tag den Ort. Damit wenigstens in den Nebenstraßen noch ein normales Leben möglich ist, sorgt er nun dafür, dass die Durchfahrtsverbote im Ort eingehalten werden.

A8 ist auch ohne
Reisewelle überlastet

Die bayerische Sommerreisewelle hat noch nicht einmal begonnen – da ist die A8 schon überlastet. Östlich von Frasdorf wird der Verkehr an der Baustelle der Seehauser Autobahnbrücke für zwei Tage auf eine Fahrspur verengt.

Ab Felden rollt er Richtung München nur noch im Schritttempo. Google Maps schickt die Autofahrer deshalb spätestens ab Bernau über die Landstraße. Sie verstopfen Umrathshausen und fahren in Frasdorf wieder auf die A8 auf.

In der Gegenrichtung ist es noch schlimmer. Hier empfiehlt das Navi, schon in Rohrdorf abzufahren, um den Stau zu umgehen. Wer trotzdem weiterfährt, steht ab der Rastanlage Samerberg komplett. Nächste Abfahrt: Achenmühle.

Abfahrtsverbote gelten nur von Freitag bis Sonntag oder am Feiertag. Achenmühle ist der erste Ort, der darunter leidet. „Es nervt“, sagt eine Mutter aus Osterkam, die gerade ihr Kind abholt. Das Haus für Kinder „Zwergerlmühle“ liegt direkt an der Hauptstraße, mitten im Stau. „Man steht ewig und wird nicht auf die Straße gelassen.“

Ausweichverkehr kommt
aus drei Richtungen

Auch mit den Kindern im Ort spazieren zu gehen, sei gefährlich. „Die Verkehrssituation ist schwierig. In Achenmühle gibt es keine Ampel, keine Zebrastreifen oder Querungshilfen“, berichtet eine Erzieherin. Man spüre, dass die Autofahrer genervt seien. Jeder wolle weiter. Keiner halte sich an die Geschwindigkeit. Keiner nehme Rücksicht. Für die Familien sei das ein Riesenproblem. „Die Eltern stehen in langen Staus, schaffen es nicht, ihre Kinder pünktlich abzuholen und kommen mit schlechtem Gewissen hier an. Es ist furchtbar“, erzählt die Erzieherin.

Da die Situation vor allem für Kinder, Fußgänger und Radfahrer bedrohlich ist, hat der Elternbeirat des Kindergartens eine Bürgerinitiative gegründet. Ziel ist es, mit Gemeinde, Landratsamt und Polizei Lösungen für mehr Verkehrssicherheit in Achenmühle zu finden.

Kurz nach Achenmühle kommt der Verkehr völlig zum Erliegen. Der Rückstau aus Frasdorf reicht bis nach Thal. Noch zwei Kilometer bis zum Ortseingang. 30 Minuten vergehen. Manche halten das nicht aus, ignorieren die Durchfahrtsschilder nach Wakerting, Ruckerting oder Pfannstiel und versuchen ihr Glück auf Schleichwegen. Google Maps weist ihnen den Weg.

„Unsere Gemeindestraßen für den Durchfahrtsverkehr zu sperren, ist die einzige Chance, die wir haben“, sagt Bürgermeister Daniel Mair. Dadurch sollen zumindest die Siedlungen freigehalten werden, auch wenn sich einige Autofahrer nicht daran halten. Die Bürgerinitiative kann die Sperrungen erst nach der Arbeit kontrollieren.

Am Mittwoch (29. Juli) ist auch Maximilian Keil wieder unterwegs. „Es ist die absolute Vollkatastrophe“, sagt er. Er beobachtet einen Autofahrer, der eine Sperre wegräumen will, um einen Schleichweg zu nutzen. Keil hält ihn auf. Er ist zwar bei der Frasdorfer Feuerwehr und als First Responder im Einsatz, eine Legitimation zur Verkehrsregulierung hat er trotzdem nicht. „Die brauche ich auch nicht“, sagt er. „Ich bin Frasdorfer Bürger und greife ein, wenn jemand rechtswidrig Straßensperren wegräumt und durchfahren will.“ Kurz nach dem Ortseingang Frasdorf wird der Stau noch zäher. Aus dem Westen kommt der Ausweichverkehr von der A8 bei Achenmühle. Aus dem Süden strömen über die Westerndorfer Straße die Ausweichler der A93 ein, die über den Samerberg abgekürzt haben.

Aus dem Norden kommen die Fahrzeuge aus Söllhuben über Kreuzstraße und Simsseestraße hinzu. „Und alle müssen über unsere Hauptstraße und durch den Flaschenhals an der Kirche“, beschreibt Bürgermeister Daniel Mair. „Es ist ein Irrsinn.“

Die Autofahrer folgen den Routenempfehlungen der Online-Navigationsportale. Da sei man machtlos, sagt der Bürgermeister. Doch die Bürgerinitiative „Staufreies Dorf“ lässt sich nicht entmutigen. Sie trickst die Navigations-KI aus, damit die Fahrer auf der Autobahn bleiben und die Orte entlastet werden. „Innerorts darf man am Straßenrand parken“, erklärt Maximilian Keil. Also stellen Mitglieder der BI ihre Autos an der Hauptstraße in Achenmühle ab. „Damit verlangsamen wir den Verkehr künstlich. In der Folge wird es in den nachfolgenden Ortschaften ruhiger.“

Die Wirkung der Aktion verfolgt er live auf Google Maps. Gegen 18.30 Uhr reicht der Rückstau aus Achenmühle schon bis zur Autobahnanschlussstelle. „Jetzt meldet das Navi, dass die Ausweichroute überlastet ist, also bleiben die Leute auf der Autobahn“, erklärt Keil. In Frasdorf wird es ruhiger. Google Maps wechselt von Rot auf Grün. „Wenigstens mal für eine Stunde Frieden zu haben, ist eine Erleichterung.“

Dass von der spontanen Aktion auch Pendler aus Achenmühle und Frasdorf betroffen sein könnten, ist der BI klar. „Aber wir wollen nachweisen, dass bei Stau eine mobile Ampelregelung vor Achenmühle beide Orte entlasten könnte“, erklärt Keil. „Es muss endlich etwas passieren.“

Auch Rettungswege
sind verstopft

Die Frasdorfer BI vernetzt sich mit Bürgern aus Achenmühle. „Wir wollen auch mit den Betroffenen in Pang und mit dem Rosenheimer Bürgermeister Kontakt aufnehmen“, sagt Frasdorfs Bürgermeister Daniel Mair. Es ärgert ihn, dass viele schimpfen, aber nur die Frasdorfer aktiv werden. „Es ist wichtig, dass wir uns zusammentun.“

Gegen 20 Uhr hat sich der Stau in Achenmühle aufgelöst. Die Aktion der Bürgerinitiative ist beendet, die Ausweichroute im Navi wieder grün. „Dafür ist Frasdorf wieder dicht und alle Rettungswege blockiert“, sagt Maximilian Keil. Der Verkehr staut sich bis nach Daxa. Ein Rettungswagen muss vorbei. Nur ein Autofahrer denkt an die Rettungsgasse und fährt rechts ran. „Würde der Gegenverkehr nicht auf den Grünstreifen ausweichen, hätte der Rettungswagen keine Chance“, beschreibt Keil die Situation.

Bürgermeister Daniel Mair beobachtet die Situation in Frasdorf mit großer Sorge. Das Leben im Dorf leidet unter Dauerstaus und mangelnder Verkehrssicherheit. Bei vielen Einheimischen liegen die Nerven blank. „Sogar Einwohner mit Münchner Firmenwagen werden schon angepöbelt“, erzählt er.

„Wir brauchen
jetzt eine Lösung“

Erst am 20. Juli war Mair mit Vertretern der Bürgerinitiative im Landratsamt, da nur die Politik eine Lösung schaffen kann. „Der Polizei fehlt das Personal, also muss die gesetzliche Grundlage dafür geschaffen werden, dass Dienstleister die Abfahrtsverbote kontrollieren können“, fordert Mair. „Zudem müssen tägliche Abfahrtsverbote eingeführt werden.“

Landrat Otto Lederer habe sich schon im März ans Ministerium gewandt und noch immer keine Antwort, berichtet Mair. „Wir brauchen jetzt eine Lösung, denn wir haben jetzt die Staus. Wir haben jetzt die Katastrophe“, sagt Maximilian Keil und kündigt weitere Aktionen der Bürgerinitiative an.

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