Zwei helfende Hände in schweren Zeiten

von Redaktion

Dorfhelferin Resi Perl hilft Familien, wenn Krankheit oder Schicksalsschläge den Alltag aus der Bahn werfen. Ein Besuch bei einer Familie im Landkreis Rosenheim zeigt, warum ihre Arbeit weit mehr ist als eine reine Haushaltshilfe.

Rosenheim – Die Frühstücksteller stehen noch auf dem Esstisch. Zwei klein geschnittene Stücke seines Honigbrots hat der jüngste Sohn liegen lassen. Resi Perl räumt das Geschirr in die Spülmaschine. Dann setzt sie sich kurz an den Esstisch. Gemeinsam mit der Mutter bespricht sie den Vormittag: Was ansteht. Was gemacht werden soll. Denn seit März unterstützt die Dorfhelferin aus Prien eine Familie im Landkreis Rosenheim.

Die junge Mutter, die anonym bleiben möchte, erhielt im vergangenen Dezember die Diagnose Brustkrebs. Inzwischen hat sie die Chemotherapie hinter sich. Vor Kurzem wurde sie operiert. Kann daher ihren rechten Arm noch nicht weiter als etwa 90 Grad anheben. Bald beginnt die Bestrahlung. Vieles, was früher selbstverständlich war, ist momentan nicht möglich. Während dieser Zeit übernimmt die 44-jährige Dorfhelferin dort, wo Krankheit den Alltag ausbremst.

Hilfe auf dem Hof,
im Stall oder Haushalt

Jeden Vormittag ist Resi Perl von 8 bis 12 Uhr bei der Familie. An diesem Tag bezieht sie die Betten im Schlaf- und in den Kinderzimmern neu. Später bereitet sie Kartoffelgratin für das Mittagessen zu. „Es sind so viele Kleinigkeiten, bei denen die Resi hilft“, sagt die junge Mutter. „Ich kann einfach nicht so, wie ich mag.“

Auf die Unterstützung aufmerksam geworden ist sie durch eine Freundin. „Ich dachte zuerst, das wäre viel zu viel“, gibt die Frau zu. „Ich nehme ungern Hilfe an.“ Doch irgendwann sei klar gewesen, dass die Familie Unterstützung brauche. Zwar helfen auch ihre Eltern und die Schwiegereltern mit, ihr Mann fährt sie zu den vielen Arzt- und Klinikterminen und kümmert sich um die beiden kleinen Söhne. Trotzdem bleiben im Alltag unzählige Aufgaben liegen.

Für Resi Perl ist genau das ihr Beruf. „Es ist ein Manko, dass viele denken, wir sind nur für die Landwirtschaft da“, sagt sie. Tatsächlich springen Dorfhelferinnen überall dort ein, wo Familien ihren Alltag vorübergehend nicht mehr alleine bewältigen können – etwa nach Krankheiten, Unfällen oder Todesfällen. Was erledigt werden soll, wird immer gemeinsam besprochen.

„Wir machen das,
was den Leuten hilft“

Tatsächlich kommen Dorfhelferinnen vor allem bei schweren Erkrankungen wie etwa Krebs oder psychischen Erkrankungen zum Einsatz, erklärt Maria Buchholz, Personalreferentin der Katholischen Dorfhelferinnen und Betriebshelfer in Bayern (KDHB). „Eine Geburt ist immer der freudigste Grund“, sagt sie. Oft gehe es aber um Familien, die plötzlich aus dem Alltag gerissen werden. Ist eine Operation geplant, könne Unterstützung schon im Vorfeld beantragt werden. Bei Unfällen oder akuten Erkrankungen müsse dagegen alles ganz schnell gehen. „Wenn Kinder und Tiere da sind, muss es ruckzuck gehen.“

Dass dabei weit mehr als Putzen und Kochen gefragt ist, erlebt Perl beinahe täglich. Gestern hat sie mit der Mutter Blumen im Garten umgetopft, heute wird das Essen vorbereitet. Dazwischen entstehen Gespräche über die Behandlung, Sorgen und Ängste werden geteilt. Aber genauso sprechen sie über ganz Alltägliches. In den kommenden Wochen wollen die Frauen einen Sauerteig ansetzen. „Es tut gut, auch mal über etwas anderes zu reden“, erzählt die erkrankte Mutter.

Auch ist die Nähe zueinander etwas Besonderes. „Es ist schon eine intensive Zusammenarbeit“, sagt sie. Schließlich kommt mit Resi Perl zunächst eine fremde Person ins Haus. Macht die Wäsche. Putzt das Bad. Bekommt tiefe Einblicke in das Familienleben. Verurteilen würde sie die Familien aber nicht: „Wenn’s mords ein Saustall ist, mei, dann ist es so“, sagt sie und zuckt mit den Schultern.

In den letzten zwei Jahrzehnten als Dorfhelferin hat Perl viel gesehen. Eigentlich wollte sie einmal Erzieherin werden. Während eines Praktikums begleitete sie eine Dorfhelferin – und war sofort begeistert. Nach einer Ausbildung in der ländlichen Hauswirtschaft folgten Stationen auf landwirtschaftlichen Betrieben, Praktika im Krankenhaus, Kindergarten, einer Behinderteneinrichtung und bei einer Hebamme. Mit 22 Jahren schloss Perl ihre Ausbildung zur Dorfhelferin ab.

Während der zweijährigen Dorfhelferinnen-Fachschule stehen neben der Hauswirtschaft unter anderem Familienpädagogik, Psychologie, Soziologie sowie die Betreuung von Kindern, Kranken, älteren Menschen und Menschen mit Behinderung auf dem Plan. Flexibilität, Verantwortungsbewusstsein und Einfühlungsvermögen sind für den Beruf entscheidend, sagt Maria Buchholz von der KDHB.

Zwischen Hauswirtschaft
und Menschlichkeit

Bis heute schätzt Resi Perl vor allem die Vielseitigkeit ihres Berufs. „Du weißt nie, was dich erwartet. Aber das ist das Schöne.“ Mal arbeitet sie auf einem Bauernhof im Stall, mal in einer jungen Familie, mal hilft sie älteren Menschen. „Man sieht so viel und lernt so viel“, sagt sie. Hier einen praktischen Kniff für die Hausarbeit. Dort ein neues Rezept.

Improvisieren gehört bei ihrer Arbeit fast immer dazu. „Es funktioniert nicht alles nach Schema F.“ Auch Kinder reagieren unterschiedlich. Manche schließen sie sofort ins Herz, andere brauchen Zeit. „Mein großer Vorteil ist, dass ich nur in deren System reinkomme. Die Kinder haben die Sicherheit, daheim zu sein.“ Immer wieder entstehen dabei Momente, über die sie noch lange schmunzeln müsse. „Manche Kinder haben Sprüche drauf, das kann man sich nicht vorstellen.“

Doch die schönen Begegnungen haben auch eine andere Seite. Viele Familien erlebt sie in Ausnahmesituationen. „Jeder geht anders mit Krankheit oder Tod um. Manche reden gar nicht darüber, andere sehr viel“, berichtet sie. „Das muss man auf sich zukommen lassen.“ Gleichzeitig musste sie lernen, die Schicksale nicht mit nach Hause zu nehmen. „Sonst arbeitest du dich auf.“

Junge Dorfhelferinnen
gesucht

Damit Dorfhelferinnen mit belastenden Einsätzen nicht alleine bleiben, gibt es regelmäßige Einsatzbegleitungen und bei Bedarf auch Einzel-Supervisionen. „Man muss lernen, sich ein Stück weit abzugrenzen“, sagt Buchholz. Das braucht Erfahrung – gerade dann, wenn Familien schwere Schicksalsschläge erleben. Deshalb hält sie Einfühlungsvermögen für die wichtigste Eigenschaft in ihrem Beruf. Aber auch das Zuhören und selbstständiges Arbeiten seien wichtig. „Man muss die Arbeit auch sehen“, sagt sie aus Erfahrung.

Für die junge Mutter ist klar, dass Resi Perl der Familie in den vergangenen Monaten viel Arbeit abgenommen hat. Während sie sich auf ihre Genesung konzentrieren kann, läuft der Alltag mit den beiden kleinen Kindern weiter. Und genau darum geht es für Resi Perl. Da zu sein, wenn Familien es alleine gerade nicht schaffen.

Menschen wie Resi Perl werden dringend gesucht. „Nachwuchs brauchen wir immer“, sagt Maria Buchholz. Zwar schließen in diesem und im kommenden Jahr jeweils zwölf Frauen ihre Ausbildung ab. Der Bedarf sei aber groß. Denn Familien, die plötzlich Hilfe brauchen, gebe es jeden Tag.

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