Oberaudorf – Waldschwimmbad Niederndorf, Außentemperatur 24 Grad, Wassertemperatur 26,2 Grad. Anfang August, Ferien. Gleich wird sich das Schwimmbad füllen, mit Familien, Kindern, Teenagern, Sonnenanbetern und Schwimmern, die auf die vier Bahnen im 25-Meter-Becken warten. Es wird voll werden mit einer Mischung aus Spaßbadern, Schwimmern und Kindern mit Schwimmflügeln oder anderen bunten Schwimmhilfen aus Plastik. Da kommt das Wasser in Bewegung – nicht gut für das Bahnenschwimmen.
Ein festes Ritual
im Wasser
Susanne Pawlik aus Oberaudorf ist eine der ersten Besucherinnen, wenn das Schwimmbad morgens öffnet. Sie kommt ausschließlich zum Schwimmen. 25 Meter, 40 Bahnen, genau einen Kilometer wird sie schwimmen. Die 55-jährige Marketing-Managerin schwimmt, seit sie Ende 20 ist. Es ist ein festes Ritual in ihrem Leben. Immer in Schwimmbahnen, selten im See, das mag sie weniger gern. „Ich schwimme nicht gern im freien Wasser. Wenn überhaupt, nur mit dem Kopf über dem Wasser. Wie die netten ‚Treibgutladys‘ im Freibad“, schreibt sie in ihrem Buch „Weiterschwimmen“, das kürzlich erschienen ist.
Nun steht sie in ihrem weiß-blau gestreiften Bikini am Schwimmbeckenrand, drückt die Schwimmbrille fest. „Ich werde den ganzen Tag noch Froschaugenabdrücke haben“, sagt sie, steckt Silikon-Stöpsel in die Ohren und wird gleich eintauchen. Sie hat das Kraulen für sich entdeckt, das man lernen und trainieren muss wie jede andere Sportart. Sie streicht mit den Fingern über die Wasseroberfläche, bevor sie in das in der Sonne glitzernde Wasser gleitet. „Schwimmen steht für mich für Achtsamkeit, die Gedanken fließen durch einen hindurch, was man tut, soll man ganz machen, das ist gar nicht so einfach. Beim Schwimmen muss man“, sagt Susanne Pawlik. Es hat fast etwas Mathematisches: die 40 Bahnen, die 15 Atemzüge pro Bahn beim Brustschwimmen – genau eine halbe Stunde wird sie für diese 1.000 Meter brauchen.
Zum Schluss hängt sie sich an die Einstiegsbügel am Beckenrand, klettert aus dem Becken, geht duschen und anschließend in ihr Büro, wo sie als Storytellerin Marketing für Unternehmen macht. „Ich habe immer gerne geschrieben, und so habe ich nach dem Tod meiner Tochter Schreib-Workshops besucht. Es ist ein Handwerk, das man lernen muss.“
Am Anfang waren es Gedankenschnipsel, aus denen irgendwann die Geschichte von Bea, Paul, Anton und Karla geworden ist – erfundene Namen, um die Familie und ihre Identität zu schützen und um mehr Freiheit beim Erzählen zu haben. Susanne Pawlik schaut immer noch ein wenig ungläubig auf das gebundene Buch, das nun vor ihr liegt, fast neun Jahre nach dem Tod ihrer Tochter, die einen Tag vor ihrem siebten Geburtstag an Krebs gestorben ist. „Meine größte Angst war immer, dass Anton oder Karla ertrinken könnten. Mit Krebs habe ich nicht gerechnet.“ Sie erzählt ihre eigene Geschichte, aber gleichzeitig die einer erfundenen Familie, denn auch Erinnerungen seien Fiktion, sagt sie. „Unter Wasser verschwimmt ohnehin alles, auch die Erinnerung.“
Ein Buch gegen
das Vergessen
Sie beschreibt, wie die Krankheit ihrer Tochter in die Familie eingedrungen ist. Wie aus Krankenhauszimmern Wohnzimmer werden, mit Plüschtieren und Luftballons. Wie eine Tanzgruppe zur Sondervorführung in die Klinik kommt und wie das eigene Wohnzimmer zum Krankenzimmer wird – mit Infusionsständer und einer bunten Box mit Versorgungsmaterial. „Plötzlich war sie da. Die Beule an Karlas Bauch. Beim Eincremen. Links, direkt bei der Niere.“
40 Auflistungen kurzer Gedankenschnipsel, fast wie Tabellen, jeder einzelne eindringlich wie ein Hammerschlag, stellvertretend für die 40 Bahnen, die Susanne Pawlik am Morgen schwimmt, keine mehr, keine weniger. „So viel Glück. Ferienhaus und Pool, sonnenlichte Tage.“ Während der Krankheit und den Therapien sei sie nicht geschwommen, die Gefahr der Einschleppung von Keimen sei zu groß gewesen und es habe ihr auch die Kraft gefehlt.
Der Weg
zurück ins Leben
„Ihre letzte Nacht. Paul und ich in Karlas Bett. Karla hört auf zu atmen. Meine Tochter stirbt. Als ich mir einen Kaffee koche.“ Und da weiß man schon nicht mehr, ob sie diese Bea wirklich ist, die Mutter von Karla, oder ob alles nur erfunden ist – ein Roman eben, eine Geschichte über jemand anderen. Wie man so ein Ereignis akzeptieren könne? „Ich weiß es nicht, aber ich kann es irgendwie und bin dafür sehr dankbar“, antwortet Susanne Pawlik.
Zuerst einmal weitermachen, jeden Morgen aufstehen, sich etwas anziehen. Es gab auch Zeiten, in denen Bea – oder vielleicht doch die Autorin – einfach im Bett liegen geblieben ist. Wieder schwimmen gehen, weiterschwimmen. Und offen sein für das, was das Leben noch zu bieten hat. „Dieses Buch ist nicht explizit für trauernde Eltern geschrieben, es ist kein Ratgeber, es ist ein Strauß von Trauererlebnissen, aus dem man sich eine Blume herausziehen und mit der man sich vielleicht identifizieren kann.“
„Weitermachen“, so lautet auch die Botschaft an die Trauergruppen von Eltern, die ihr Kind verloren haben. Als verwaiste Mutter würde sie sich nicht bezeichnen. Denn man bleibe ja Mutter und sie habe ja auch noch ihren Sohn. „Und ich habe mit meinem Mann einen Menschen an der Seite, der zwar nicht mit mir schwimmt, aber den Weg mit mir geht.“ Vielleicht wie die fiktive Freundin Marlis, eine lebenslustige Frau, die es direkt anspricht: „Aber es reicht nicht, zu merken, dass man etwas verändern muss. Mach was. Und beweine dich nicht allzu sehr.“
Neue Wege
durch die Trauer
Trauer sei eine besondere Form von Liebe, sagt Susanne Pawlik in ihren Workshops, die sie in Oberaudorf und Rosenheim für trauernde Eltern ehrenamtlich gibt. Die Auseinandersetzung mit dem Tod und der Trauer, das Schreiben des Romans habe sie auch auf ganz neue Wege gebracht. „Weil es wie in einem Roman gut ist, wenn sich eine Lebensgeschichte nach vorne orientiert, nicht nur nach hinten.“ Mittlerweile hat sie eine Ausbildung als Trauerrednerin absolviert und spricht vor allem auf Beerdigungen von Kindern und Jugendlichen. „So ein Auftrag ist auch immer eine Trauerbegleitung, man trifft sich mit den Eltern, hört sich ihre Geschichte an, versucht, für die Familie da zu sein.“ Vom Loslassen ist in einem solchen Zusammenhang oft die Rede. Pawlik interpretiert es um in „jemand sein Los lassen“.
Mit „Weiterschwimmen“ und ihrer Protagonistin Bea zeichnet Susanne Pawlik eine solche Geschichte. Strahlend steigt sie aus dem Becken, in dem nun immer noch die Morgenschwimmer, „Treibgutladys“, wie sie die Autorin liebevoll und augenzwinkernd nennt, und ein Schwimmer ihre Bahnen ziehen, zwischendurch für ein Pläuschchen am Beckenrand eine Pause machen und dann wie Bea oder Susanne Pawlik weiterschwimmen. Auf der Wiese stehen erste bunte Sonnenschirme, das Bad füllt sich. Ein Schwimmbad ist auch immer ein fröhlicher Ort, mit Wasserfontänen und -spielen, Sprudelbecken und Rutschbahn. Ein guter Ort, um in den Tag zu starten.
„Musst trotzdem nicht immer stark sein. Superwoman. Das kann kein Mensch“, sagt ihr Marlis, die erfundene Freundin, vielleicht sagt sie es auch zu sich selbst. Manchmal muss man das Buch weglegen: „Geschlossener Deckel. Sie hat im Dunkeln doch Angst.“ Doch auch weiterlesen: „Fang einfach o. Oa Bahn nach der anderen. Immer weniger anhoitn. Z’erscht oane, dann zwoa, dann fünf, dann zehn. Imma weida“, sagt die Luise im Schwimmbad und zeigt ihr das Kraulen. „I hobs dann einfach ausprobiert, des Kraulen. Aussa aus der Komfortzone. Wie mei Mann gschdorm is vor zwoa Johr. Pack mas o.“ Und irgendwann 40. 40 Bahnen zum Weiterleben.
„Weiterschwimmen“ von Susanne Pawlik ist erschienen im Schillo-Verlag. Am Sonntag, 16. August, um 19 Uhr liest Susanne Pawlik im Niederndorfer Waldschwimmbad aus ihrem Buch. Der Eintritt ist frei.