Da sprühen die Funken: Ein Mitarbeiter arbeitet mit einem Winkelschleifer am Antriebssystem eines modernen Zugs. Foto Wendelsteinbahn
Brannenburg – Gebaut wurde die Wendelsteinbahn 1912. Gesichert war ihr Fortbestand damit noch lange nicht. Der zweite Teil unserer OVB-Serie erzählt von Krisen, Konkurrenz und technischem Wandel – und davon, warum aus einer Pionierleistung kein Museumsstück, sondern ein überlebensfähiges System wurde.
Hinter der historischen Anmutung der Wendelsteinbahn beginnt ein Alltag, den die meisten Fahrgäste nie zu sehen bekommen. In Wagenhalle und Werkstatt, an Bremsen, Fahrwerken und Stromanlagen entscheidet sich Tag für Tag, ob diese Bahn auch morgen noch so selbstverständlich den Berg hinaufkommt wie gestern.
Verschleiß, Wetter
und technische Grenzen
Dass die Wendelsteinbahn bis heute fährt, verdankt sich nicht allein ihrer Geschichte, sondern einer dauernden Anstrengung gegen Verschleiß, Wetter und technische Grenzen.
Nach ihrer Eröffnung war die Bahn zunächst genau das, was ihr Erbauer beabsichtigt hatte: ein sichtbares Zeichen der Moderne und ein neues Tor zum Berg. Schon im ersten Betriebsjahr nutzten Zehntausende die neue Möglichkeit des Aufstiegs. Am Berg entstanden Hotel, Wendelsteinhaus und weitere Infrastruktur. Der Wendelstein wurde nicht bloß erschlossen, sondern neu in Szene gesetzt.
Doch aus dem Pionierprojekt wurde keine geradlinige Erfolgsgeschichte. Der Tourismus veränderte sich, der Individualverkehr nahm zu, und der ursprüngliche untere Streckenabschnitt durch Brannenburg wurde mit der Zeit zum Problem.
1961 wurde der Talbahnhof deshalb nach Waching verlegt; die Strecke verkürzte sich dadurch von 9,95 Kilometern auf 7,66 Kilometer, die Fahrzeit sank von 75 auf 55 Minuten. Die Bahn überlebte nicht durch Unveränderlichkeit, sondern durch Anpassung.
Wirklich prekär wurde die Lage, als die historischen Garnituren selbst zum Problem wurden. Was Besucher bewunderten, war im Betrieb teuer und aufwendig zu unterhalten.
In den 1970er-Jahren kam es zudem zu einer Lawinenkatastrophe, die die Verwundbarkeit des Bahnbetriebs drastisch vor Augen führte. Die Geschichte der Bahn ist deshalb nie nur eine von Technikbegeisterung gewesen, sondern auch eine von Risiko und Beharrungskraft.
Modernisierung
sichert die Geschichte
Dass die Wendelsteinbahn dennoch nicht verschwand, lag an einer Entscheidung, die fast so folgenreich war wie einst ihr Bau: der Modernisierung. Mit Unterstützung öffentlicher Stellen und der Eigentümerseite wurde die Anlage ab den späten 1980er-Jahren grundlegend erneuert.
1991 gingen zwei moderne Doppeltriebwagen in Betrieb. Sie verkürzten die Bergfahrt auf rund 25 Minuten und die Talfahrt auf rund 30 Minuten. Zugleich blieben die historischen Züge erhalten und werden bis heute zu besonderen Anlässen eingesetzt.
Weder nur Museum
noch nur Verkehrsmittel
Genau darin liegt die eigentümliche Stärke der Bahn. Die neuen Fahrzeuge ersetzten das Alte nicht einfach, sondern schufen die Voraussetzung dafür, dass die historische Substanz weiter bestehen konnte.
Inzwischen verkörpert auch die neue Lok 5 genau dieses Prinzip. Sie ist modernste Technik – und ermöglicht zugleich, dass historische Wagen wieder regelmäßig verkehren können.
So ist die Wendelsteinbahn heute weder bloß Museum noch bloß Verkehrsmittel. Sie ist ein technisches Denkmal, das in Bewegung geblieben ist. Überlebt hat die Bahn den Wandel des Jahrhunderts. Bewähren muss sie sich nun in einer Gegenwart, die ihr auf andere Weise zusetzt.