Rosenheim – Die letzten Wochen einer Schwangerschaft können für viele Frauen sehr beschwerlich sein. Endet die Schwangerschaft aber zu früh, bricht für viele Familien der Ausnahmezustand aus. Denn vor der vollendeten 37.Schwangerschaftswoche – insgesamt dauert eine Schwangerschaft rund 40 Wochen – handelt es sich um eine Frühgeburt. Für viele Eltern bedeutet das frühe Glück aber auch große Verunsicherung.
Plötzlich ist alles anders
und die Risiken sind groß
Diese Erfahrung hat auch Marianne Köllmeier aus Bad Feilnbach bei der Geburt ihres ersten Sohnes gemacht. Vor drei Jahren kam sie in der 32. Schwangerschaftswoche mit einem vorzeitigen Blasensprung in die Klinik. Bis zu diesem Zeitpunkt sei die Schwangerschaft ohne Komplikationen verlaufen. „Die Ärzte haben versucht, die Geburt so lange wie möglich herauszuzögern“, erinnert sich die heute 32-Jährige. Je länger das Baby nach einem Blasensprung im Bauch der Mutter bleibt, umso mehr Zeit hat es für die Entwicklung. Allerdings steigt auch das Infektionsrisiko. Deswegen erblickte der kleine Vitus in der 34. Schwangerschaftswoche das Licht der Welt.
Vitus war gesund und musste weder beatmet noch auf die Intensivstation verlegt werden. Allerdings erhielt Vitus direkt nach der Geburt eine Magensonde. „Viele Frühgeborene benötigen anfangs Unterstützung“, erklärt Stephanie Feichtner. Sie ist Kinderkrankenschwester auf der Säuglingsüberwachungsstation im Rosenheimer Klinikum und arbeitet nebenberuflich bei Harl.e.kin. Die Nachsorge bietet ein Unterstützungsangebot für Eltern mit früh- oder risikogeborenen Kindern, um sich nach der Entlassung aus der Klinik zu Hause einzufinden.
Damit sich Eltern dieser Aufgabe nicht alleine stellen müssen, hat sich 1996 das Nachsorgeangebot an der Harlachinger Kinderklinik gegründet, erklärt Elke Gebauer, Koordinatorin der Harl.e.kin-Nachsorge Rosenheim. Seit 2006 gibt es das gemeinsame Angebot vom Romed-Klinikum Rosenheim, der Nachbarschaftshilfe Rosenheim sowie den interdisziplinären Frühförderstellen von Caritas und der Kinderarche Rosenheim. „Die Hausbesuche werden im Tandem von einer Kinderkrankenschwester und einer Nachsorgefachkraft der Frühförderstelle durchgeführt“, erläutert Gebauer.
Bereits auf Station habe Marianne Köllmeier Stephanie Feichtner kennengelernt. Als Vitus nach vier Wochen von der Station entlassen werden konnte, war das Tandem der Harl.e.kin-Nachsorge für ihn da – und für seine Eltern. Als der Säugling sich die Magensonde in der zweiten Nacht selbst gezogen hat, habe die Kinderkrankenschwester die Mutter beruhigt: „Wir haben es dann ohne probiert.“ Das Nachsorge-Tandem überwachte dabei die Gewichtszunahme engmaschig, allerdings zu Hause im gewohnten Umfeld.
„Sich als Familie finden“ –
Eltern im Fokus
Knapp ein halbes Jahr kam das Nachsorge-Tandem bei der Familie Köllmeier vorbei. Anfangs noch mehrmals wöchentlich, dann wurden die Abstände zwischen den Hausbesuchen größer. Bis sich alles so eingependelt hatte, dass die Familie allein zurechtkam. „Genau dieses Sich-als-Familie-Finden unterstützen wir“, sagt Feichtner im Gespräch mit dem OVB.
Ernährung sei immer ein großes Thema. Aber das Nachsorgeteam stehe für alle Fragen, Sorgen und Nöte zur Verfügung. „Ein kurzes Telefonat oder eine schnelle Textnachricht, manchmal auch mit Foto, verschaffen den Eltern dann oft Entspannung.“
Als Pflegekraft auf der Säuglingsstation kennt sie den Klinikalltag. Mehrmals tägliches Wiegen und Kontrollieren der Zunahme, Nachfüttern mit der Flasche und das Wecken der Babys zum Trinken gehören zu den Abläufen. „Für die Routine in der Klinik hat das alles seine Berechtigung“, so Feichtner. Zu Hause dürften Eltern aber ihre eigene Routine entwickeln. Allerdings sei es direkt nach der Entlassung aus dem Krankenhaus nicht einfach, die Verunsicherung und Ängste abzulegen.
Unsicherheiten und Ängste sind aber nur ein Teil der Realität von Frühchen-Eltern: „Wir unterstützen die Eltern auch bei der Vermittlung an Fachstellen oder Ansprechpartner, wenn dies erforderlich ist“, sagt Martina Wolf, Nachsorgefachkraft der Frühförderstelle. Denn obwohl sich die meisten Kinder ganz normal entwickeln, gibt es bei einigen Früh- und Risikogeborenen Beeinträchtigungen, die weiterer Abklärung und Behandlung bedürfen. „Die Anbindung von Harl.e.kin an Frühförderstellen eröffnet den Zugang zum Netzwerk an Therapiemöglichkeiten“, so Wolf.
Frühchen-Mama Marianne Köllmeier hat den Schock der Frühgeburt und die Verunsicherung der ersten Zeit für sich aufgearbeitet. „Anfangs war es schon schwierig.“ Immer wieder habe sie sich gefragt: „Was habe ich falsch gemacht? Was hätte ich anders machen können?“ Inzwischen habe sie die Selbstzweifel abgelegt und alles verarbeitet. Nicht zuletzt, weil der kleine Vitus heute „kerngesund und topfit“ sei. Aber auch dank der Unterstützung durch die Harl.e.kin-Mitarbeiterinnen. „Ich kann das Angebot jedem empfehlen. Für uns war es die beste Entscheidung, dieses in Anspruch zu nehmen“, sagt sie.