Rosenheim/Feldkirchen-Westerham – Was auch immer im Januar 2027 bei der Wahl zum höchsten Amt der Bundesrepublik passiert: Ilse Aigner wird nicht in Schloss Bellevue einziehen. Jedenfalls nicht auf absehbare Zeit: Der traditionelle Amtssitz des Bundespräsidenten wird seit Juli 2026 renoviert, mindestens acht Jahre sollen die Arbeiten dauern. Aigner könnte also erst während einer zweiten Amtszeit in das repräsentative Gebäude einziehen.
Integrative Kraft
und verbindende Art
Was das Amt an sich betrifft, scheint Aigner gute Karten zu haben. Zumindest was große Teile der Berliner Koalition betrifft. Parteifreunde rollen ihr den „Roten Teppich“ zur Nachfolge von Frank-Walter Steinmeier aus. Beispielsweise Daniela Ludwig aus Rosenheim. „Ich schätze sie persönlich sehr und halte ihre verbindende und integrative Art für eine große Stärke“, sagt die Parlamentarische Staatssekretärin im Innenministerium. Aigner sei eine „sehr gute Wahl“, freuen würde sich die Rosenheimerin natürlich auch darüber, dass da eine Bayerin gewählt werden würde.
Auch Klaus Stöttner, Chef des CSU-Kreisverbands Rosenheim, hält große Stücke auf sie. Aigner sei „absolut geeignet, sehr verbindend – und eine starke Persönlichkeit“. Sie habe sehr gute Chancen, schon von ihrer Persönlichkeit her. „Es gibt nur wenige Menschen, die parteiübergreifend diese Stärke haben, Menschen zu verbinden und andere Ansichten zu akzeptieren.“
Diese Fähigkeit zum Verbinden hält auch der Rosenheimer Landtagsabgeordnete Daniel Artmann für Aigners Stärke. Sie sei immer nah bei den Bürgerinnen und Bürgern, „nie abgehoben, sondern immer auf Augenhöhe“. Sie sei kommunikationsstark, integer und empathisch, und sie baue Brücken: „zwischen politischen Lagern, zwischen Stadt und Land sowie zwischen den Bürgerinnen und Bürgern und den staatlichen Institutionen.“
Sie sei bürgernah und schätze den Dialog: Das gefällt dem Landtagsabgeordneten Sebastian Friesinger an Ilse Aigner. „Sie verbindet, ist eine Frau, die zuhört, auf Menschen zugeht, jedoch auch Probleme löst, wenn es drauf ankommt.“ Im Landtag habe sie bewiesen, dass sie vehement „für unsere Demokratie eintritt“. Lobpreis, in das die bayerische SPD – zumindest in großen Teilen – einstimmen kann. „Ilse Aigners bodenständige Art schafft Vertrauen und ermöglicht eine unverstellte Kommunikation“, sagte etwa Landtags-Vize Markus Rinderspacher.
Eine bürgernahe
Brückenbauerin
Sehr freuen würde sich Maria Noichl, SPD-Europaabgeordnete aus Rosenheim, „und das nicht nur, weil sie die erste Frau in dem Amt wäre“. Sie kenne Aigner gut, auch aus der gemeinsamen Zeit im Landtag. „Und wir brauchen jemanden, der Brücken baut und nicht Öl ins Feuer gießt, der verbindet und zuhören kann, der ein großes Herz hat, aber eine klare Position.“ Erst kürzlich sei sie bei einer Zeugnisverleihung neben Ilse Aigner gesessen und habe ihr viel Glück gewünscht. Übrigens: Auch Bundespolitiker wie der Vizekanzler Lars Klingbeil äußern sich gut über Aigner.
Außerhalb der Berliner Koalition ist das Echo erwartungsgemäß gemischt. Positiv äußert sich noch Sepp Lausch. Der Freie-Wähler-Abgeordnete aus Großkarolinenfeld ist persönlich eingenommen von Aigner. „Ich durfte sie als charmante, aber durchsetzungsstarke Frau kennenlernen, die sowohl Stammtisch wie Staatsakt kann.“
Der Bad Aiblinger AfD-Landtagsabgeordnete Andreas Winhart könnte sich immerhin noch darüber freuen, „wenn jemand aus dem benachbarten Stimmkreis ein derart hohes Amt erlangen kann“. Allerdings dürfe Ilse Aigner aktuell nicht auf AfD-Stimmen in der Bundesversammlung hoffen.
Kritische Stimmen von
ganz links und rechts
„Wir haben nicht vergessen, wie sie der Kollegin letzten Sommer das Mikro abgedreht hat“, sagte Winhart dem OVB. Ebenso kritisiere seine Partei, dass ihr Sitze im Landtagspräsidium, im Parlamentarischen Kontrollgremium oder in Ausschüssen verweigert worden seien.
Harte Kritik kommt aus den Reihen der Linken. Der Rosenheimer Bundestagsabgeordnete Ates Gürpinar hält Ilse Aigner für ebenso wenig geeignet wie „einen der anderen umhergeisternden Namen“, sagte Gürpinar dem OVB. „Wir brauchen niemanden, der oder die von der eigenen Parteiführung weggelobt werden soll, sondern eine Person, die glaubhaft ein Auge auf die dringlichsten Probleme in der Gesellschaft hat: die Eingriffe in den Sozialstaat, den Rechtsruck, Krieg und die Klimakrise.“ Die Debatten innerhalb der Koalition deuteten auf einen Kuhhandel hin, nach dem Motto „Ihr bekommt das Amt, dafür müsst ihr an anderer Stelle Zugeständnisse machen.“
Die Rosenheimer Grünen-Abgeordnete Victoria Broßart hält Aigner für keine schlechte Wahl, aber vielleicht besser auf einem anderen Posten aufgehoben: „Würde die Union allerdings beschließen, Bundeskanzler Friedrich Merz durch Ilse Aigner zu ersetzen, das wäre ein großer Gewinn für das Land.“
Die Wahl des Bundespräsidenten liegt in den Händen der Bundesversammlung. Dieses Gremium tritt ausschließlich zur Wahl des Staatsoberhauptes zusammen und besteht aus sämtlichen Mitgliedern des Bundestags und einer ebenso großen Anzahl von Persönlichkeiten, die von den Länderparlamenten aufgestellt werden. Dabei muss es sich nicht um Landtagsabgeordnete handeln, es kommen vielmehr auch Persönlichkeiten aus Sport, Wirtschaft oder Kultur in Frage.
Wie groß sind die Chancen, dass dieses Gremium zu einer Bewerberin aus dem Landkreis Rosenheim „Ja“ sagt? Ein Selbstläufer ist das Ganze jedenfalls nicht. Es handele sich um ein demokratisches Verfahren, bei dem es um „mehrheitsfähige Kandidaten geht, hinter dem oder der wir geschlossen stehen“, sagt Daniela Ludwig. Wichtig sei, dass Deutschland eine „integre und überzeugende Persönlichkeit bekommt, die unser Land in stürmischen Zeiten führen und repräsentieren kann“.
Die Gehandelte selbst
schweigt lieber
Daniel Artmann sieht die Chancen Aigners „sehr positiv“. Für Klaus Stöttner ist entscheidend, ob sich die Union einig werden kann. Einfluss haben auch die Bundesländer – in denen die AfD womöglich bald mehr zu sagen hat. Der Mensch Aigner an sich werde jedenfalls positiv gesehen – auch von der SPD. Ob sie einen gemeinsamen Kandidaten vorschlagen wollen, werden CDU/CSU und SPD im September mitteilen.
Und was sagt Aigner selbst? Es gebe Schlimmeres, als für dieses Amt gehandelt zu werden. Ferner heißt es aus dem Landtagspräsidium unverdrossen, die Präsidentin werde sich nicht an Spekulationen beteiligen. Frank-Walter Steinmeier darf nach zehn Jahren oder zwei Amtszeiten nicht mehr zur Wahl antreten.
Nach der Wahl im Januar beginnt die nächste Amtszeit im März 2027.