Rosenheim – Er musste alles mit anschauen. Ohne den Hauch einer Chance, das Unheil zu verhindern. „Ich habe es live gesehen, konnte aber überhaupt nichts dagegen machen“, sagt Hamza Alagöz. Der Inhaber des Juweliergeschäfts Alagöz in der kleinen Fußgängerzone steht im Eingangsbereich seines Ladens und streicht mit einer Hand vorsichtig über den beigen Samtbezug einer Auslage. Das schützende Glas darüber fehlt an dieser Stelle. „Da haben die Täter mit einem Werkzeug draufgeschlagen und die Scheibe kaputt gemacht“, sagt der Juwelier.
Maskierte Täter brauchen
nur Minuten für die Tat
In den frühen Morgenstunden des 27. Juli – gegen 4 Uhr – brachen drei unbekannte Täter, maskiert mit Sturmhauben, in sein Geschäft in der Münchener Straße ein. Sie fuhren mit einem silbernen VW Golf gegen den Eingangsbereich des Ladens, schnappten sich Schmuck im Wert von rund 30.000 bis 40.000 Euro und flüchteten nach nicht mal einer Minute mit einem schwarzen Audi. Die Polizei wird später auch aufgrund des hochprofessionellen Vorgehens der Täter von einem Blitzeinbruch sprechen.
Inhaber zum wiederholten
Mal betroffen
Hamza Alagöz war während des Einbruchs gerade in der Türkei. Auf seinem Handy ploppte plötzlich eine Nachricht der Alarmanlage seines Ladens in Rosenheim auf – danach konnte er nur noch über die Überwachungskamera zuschauen, wie die Täter das Geschäft durchwühlten, Scheiben einschlugen und seine Ware klauten. Die Einbrecher hätten Armbänder, Kinderohrringe, Armreife und auch Trauringe mitgenommen. Das Tragische: „Normalerweise räumen wir abends alles ab und verstauen es sicher. Da unser Laden aber noch so neu ist, wollten wir extra ein paar Teile im Schaufenster lassen, damit die Kunden sie anschauen können“, sagt Alagöz.
Der geklaute Schmuck sei aber nur das eine. Genauso zu schaffen mache dem Juwelier der Schaden im Laden. „Wir haben diese Filiale erst seit acht Monaten, es ist alles noch ganz neu“, sagt Alagöz. Der Umbau des Ladens sei noch nicht mal abbezahlt, jetzt habe er wieder neue, erhebliche Kosten. Das Finanzielle werde er aber schon irgendwie stemmen. Das Gefühl, das der Einbruch hinterlässt, sei nochmal etwas ganz anderes.
Niemals habe er daran geglaubt, nach so kurzer Zeit nach der Ladeneröffnung Opfer eines Einbruchs zu werden. Wieder einmal. „Für uns ist das nicht neu, die andere Filiale war schon mehrmals betroffen“, sagt Alagöz. Verstehen kann er es nicht. Auch wenn die Einbrüche in ganz Deutschland in letzter Zeit zunehmen – warum es die Täter immer wieder auf ihn abgesehen haben, sei für Hamza Alagöz nicht nachvollziehbar.
„Die haben es doch meist auf größere Sachen abgesehen“, sagt er. Dann macht er eine kleine Pause, um eine ältere Dame, die den Laden betritt, zu bedienen. Kaufen möchte sie nichts, sie reicht dem Juwelier nur ein kleines Geschenk mit Blumen – „als Trost für Sie“, sagt die Frau. Sichtlich gerührt nimmt Alagöz die Blumen an, bedankt sich und sagt: „Das bedeutet mir sehr viel, dass die Kunden mich psychologisch ein bisschen unterstützen.“ Er sei seit 35 Jahren in Rosenheim. Dass so viele Menschen ihn jetzt unterstützen, hätte er nicht gedacht.
Inzwischen habe er das Geschäft auch wieder so hergerichtet, dass er zumindest wieder aufsperren konnte. Die Tür wurde wieder eingesetzt, die Scheiben teilweise gerichtet und der Elektriker war schon da. Sein Sohn und die ganze Familie hätten beim Aufräumen und der Organisation tatkräftig mitgeholfen. Eigentlich wollte Hamza Alagöz den vorderen Bereich des Ladens, der von den Tätern am meisten verwüstet wurde, noch mehr dekorieren – „allerdings bin ich noch ganz schön schockiert von der Sache“, gibt er zu.
Viele Zeugenhinweise und
Videos von den Tätern
Von den Tätern fehlt bislang noch jede Spur. Gejagt werden sie von der Ermittlungsgruppe „Blitz“ bei der Rosenheimer Kriminalpolizei. „Die Ermittlungsgruppe hat den Auftrag, nach bestem Wissen an dem Fall zu ermitteln und im wünschenswertesten Fall auch die Täter zu ermitteln“, sagt Mario Benkert, Leiter der „Blitz“-Gruppe und Chef vom Kommissariat K2 für Eigentums- und Erpressungsdelikte. Sämtliche Spuren, vom Tatort, aus dem Fahrzeug, mögliche DNA-Spuren oder Hinweise landen bei den Ermittlern auf dem Tisch.
Die Arbeit könne auch mal über die normalen Tagesabläufe hinausgehen, auch die Wochenenden seien nicht immer frei, sagt Benkert. Zumal am Tatort zahlreiche Spuren zu begutachten waren. „Ich war selber vor Ort, das war alles ein Scherbenhaufen“, sagt der K2-Leiter. Die Spurensicherung dauert mehrere Stunden, die Kollegen benötigten mehr als vier oder fünf Stunden.
Ansonsten folge der Ablauf am Tatort einer klassischen Reihenfolge. „Wir befragen die Zeugen, die vor Ort sind, ob man Fahndungshinweise bekommen kann, wir nehmen eine Täterbeschreibung auf oder die eines Fluchtfahrzeuges. Danach beginnt die Fahndung in Koordination durch die Einsatzzentrale“, erklärt Mario Benkert. Der allererste Schritt sei aber das „Abflattern“ mit dem typischen rot-weißen Band.
Die Täter noch direkt nach dem Einbruch zu erwischen, ist hingegen schwierig. „Wenn die Alarmanlage losgeht, der erste Zeuge merkt, was gerade vor sich geht, und den Notruf absetzt, dann läuft die Zeit schon“, sagt Benkert. Die Einbrecher sitzen da schon im Fahrzeug und rasen davon. Wenn nicht zufällig eine Streife ums Eck steht, hätten professionelle Täter gute Chancen, sich schon ein Stück abzusetzen. „Das wird aber berücksichtigt bei der Fahndung“, sagt Benkert. Die Hoffnung, dass er und seine Kollegen die Täter noch schnappen, sei aber groß. Auch, weil in diesem Fall etwas anders ist, als bei anderen Einbrüchen: „Es haben überraschenderweise sehr, sehr viele Leute mitbekommen“, sagt Benkert. Unmengen an Hinweisen seien bei der Polizei eingegangen. „Es gab auch sehr mutige Zeugen, die direkt hingelaufen sind“, sagt der K2-Leiter. Einige hätten mit dem Handy mitgefilmt. „Die Aufnahmen der Zeugen, das ist natürlich absolut ungewöhnlich“, sagt Benkert.
Bei einigen Videos laufe es sogar dem erfahrenen Kripo-Ermittler „eiskalt den Rücken runter“, da einige Zeugen den Tätern schon sehr nahegekommen seien. „Wenn die Täter Flucht unterbrechen, sich auf die Menschen konzentrieren, das ist schon eine Gefährdungslage“, sagt Benkert. Er appelliert, dass man immer den Eigenschutz beachten und vorsichtig sein soll. Die Mithilfe der Zeugen finde er aber „überragend“ – auch, weil sie die Chance, die Täter zu erwischen, erhöht.
Durchhaltevermögen
beim Juwelier
Darauf hofft auch Hamza Alagöz. Er sei einfach nur froh, dass keinem Menschen etwas passiert ist. Er stehe zwar jeden Tag im Laden, die Gedanken seien aber bei seiner Familie: Was wäre, wenn jemand von ihnen beim Einbruch irgendwann mal im Geschäft ist? „In unserer Branche gehört das aber zum Risiko dazu, ich lasse mich nicht unterkriegen!“
In der neuen Folge des OVB24-Podcasts „True Crime zwischen Inn und Alpen“ gibt es alle Details des Falls und wie die Polizei und der Inhaber die ersten Stunden danach erlebten, zum Nachhören.