Rosenheim – „Rosenheimer Zeitsprünge“ heißt die einmal wöchentlich erscheinende Serie der OVB-Heimatzeitungen, von OVB online und der 24er-Portale. Was darf der Leser von der Serie erwarten? Auf alle Fälle tolle Bilder aus den letzten Jahrzehnten, die sich mit einem Vorher/Nachher-Schieberegler in die Gegenwart verwandeln und mit einem Klick auch vergrößern lassen.
Der Roßacker ist ein historischer Bereich der Rosenheimer Altstadt, war über Jahrhunderte der sogenannte „Kellerberg“ Rosenheims und ist eines der spannendsten historischen Viertel Rosenheims. Am Roßacker treffen Brauereigeschichte, Volkskultur und Barockarchitektur auf engstem Raum zusammen.
„Am Roßacker“ ist älter
als Rosenheim selbst
Der Roßacker war ursprünglich ein eigenständiger Weiler und später eine eigene Landgemeinde, die sogar älter ist als Rosenheim. Die erste urkundliche Erwähnung des Roßackers stammt aus dem Jahr 1160, während Rosenheim erst 1232/1234 erstmals urkundlich genannt wurde.
Im 17. und 18. Jahrhundert kauften die Rosenheimer Brauer dort schrittweise Bauernhöfe auf. Der Grund war einfach: Der Roßacker lag höher als der Markt, war hochwassersicher und eignete sich ideal für tiefe Bierkeller. So entstand der berühmte Kellerberg. Die Eingemeindung erfolgte 1837. Seitdem gehört der Roßacker offiziell zum Markt Rosenheim (die Stadt Rosenheim entstand erst 1864). Es gibt einen Satz, den Stadtführer in Rosenheim gerne sagen: „Der Roßacker ist älter als Rosenheim.“ Das stimmt – zumindest nach den ersten urkundlichen Erwähnungen.
Bereits im 17. Jahrhundert begannen die Rosenheimer Brauer am Roßacker tiefe Lagerkeller in den Hang zu bauen. Dort blieb das Bier auch im Sommer kühl. Ab dem frühen 19. Jahrhundert entstanden daraus beliebte Kellerwirtschaften mit Biergärten, Kegelbahnen und Musik.
Fast jeder Lagerkeller entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einer Kellerwirtschaft mit Biergarten. Besonders berühmt war der Pernlohner-Keller, der zeitweise als größte Kellerwirtschaft Rosenheims galt. Im Innenhof saßen an schönen Sonntagen oft mehrere Hundert Gäste gleichzeitig. Um 1900 herrschte dort an Sommerabenden reger Betrieb: Militärkapellen spielten, Vereine trafen sich, Familien saßen unter Kastanien, und aus den kühlen Gewölben wurde frisch gelagertes Märzenbier geholt. Zeitgenossen beschrieben den Roßacker damals als das Rosenheimer Vergnügungsviertel – gewissermaßen die Mischung aus Biergarten, Konzertplatz und Ausgehmeile seiner Zeit. Der ehemalige Pernlohner-Keller steht heute noch. Er befindet sich in Am Roßacker 7 und ist als Baudenkmal eingetragen.
Das heutige Flötzinger-Brauereigelände am Roßacker entstand nicht auf einmal, sondern wuchs über Jahrhunderte. Der ursprüngliche Flötzinger-Bräu befand sich in der heutigen Kaiserstraße. Bereits im 18. Jahrhundert gehörten dem Flötzinger-Bräu die Keller am Roßacker. Um 1900 bis 1910 ließ Brauereibesitzer Joseph Krichbaumer die eigentliche Produktionsstätte an den Roßacker verlegen. Die großen Backsteingebäude, Sudhäuser und Maschinenanlagen stammen überwiegend aus dieser Zeit. Der Grund war einfach: Am Roßacker gab es bereits die tiefen Lagerkeller, außerdem war genügend Platz für eine moderne Industrieanlage vorhanden.
Im Zentrum des Roßackers fällt sofort die Roßackerkapelle auf. Sie wurde von 1737 bis 1739 vom Brauereibesitzer Martin Schmetterer und seiner Frau Magdalena gestiftet. Besonders bemerkenswert: Die Kapelle wurde direkt in das Kellerhaus integriert – darunter lagen die Bierlagergewölbe. Im Erdgeschoss befand sich der Bierkeller, darüber die Kapelle. Man kann sich vorstellen, wie eng damals Brauereiwesen und religiöses Leben miteinander verbunden waren.
Unter dem Roßacker existieren heute noch zahlreiche historische Bierkeller und Stollen, von denen viele der Öffentlichkeit kaum bekannt sind. Das ist tatsächlich eines der spannendsten Kapitel der Rosenheimer Stadtgeschichte. Wenn man heute über den Roßacker geht, ahnt man kaum, dass sich unter den Häusern ein ganzes System ehemaliger Bierkeller befindet.
Beeindruckende Bauwerke
und Coca-Cola am Roxyberg
Die Bierkeller waren keine kleinen Gewölbe, sondern teilweise beeindruckende Bauwerke. Vor der Erfindung der Kältemaschine musste Bier ganzjährig bei etwa sechs bis acht Grad gelagert werden. Deshalb gruben die Brauer ihre Keller tief in den Nagelfluh- und Kieshang des Roßackers. Die natürliche Erdtemperatur sorgte für eine gleichmäßige Kühlung. Im Winter wurden zusätzlich große Eisblöcke aus dem Inn oder dem Happinger See eingelagert und mit Sägemehl isoliert. So hielt das Eis oft bis weit in den Sommer hinein.
Viele Rosenheimer erinnern sich an die Tanzlokale und Veranstaltungsräume, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in ehemaligen Kellerwirtschaften am Roßacker befanden. Der Auerbräu-Keller wurde beispielsweise weiterhin als Veranstaltungsort genutzt. In seinem ehemaligen Saal eröffnete 1949 sogar das Roxy-Kino. Und eine Weltmarke gab es am Roßacker ebenfalls: Coca-Cola. Bis Mitte der 1970er-Jahre gab es im Haus an der Ecke Schmettererstraße/Am Roßacker eine Abfüllstation der weltweit bekannten Marke Coca-Cola. Im Hinterhof standen viele Coca-Cola-Lastwagen, die das Erfrischungsgetränk im Raum Rosenheim auslieferten. 1976/1977 zog das THW Rosenheim in das Coca-Cola-Haus und ist bis heute dort beheimatet.