Grainbach – Schon ab 8 Uhr am Sonntagmorgen trafen die ersten Vereine in Grainbach ein. Nach und nach füllten sich Festplatz und Festzelt mit Trachtlern, Musikanten und Fahnenabordnungen. Am Ende dürften es nach einer ersten Schätzung rund 2.000 Trachtlerinnen und Trachtler gewesen sein, die gemeinsam mit zahlreichen Zuschauern den großen Festsonntag zum 130-jährigen Bestehen des GTEV „Hochries-Samerberg“ Grainbach feierten.
Auch das Wetter spielte den Grainbachern in die Karten: Der Himmel blieb weitgehend bewölkt, es war trocken und dadurch weder beim Festgottesdienst noch beim anschließenden Festzug zu heiß. Ideale Bedingungen also für einen Tag, auf den der Verein und viele Helfer über Wochen hingearbeitet hatten.
Weiße Tauben steigen
in den Himmel auf
Nach dem Kirchenzug versammelte sich die große Festgemeinde zum Gottesdienst unter freiem Himmel. Fahnenabordnungen, Musikanten und Trachtler füllten die Wiese vor dem Feldaltar, den Grainbacher Bürger bereits am Vortag vorbereitet und festlich geschmückt hatten. Die Fahnenabordnungen aller Vereine nahmen dabei gemeinsam neben dem Altar Aufstellung. Ein besonderer Moment stand gleich am Beginn: Als Dank für 130 Jahre Vereinsgeschichte ließ der GTEV weiße Tauben in den Himmel aufsteigen. Ein stilles und zugleich eindrucksvolles Bild, das sich gut in das Festmotto „Grainbach – an Himme so nah“ einfügte.
Gestaltet wurde der Festgottesdienst im Dialog von Diakon und Pfarrverbandsbeauftragtem Günter Schmitzberger, Kurat Tobias Pastötter, dem priesterlichen Leiter der Seelsorge sowie Gemeindereferentin Conny Gaiser. Musikalisch wirkten die Samerberger Bläser und die Geschwister Bauer mit; auch Alphörner waren in die Liturgie eingebunden.
Neues Fahnenband
gesegnet
Zu Beginn wurde außerdem ein neues Fahnenband gesegnet, das der Patenverein „Almengrün“ Riedering für die Grainbacher Fahne hatte anfertigen lassen. Die Dirndlvertreterinnen aus Riedering überreichten es als sichtbares Zeichen der Freundschaft zwischen beiden Vereinen. „Wir besiegeln unsere Freundschaft mit diesem Fahnenband“, erklärten sie bei der Übergabe. Die Schutzfrau Bayerns möge die Grainbacher in guten wie in schwierigen Zeiten begleiten, Kraft und Hoffnung geben und an den gemeinsamen Weg erinnern.
Damit griff die Übergabe einen Gedanken auf, der sich durch den gesamten Gottesdienst zog: Gemeinschaft lebt nicht allein von Festtagen, sondern davon, aufeinander zuzugehen, zusammenzuhalten und füreinander einzustehen. Auch im Segensgebet wurde das Fahnenband ausdrücklich als Zeichen für Kameradschaft, gegenseitige Achtung und Hilfsbereitschaft bezeichnet.
Die dialogisch gestaltete Predigt stellte anschließend die Frage in den Mittelpunkt, was 130 Jahre Tradition für die Gegenwart und vor allem für die Zukunft bedeuten. Generationen hätten in Grainbach Tracht getragen, getanzt, geplattelt, musiziert, geschnalzt, Theater gespielt und Gemeinschaft gelebt. Der Verein stehe heute mitten in dieser langen Geschichte.
Doch Tradition allein könne nicht bedeuten, sich darauf zurückzuziehen, dass etwas „immer schon so gemacht“ worden sei. Entscheidend sei vielmehr, was Tradition auch für kommende Generationen lebendig halte.
Eine der zentralen Aussagen lautete deshalb: „Heimat muss verbinden. Aber Heimat darf nicht ausgrenzen.“ Aus einem „Wir“ dürfe kein „Nur wir“ werden. Heimat bedeute nicht allein zu wissen, wo man selbst herkomme, sondern auch anderen Heimat ermöglichen zu können.
Tradition wurde dabei nicht als starres Festhalten am Vergangenen verstanden, sondern als Weitergabe: „Tradition heißt: Ich empfange etwas – und ich gebe es weiter.“ Dass dies durchaus mit neuen Ideen geschehen könne, zeigte die Predigt mit einem augenzwinkernden Hinweis auf die moderne Instagram-Werbung des Vereins mit dem fliegenden „Bier-Engel“. Die vielleicht prägnanteste Zukunftsformel des Gottesdienstes lautete schließlich: „Unsere Aufgabe ist: Wurzeln haben – und trotzdem wachsen.“ Ein Jubiläum sei deshalb nicht nur Rückblick, sondern auch die Frage, was die heutige Generation der nächsten mitgeben wolle.
Gerade die vielen Kinder und Jugendlichen unter den Trachtlern machten diesen Gedanken am Festsonntag sichtbar. Zwischen historischen Fahnen, Trachten und jahrzehntelang gepflegtem Brauchtum prägten zahlreiche junge Gesichter das Bild.
Nach dem Festgottesdienst formierte sich der große Festzug durch Grainbach. Die offizielle Zugordnung sah sechs Züge vor. Angeführt wurde der erste Zug von Vorreitern und der Musikkapelle Samerberg, gefolgt von Vorstandschaft und Festleitung, Ehrengästen und der Festkutsche. Danach schloss sich der GTEV „Hochries-Samerberg“ als Festverein an. Auch die Samerberger Ortsvereine waren zahlreich vertreten: Leonhardiverein, Gebirgsschützen, Schützengesellschaft Törwang, die vier Feuerwehren Grainbach, Törwang, Roßholzen und Steinkirchen, die Veteranenvereine sowie die Bergwacht reihten sich ein. Es folgten die beiden Patenvereine „Almengrün“ Riedering und „Riesenkopf“ Degerndorf sowie zahlreiche weitere Trachtenvereine aus der gesamten Region.
Insgesamt begleiteten acht Musikkapellen den Festzug: Samerberg, Riedering, Bernau, Flintsbach, Großholzhausen, Bad Endorf, Hirnsberg-Pietzing und Nußdorf.
Pferdegespanne, geschmückte Wagen, Fahnen, Kinder- und Jugendgruppen sowie lange Reihen von Trachtlerinnen und Trachtlern bestimmten das Bild. Entlang der Straßen hatten sich zahlreiche Zuschauer eingefunden. Sie säumten die Strecke, winkten den vorbeiziehenden Gruppen zu und begleiteten den Zug mit Applaus.
So wurde der Festsonntag zu einem eindrucksvollen Höhepunkt der fünftägigen Jubiläumswoche – und zugleich zu einem sichtbaren Beleg dafür, dass die Grainbacher Trachtensache nach 130 Jahren nicht allein von der Erinnerung lebt. Am Ende der Predigt war dieser Gedanke noch einmal auf einen einfachen Satz gebracht worden: Heimat bedeute nicht nur zu wissen, wo man hingehöre, sondern anderen das Gefühl zu geben: „Schön, dass du da bist. Du gehörst dazu.“ Vielleicht war genau das an diesem Festsonntag überall in Grainbach zu spüren.