„In meinem Hirn ist etwas explodiert“

von Redaktion

Im Mordprozess um einen Femizid in Burgkirchen sagt die Tochter (16) des Opfers aus und berichtet von erschütternden Details der Beziehung zwischen ihrer Mutter und deren eifersüchtigen Ex-Partner. Der Angeklagte gibt derweil an, sich nicht an das Geschehen zu erinnern. Der Prozess in Traunstein wird heute fortgesetzt.

Traunstein/Burgkirchen – Beim Gassigehen mit den zwei Hunden fand eine 50-Jährige in Burgkirchen einen gewaltsamen Tod. Ihr Ex-Partner, ein 48-jähriger Italiener aus Burghausen, erstach sie am Abend des 3. Dezember 2025 vor dem Bürgerzentrum auf offener Straße.

Das Schwurgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Volker Ziegler hörte in dem Mordprozess am gestrigen Montag die Tochter (16) der Verstorbenen zu einem Vorfall mit dem Angeklagten acht Tage vor dem Tod ihrer Mama an.

Tochter berichtet
von heftigem Streit

Von dem Geschehen am 26. November 2025 in der Wohnung des späteren Opfers erfuhr die Polizei erst nach dem Tod der 50-Jährigen. Die 16-jährige Tochter schilderte gestern – per Videovernehmung mit Rücksicht auf ihr Alter und auf ihren traumatischen Zustand – sie habe geschlafen und sei von einem lauten Streit wach geworden. Die Mama habe den Angeklagten mehrmals aufgefordert, zu gehen. Sie wolle nichts mehr von ihm wissen, die Beziehung sei beendet. Er sei „ausgerastet“ und habe die Mutter herumgeschubst. Diese sei zu Boden gestürzt. Als sie wieder aufgestanden sei, habe der Angeklagte sie erneut geschubst, sie an die Wand gedrückt und gewürgt.

Auf Frage des Gerichts meinte die Zeugin: „Es hat sich lange angefühlt. Wie lange es dauerte, weiß ich nicht.“ Sie habe die Mama gefragt, ob sie die Polizei rufen solle, habe jedoch keine Antwort erhalten, so die 16-Jährige. Plötzlich habe der 48-Jährige ein Messer in der Hand gehabt. „Da bin ich rausgerannt“, erinnerte sich die Jugendliche. Im Hausflur habe sie ihn nochmals gesehen. Er habe gedroht, sich umzubringen. Nachbarn, Polizei und Krankenwagen seien eingetroffen. Der Mann sei danach in ein Krankenhaus gebracht worden.

Der Angeklagte kam damals wegen Selbstgefährdung in ein Bezirksklinikum und wurde gut eine Woche später wieder entlassen.

Mehrere Stiche in
Gesicht, Hals und Brust

Die 16-Jährige erinnerte sich, mit der Mama habe sie am 3. Dezember 2025 die alte Kücheneinrichtung abgebaut und entsorgt. Sie seien danach zum Tanken und Essen gefahren. Abends hätten die Hunde noch mal rausgemusst. In den Tagen zuvor seien sie immer zusammen gegangen. Die Mama habe oft von Angst und von „einem komischen Gefühl“ gesprochen. An dem Tag habe sie jedoch wegen Schmerzen nicht mitgehen wollen, berichtete die Tochter.

Zu etwa der gleichen Zeit am 3. Dezember 2025 befand sich der Angeklagte nicht mehr in der Klinik. Ein Freund hatte ihn abgeholt. Der 48-Jährige fuhr mit seinem Pkw gegen 19.25 Uhr in die Tiefgarage am Max-Planck-Platz und zerstach – wie auch schon am 26. November 2025 – mehrere Reifen am Auto seiner Ex. Kurz vor 20.30 Uhr lauerte er ihr vor der Wohnadresse auf. Er wollte sie umarmen, sie versuchte, außer Reichweite zu gelangen. Dabei rief sie: „Ich will von dir nichts mehr wissen.“ Er schrie: „Ich bin dein Mann, ich bin dein Mann.“

Mehrere Personen wurden auf den Streit und die Hilferufe der Frau aufmerksam. Die 50-Jährige stürzte nach mehreren Stichen in Gesicht und Hals zu Boden. Der Täter kniete sich über das blutende Opfer und setzte gemäß Anklage noch einen Stich in die Brust. Trotz aller Bemühungen von Passanten und Rettungssanitätern verstarb die Frau auf der Straße gegen 21.24 Uhr.

Der Angeklagte floh nach Burghausen. Das Messer warf er in die Salzach. Polizeibeamte konnten ihn nach einer intensiven Fahndungsaktion in den Morgenstunden des 4. Dezember 2025 in seiner Wohnung festnehmen.

Der Angeklagte hatte der 50-Jährigen vielfach via Handy vorgeworfen, die Schuld an seiner Einweisung am 26. November 2025 in das Bezirksklinikum zu tragen. In vom Gericht verlesenen Sprachnachrichten kurz vor dem Tod der Mutter bezeichnete das 16-jährige Mädchen ihn als „Psychopathen“. Ihre Mama habe vor ihm große Angst empfunden. Ihnen beiden gehe es sehr schlecht, schrieb die 16-Jährige damals an Freunde. Auf einen Polizisten wirkte die Tochter am 26. November 2025 „total verstört“. Damals ging es allerdings nach Ankunft der Polizei ausschließlich um die Selbstgefährdung des Angeklagten. Von der vorherigen Körperverletzung an der Frau war keinerlei Rede.

Der 48-Jährige hatte seinen Verteidiger, Karl-Heinz Merkl aus Burghausen, bei Prozessauftakt erklären lassen, er könne sich an das Geschehen nicht erinnern, erst wieder an seine Verhaftung. Er sei auf den ersten Mann der Geschädigten äußerst eifersüchtig gewesen. Vor der Tat habe er Alkohol, Kokain und Cannabis konsumiert. Der Verteidiger zitierte den Täter: „In meinem Hirn ist etwas explodiert und außer Kontrolle geraten. Die Stiche mit dem Messer tun mir unendlich leid.“

Schnitt durchtrennte
Venen und Halsschlagader

Die Sachverständige Ina Clasen vom Rechtsmedizinischen Institut an der Uni München informierte gestern über die Obduktionsergebnisse. Neben weiteren Stich-Schnitt-Verletzungen in das Gesicht und den Ohrbereich seien bei einem der Schnitte gegen den Hals die beiden großen Venen und die linke Halsschlagader vollständig durchtrennt worden. Die Alkoholisierung des Angeklagten zur Tatzeit berechnete Ina Clasen mit mindestens 1,2 Promille.

Für den heutigen dritten Prozesstag wird das psychiatrische Gutachten von Dr. Susanne Lausch aus Straubing erwartet. Im Mittelpunkt steht dabei die Schuldfähigkeit des Angeklagten. Danach könnten die Plädoyers von Staatsanwältin Lisa Grindinger, Nebenklagevertreter Jannik Groß aus Altötting und von Verteidiger Karl-Heinz Merkl folgen. Wann das Urteil verkündet wird, ist derzeit noch offen.

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